Text: heike blümner aus De:Bug 27

DIESEN ALS SPALTE AN DEN RAND, DESHALB EXTRA EINE DOPPELSEITE GENOMMEN. ES SOLL ETWAS SPIEGELMÄSSIG AUSSEHEN. MIT ZUSATZINFORMATION, SOZUSAGEN. Party in Beirut: Die einzige Person, die die Aktion nicht weiter bemerkenswert fand, war seltsamerweise meine Mutter. “Party in Beirut? Na, dann viel Erfolg!” Bei allen anderen, inklusive mir selbst vor der ersten Reise im Mai, löst das Wort Beirut eine diffuse, aber recht stereotype Assoziationskette aus. Kindheitserinnerungen (unverständliche Radio-Kriegsberichterstattung) mischen sich mit Szenen aus Don De Lillo-Romanen. Am Ende ist Beirut “das ehemalige Monte Carlo des nahen Ostens” mit den tollen Altbauvillen, das irgendwann einem paranoiden “Alle gegen Alle-Krieg” zum Opfer fiel, dessen Treibstoff Autobomben, Geiselnahmen und multinationale Korruption war. Fies, zynisch, aber mindestens genauso glamourös wie geile Verschwörungstheorien. Vor neun Jahren, übrigens am 3. Oktober 1990, unterschrieben alle beteiligten Kriegsparteien ausser Israel einen Friedensvertrag. Seitdem sind zwar die Spuren und Folgen des Krieges noch überall in der Stadt sichtbar, aber die Bevölkerung ist mit voller Überzeugung auf Alltag gebürstet. Auch wenn fast jedes Haus in Beirut von Einschusslöchern übersät ist und an jeder dritten Ecke ein Militärposten steht. Niemand kümmert sich weiter darum. Was so erstaunlich auch nicht ist. Denn wer in Berlin macht sich schon täglich Gedanken darüber, an welchem historischen Ort er gerade vorbeiläuft oder welches Verbrechen dort geplant wurde? Faszination liegt eben im Auge des Betrachters. Die meisten Leute, die es sich in Beirut irgendwie leisten können, lassen sich lieber von gutem Aussehen, Designer-Kram, saucoolen Autos und Parties faszinieren als von Soldaten und zerbombten Häusern. Beiruts wohlhabende bis hyperreiche Schichten, die natürlich in der Minderheit, aber nicht wenige sind, machen aus ihrem sympathischen bis grotesken Hedonismus kein Geheimnis. Aufbrezeln, Essengehen und Tanzen sind dementsprechend die Number one Wochenend-Aktivitäten. Durch den Krieg zwangsweise internationalisiert, verbrachten die meisten ihre Jugend zumindest partiell in Schweizer Internaten, amerikanischen Universitäten, bei französischen Verwandten oder alles zusammen. Fast jeder in Beirut, auch die weniger Privilegierten, spricht Arabisch, Englisch und Französisch. Im Gegenzug brach der Besucherstrom durch den Krieg in Beirut fast ab. Für die weltgewandten Beiruter ist ein europäischer Besucher fast genauso exotisch wie die Stadt für den Europäer. Woraufhin sich automatisch die Frage anschliesst: “Kann man da überhaupt Parties machen?” Ja, man kann. Nur dass dort alles anders funktioniert als hier. In den Clubs, die mitunter unfassbar stylish und dementsprechend teuer sind, amüsieren sich vierzigjährige Unternehmer neben zwanzigjährigen Studenten. Geld ist der gemeinsame Nenner, House der präferierte Sound, Armand van Helden der grösste Superstar in Town. Auf die Idee, das Nachtleben mit niedrigeren Preisen ein wenig zu demokratisieren, kommt niemand. Geschweige denn, sich initiativ in irgendeinem der unzähligen halb kaputten oder leerstehenden Gebäude einzunisten. Dementsprechend gibt es auch in ganz Beirut keinen Plattenladen, sondern nur CD-Shops. Es gibt weder bezahlbare, unabhängige Klamottenläden geschweige denn H&M. Was gut ist, muss auch teuer und gelabelt sein, weswegen unsere Ausbeute aus dem in den siebziger Jahren stehengebliebenen Sportgeschäft von der örtlichen Jugend eher mitleidig belächelt wurde. Das klingt nach unsymphatischem Schnöseltum, kommt aber in der Praxis eher pragmatisch, denn wer will schon Klamotten tragen, die im Krieg modern waren. Ausserdem kommt man als Betrachter in den Genuss von topangezogenen jungen Menschen mit schicken Autos, die sich aufs dankbarste amüsieren. Was verdammt gut aussehen kann. Zwei Outdoor-Raves in Beirut, einer in Amman/ Jordanien war das Programm für knapp zwei Wochen, aus denen wegen jordanisch bürokratischem Zollterror drei wurden. Neben zahlreichen Stromausfällen und anderen, nervlichen Aussetzern (“Wie, es gibt im Libanon keine Doppelstecker?”) war die Reise, tja, atemberaubend. Mit dabei Tobias Thomas, mitch, Videokünstler Timm Ringewaldt, flora&fauna, Ian Pooley sowie ein anderes, höchstseltsames Duo…

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Elektronische Lebensaspekte.