In Sachen elektronischer Musik ist Georgien dunkelste Diaspora. Mika Machaidze aka Nikakoi aus Tiflis tritt nun an, das endlich zu ändern. Mit einem Album auf WMF-Records und einer umtriebigen Posse junger Künstler zwingt er einen, sich Georgien definitv auf den Zettel zu schreiben.
Text: anett frank aus De:Bug 58

Groove aus Südkaukasien

Man muss sich das mal so vorstellen: Georgien ist eine Kaukasusrepublik, in der man im ehemaligen Paradiesgarten der UdSSR auch mit korrupten Strukturen groß geworden ist. Georgien ist auch der Staat an der südlichen Grenze zu Russland, dem es versagt blieb, nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 gegenüber dem sowjetischen Imperium tragfähige politische Strukturen zu entwickeln. Darunter hatte auch der staatlich kontrollierte Kulturbetrieb zu leiden. Neben anderen praktisch immer noch Nicht-Existenzen, wie zum Beispiel Plattenläden, die frische elektronische Pressware aus dem Rest der Welt verkaufen oder der Internetnutzung als Haupt-Kommunikations- und Informationsbeschaffungsmedium, ist sowas wie eine elektronische Infrastruktur, geschweige denn so etwas wie Clubkulturen mit angeschlossenen Szenen augenscheinlich kaum vorhanden.
Nikakoi (russ. für Niemand) aka Nika Machaidze kommt aus Tiflis und ist einer der Wenigen, die in Georgien elektronische Musik produzieren. Dabei macht er seinen Namen zur Einstellung. Elektronische Musik zu machen, ist für ihn nichts Außergewöhnliches. Es ist für ihn eine Art Volksmusik im Sinne von: “Jeder kann es tun und daran partizipieren”.
Nika dazu: “In Georgien gibt es vielleicht 50 Leute, die deine Musik konsumieren, und vielleicht zehn, die selber welche produzieren. Ich übertreibe natürlich ein bisschen, aber so in etwa kommt es schon hin. Insgesamt akzeptiert die georgische Bevölkerung diese Art von Musik überhaupt nicht. Die Kids hören lieber Retorten-Pop aus Georgien oder eben westeuropäische Mainstream-Charthits. Man kann sich natürlich schon über das Netz informieren, will man aber einen Track downloaden, kann das gleich mal bis zu 3 Stunden dauern – das macht keinen Spaß.” Es grenzt im wahrsten Sinne des Wortes an ein Wunder, wenn jedes halbe Jahr mal so etwas wie eine Party mit DJs etc. aufgezogen wird. Nika: “Ein Bekannter von uns wohnt etliche Kilometer von meiner Heimatstadt Tifilis entfernt. Er leiht uns seinen einzigen Turntable, wenn wir ihn mal brauchen.” Irgendwie fällt es schwer, sich klar zu machen, wie man dort ohne eine musikalisch-inspirierte Szene o. ä. “überleben” kann. Aber glücklicherweise gibt es ja GOSLAB.

Gosudarstvennaia-Laboratorya

GOSLAB meint ein multimedial offen arbeitendes Kollektiv aus befreundeten jungen Künstlern, die sich neben elektronischer Musik vorzüglich mit Fotografie, Malerei, Raum-Installationen, Mode, Dokumentar- und Kurzfilmen, sowie mit Performances auseinandersetzen. Der Name GOSLAB setzt sich aus dem russischen Wort “Gosudarstvennaia” (staatlich) und der Kurzform von “Laboratorya” (Laboratorium) zusammen. GOSLAB erinnert damit an die sowjetische Geschichte des Landes, als noch alles GOS war, impliziert aber im gleichen Gedankenzug den Willen zum Progress. Nikas Projekte sind Teil und musikalisches Verbindungselement eines gemeinsamen inhaltlich-kollektiv-moralischen Denkansatzes mit Kunst umzugehen und diese auszudrücken.
Bereits letzten Sommer hat Nikakoi seinen Einstand im Berliner WMF gefeiert, mit dem Effekt, dass ein Track von ihm auf einer [komfort.labor] CD landen sollte. Die Idee mauserte sich nach der Sichtung von Nikas breitwandig angelegten Produktionen zum ersten Artist-Album “Sestrichka” auf dem “WMF Rec.”- Sublabel für experimentell-loungige Elektronika.

Nika war, wie so viele, neben georgischer Musik elektronisch zu allererst von Übermutter Warp, sprich von Aphex Twin und Autechre beeinflusst, nicht auch zuletzt durch einen Zufall. Seine Cousine (Ein großes Dankeschön hiermit an Salome, die beim Interview ihre Rolle als Übersetzerin und Künstlermanagerin professionell und sympathisch durchzog) war Anfang der 90er in Deutschland und hat sich von den im Schaufenster eines Plattenladens ausgestellten Covern inspirieren lassen. Wieder zurück in Tiflis stieß der Inhalt der Einkaufstüte auf gespitze Ohren und prägte Nikas musikalischen Werkprozess. Das Album “sestricha” (Schwesterchen) versprüht auch einen Spirit, der von einer Sehnsucht nach Kindheitserinnerungen voller Glück in dem für ihn, wie er es sagt, paradiesischen Zustand zeugt. Neben Beats von der knackigen Art geben sich auch sanfte Melodien elegant den wavigen Gesangseinlagen von Tusia (Goslab) und Nika hin. Das “climb” Stück ist ja ein Traum von einer Mischung aus melodieverliebtem, kindlich-naivem Tagtraum und experimentellem Zerhackstück-Schnuspel. Das Duett “city lights [tutta 2]” der beiden birgt hingegen die sanfte Melancholie und Gedankenverlorenheit mit temperiertem Downtempo. Und richtige Hit-Qualitäten hat “orudila”, das mit georgischen Volksmusik-Sampels und mit derbem Charme dem gewohnten, etwas zur Verstockung geneigten und der gepflegten Langeweile anheim gefallenen Publikum in der “Russendisko” das Feiern beibringt. Fakt ist: Es wird eine Nikakoi-Maxi geben, die den bereits erwähnten Club-Smasher und auch die beiden Vocal-Stücke auf Vinyl erhältlich macht – ich kümmere mich dann schon mal um ein Exemplar.

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Elektronische Lebensaspekte.