Bohrinsel-Fashion contra Aktieneinbruch. Nike bringt mit der "Shox"-Reihe den Plattform-auf-Zylindern-Chic unter die Sneaker. Damit sich niemand fragt, ob das Boing, Boing, Boing vielleicht gar nicht so revolutionär ist, springt Basketballstar Vince Carter in Shox eine Nase höher als Michael Jordan.
Text: jörig henning aus De:Bug 46

BOING, BOING, BOING
Die neue Technologie des Nike-Schuhs
Wir Menschen sind krass widerstandsfähig, das ist bekannt. Dass wir zum Laufen eines Tages ein Material in unseren Schuhen brauchen, das normalerweise die Fliehkräfte von Formel 1 Autos dämpft, überrascht deshalb ein wenig. Doch man hat lange daran gearbeitet: 16 Jahre Entwicklungszeit stecken in der Shox-Technology. Ziel: Das federnde Feeling einer Tartanbahn der Harvard University in einen Laufschuh zu integrieren. Nike Designer Bruce Kilgore und das Team des Nike Sports Research Labs wurden mit der Forschung beauftragt. Der Schuh sollte funktionieren wie die Federung eines Autos, Unebenheiten im Gelände ausgleichen, die Insassen vor harten Schlägen schützen und somit bessere Laufleistungen fördern. Die Energie, die beim Auftreten entsteht, wird über die unter der Ferse sitzenden Stoßdämpfer im nächsten Schritt wieder an den Läufer zurückgegeben: der “BOING, BOING, BOING”-Effekt.
Nike Shox kommt zum 20 jährigen Jubiläum des Nike Sport Research Labs auf den Markt. Er soll Nikes selbst in den USA etwas angekratzten Kultstatus als technologischer Leader neu erstarken lassen. Dazu kann man natürlich keinen kurzlebigen Trend aus dem Boden stampfen, klar. Jetzt wartet man jedoch mit dem ambitioniertesten Technologieprojekt ever auf. Die zu klärende Frage: Ist es alles Hype, oder ist Shox eine geniale Neuerfindung, wie uns die Company glauben machen möchte?
Der Star im Schuh
Genug Überzeugungskraft weiß die Firma zumindest traditionell aufzubringen. Nikes Siegeszug-Konzept besteht normaler Weise in der Kombination eines hübsch und funktionell designten, pflegeleichten Produktes kombiniert mit cleveren Marketingfeldzügen und dem richtigen Casting für gerade geliebte Celebrity-Athleten. Die Arena für den Showdown auf dem amerikanischen Markt ist dabei das Basketballfeld. In den goldenen Jahren war das Star-Department für Nike mit Michael Jordan quasi konkurrenzlos besetzt. Jordans eigene Sneakerserie “Air-Jordan” ist immerhin die erfolgreichste Schuhserie aller Zeiten, die nur auf eine Person bezogen gewesen ist. Die vor ungefähr einer Dekade gelaunchte Nike-Air-Dämpfungstechnologie und der Erfolg von Superstar Jordan gipfelte für Nike in den Rekordsales des Jahres 1998.
1999 war gegen 98 ein lasches Jahr, 2000 ging mit der Olympiade in Sydney zwar in Ordnung, war aber nicht so toll wie 1998. Ungeahnt starke Konkurrenz erhielt Nike durch den ungeliebten deutschen Konkurrenten Adidas, dessen Protegé Kobe Bryants einen sensationellen Aufstieg als Teenie-Idol hinlegte. Die Ära Jordan war vorbei, es musste ein neuer Superstar in der Nike-Ecke her.
Der Thronfolger: Der Basketballer Vince Carter. Am 26. Januar 1977 geboren, 1,98 groß und 102,1 Kilo schwer. VC springt höher als die anderen Jungs. Höher ist nett ausgedrückt. Genauer gesagt, springt er über die anderen Jungs drüber. Der erste öffentliche Auftritt von Mr. Carter mit dem neuen Shox-Modell “BB4” fand dann auch passender Weise mit einer Goldmedaille gekürt im olympischen Basketballturnier in Sydney statt. Carter lieferte einige der sensationellsten je gesehenen Dunks ab, und die Nike Shox waren binnen Sekunden in aller Munde.
Eigenartig: Konkurrent und Adidasträger Kobe Bryant durfte nicht im Olympiateam sein. Keine Frage, im Sport wird der Sponsor immer einflussreicher. Und dass evtl. der Schuhkrieg zwischen Nike und Adidas der Auslöser war, darf hinter vorgehaltener Hand durchaus behauptet werden. Denn ganz zufällig gab es neben Carter eine Mehrzahl von Nike-Trägern im amerikanischen Team. [Besitzer des extrem limitierten Sydney-Modells sollten übrigens dieses schnellstens einmotten und im Banksafe aufheben, es gibt einige Sammler, die für ein Paar in “Mint condition” morden würden.] In jedem Falle waren nach diesem inoffiziellen Launch die Aktien von Shox gestiegen und das Kobe Bryant-Audi TT Modell war erst einmal passé.
Das Produkt
Im November, genau gesagt am 15.November dann der offizielle Launch, nicht nur der Basketballschuh BB4 sondern auch der Laufschuh R4 und der X-Countrytrainer XT4 wurden vorgestellt. Eingeführt wurde das Produkt auf dem amerikanischen Markt mit einer 16 Millionen-Dollar-Werbekampagne. Und zwar im Fernsehen, auf riesengroßen Blowups in so ziemlich jeder amerikanischen Stadt und im Internet. Die “Shox International”-Website stammt übrigens von der deutschen Company Framfab aus Frechen im Rheinland und ist – machen wir es kurz: schlecht.
Das Design ist ein Hybrid aus den letzten Jordan Modellen, unter der Ferse sitzt etwas Farbiges aus – derbe gesagt – Plaste, das aussieht wie Stromisolatoren. Oder Raketentriebwerke. Eventuell auch Lego-Mindstorm-Module. Tatsächlich sind die Stoßdämpfer zusammen mit der bewegungssensiblen Sohle der ganze Kern. Das Geheimnis um den Hype: Egal wie der Fuß im Schuh gedreht wird, er soll nach Angabe der Konstrukteure immer Energie an den Läufer zurückgeben und durch die seitlich auslaufenden Säulen auch gegen Umknicker schützen.
Die 16jährige Entwicklung der Konstruktion hat sicherlich einige Menschen bis an den Rande des Wahnsinns geführt. Man weiß, dass die Researcher des NSRL lange an Materialfragen scheiterten. Auch die kaum erfüllbaren Voraussetzungen von Nikes-Ingenieuren an ein in Massenfertigung zu erstellendes Produkt machte Schwierigkeiten. Man versuchte sich in verschiedensten Sohlen- und Federungskonstruktionen, verarbeitete Aluminium, Klavierseiten, Edelstahltblattfederungen. Kein Material schaffte es an den Massenfertigungsingenieuren der Firma vorbei. Während andere Forscher bei Nike die Air Technolgy erfanden, lief die Shox-Konstruktion einen beinahe qualvollen Weg von Prototyp zu Prototyp mit Endstation Machbarkeit. Erst als man nach Hunderten von Kunststoffverbindungstests auf der Detroiter Autoshow die Zulieferer der Autoindustrie anging, wurde man fündig. Ein in der Formel 1 für Stoßdämpfer verwendeter Kunststoff (irgendwas mit Urethan am Ende) wies genau die gesuchten Eigenschaften auf. Das Material war in ausreichenden Mengen produzierbar und konnte zudem mit einer überzeugenden Haltbarkeit aufwarten. Im Alltagsbetrieb hielt dieser Stoff außerdem weit über 100.000 Fahrkilometern und Belastungen durch Steinschlag, Wasser, Kälte, Schnee, Hitze stand. Außerdem, behaupte ich jetzt mal hier, ist das Zeug sicherlich schweinebillig. Die Herstellungskosten eines Schuhpaars sollten so um die 30$, max 40$ liegen. Als Vergleich: Der Schuh selbst kostet um die 369,-DM. Nebenbei produziert Nike in zig Ländern mit niedrigen Lohnkosten weltweit (hauptsächlich in Mexico und Fernost) und hat von allen Sportcompanies über die goldenen Jahren sicherlich die massivsten Geldrücklagen. Man kann also in jedem Falle ein paar Millionen hier und da in Forschung investieren. Und mit der richtigen Mischung von Marketing, Celebrity und Marke lässt sich alles als technologische Revolution feiern. Die meisten Leute, die die Schuhe getragen haben, sagen übrigens, nach einer Eingewöhnungsphase sind sie super. Ob es wirklich funktioniert? Weiß nicht, hab’s nicht ausprobiert. Zu teuer, oder?
PS: Übrigens, Boingboingboing, die Assoziation, die mir als erstes kommt, sind Buffalo Schuhe… well. Mitte des Jahres präsentiert übrigens auch Adidas sein Stoßdämpfersystem. Ich lauf’ dann hoffentlich barfuss.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.