Zwischen Schlafzimmer, verrauchtem Club und Schneelandschaft
Text: Nadine Kreuzahler aus De:Bug 160

Foto: Kate Bellm

Die aus Moskau stammende Nina Kraviz ist seit geraumer Zeit in der House-Szene everybody‘s darling, ob als Ravesocialite auf Ibiza oder in düsteren Acid-Kellern. Ein mühevoller Spagat, der ihr aber mit fein gestylter Grandezza gelingt. Auch deshalb können sich auf Nina so viele Leute einigen wie auf Chloë Sevigny in der Boulevardwelt. Nun kommt das selbstbetitelte Album auf Rekids heraus. Mit dabei: Ghetto-Ärsche, utopisch-sehnsuchtsvolle Vocals und zu verarbeitende Liebesdramen. Wir klären, was so besonders ist am neuen Centerfold der sonst so gesichtsfreien Dance Music Scene.

Es dauert einige Tage und viele E-Mails, bis die Skype-Verbindung zu Nina Kraviz endlich steht. Was nicht etwa an schlechten Internetverbindungen in Russland liegt. Die Moskauer DJ-Queen ist bekannt dafür, sich rar zu machen, sich bitten zu lassen. Da ist sie ganz Diva und Prinzessin. Dann klappert am anderen Ende der Skype-Leitung die Teetasse und ein gut gelauntes “Hallo” macht sie wieder zum Mädchen von nebenan. Sie sei eben sehr busy, auch jetzt leider schon wieder auf dem Sprung, zur Filmpremiere einer guten Freundin. Dass sie für so was überhaupt Zeit hat, sei aber eine Ausnahme. Im letzten Jahr absolvierte sie zeitweise bis zu fünf DJ-Gigs pro Woche und bespielte fast alle wichtigen Clubs auf Ibiza, in Kolumbien, Mexiko, London und Berlin. Das Leben aus dem Koffer verdankt die ehemalige Musikjournalistin und Zahnmedizin-Studentin dem Erfolg einer Handvoll Releases auf Jus-Eds Label Underground Quality, Efdemins Naïf, einer Kooperation mit Sascha Funke auf BPitch Control und zwei EPs auf Rekids. Der Kontakt zu Radio Slave kam 2006 bei der Red Bull Music Academy in Melbourne zustande. Zwei Jahre später schickte Nina ihm erste Tracks und lud ihn zu ihrer Partyreihe ein, die sie damals im Moskauer Propaganda-Club veranstaltete. Der Londoner fand Gefallen an ihrem dreckigen Old-School-Chicago-House mit dem lasziven Sprechgesang. Die freundschaftliche Zusammenarbeit gipfelt jetzt in Nina Kraviz’ Debütalbum. Beim Hören ist es, als würde man die Produzentin abwechselnd in ihr Schlafzimmer, in einen verrauchten Club und durch melancholisch russische Schneelandschaften begleiten.

Shake it, auch mit Acid
Der verführerische, fast flehende und mit gespenstischem Hall belegte Gesang von “Walking In The Night” eröffnet das Album. Eine 303-Acid-Bassline greift unterstützend ein. Sie wird vom italienischen Disco-House-Star Hard Ton gespielt. Das Stück entstand bei ihm zu Hause in Bologna, wo sie nach einem Gig von Nina spontan eine After-Hour-Session zu zweit an den Maschinen veranstalteten. Die zweite Kooperation auf dem Album schließt sich gleich an: Der New Yorker Waacking-/Voguing-Tänzer und Choreograph King Aus, bei dem Nina in Moskau mal ein paar Tanzstunden genommen hatte, steuert seinen Sprechgesang bei. Dann: die dreckige Ghetto-House-Nummer “Ghetto Kraviz”, als Single bereits im November erschienen und eine Hommage an ihr Lieblingslabel Dance Mania. 200 Releases des legendären Chicago-Imprints drängeln sich in ihrem Plattenregal. Ghetto House sei einer ihrer größten Einflüsse, sagt sie. “Ich mag nun mal diesen einfachen, rauen Stil, der oft albern und trashig ist. Und auch diese natürliche Cheesiness in vielen der Tracks, die nur von Pussys und Ärschen handeln. Es geht die ganze Zeit um ‘Shake that thing’ und diesen Scheiß – ich mag das!” Sie fängt an zu singen und zitiert DJ Dionne: “Shake what your Mama gave ya, lalala, shake that thing to the left, shake that thing to the right, das ist einfach straight to the point”, lacht Nina laut.

Entrückt und geisterhaft
Dieser Einfluss ist vor allem im analogen Sound des Albums zu spüren: Fünf verschiedene Synthesizer, Hall-Effekte. Nina Kraviz hat die 14 Tracks ihres Debüts zu Hause in ihrer Moskauer Wohnung produziert, gemischt wurde in Berlin im Studio von Tobias Freund. Doch sie erhebt keinen Anspruch auf Perfektion. “Als Produzentin bin ich ja noch ziemlich unerfahren, ich mache erst seit vier Jahren Musik. Meine Mittel sind von Natur aus begrenzt. Aber ich empfinde diese Limitierung als eine Bereicherung. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden.” Das liegt vor allem in ihrer Stimme, die sie wie ein Instrument benutzt. Mal klingt sie dabei wie eine menschliche Bassline, mal provokativ sexy, dann wieder entrückt und geisterhaft. Mit “4 Ben” (einem Stück, das Ben Klock gewidmet ist) und dem Schluss-Track “Fire” wagt sie sich sogar in Ambient-Gefilde vor. Ihr Debüt schielt insgesamt mehr auf die Wohnzimmer seiner Zuhörer, als auf den Dancefloor. Über allem liegt eine undefinierbare Sehnsucht und Düsternis. Während sie an den Songs schrieb, durchlebte sie eine komplizierte Love Story. Eine emotionale Achterbahnfahrt, sagt sie, stockt kurz, lacht dann, und man kann geradezu hören, wie sie ihren Kopf zurückwirft und sich dann mit der Hand durch die Haare fährt. Das Album erzählt aus ihrem Gefühlsleben. Die Melancholie stecke aber von Natur aus in ihr. “Ich bin zwar ein positiver Mensch, aber in meinem Kopf passieren viele obskure Dinge, einige davon sind eben ein bisschen düster.” Über Skype ist zu hören, wie sie mit dem Laptop durch die Wohnung läuft und sich neuen Tee einschenkt. Vor zwei Monaten wäre sie fast nach Berlin gezogen. Aber jetzt ist sie sich nicht mehr so sicher. Über den Grund will sie nichts sagen, es lässt sich nur vermuten, dass es mit der komplizierten Liebesgeschichte zu tun hat. Jetzt steht erst mal die Album-Tour an, für die sie gerade eine Live-Show vorbereitet, ohne viel Tamtam – auch hier setzt sie voll und ganz auf ihre Stimme. Sie sei sehr aufgeregt, sagt Nina, müsse sich erstmal wieder an die Songs herantasten. “Im Moment kann ich mir mein Album nicht anhören. Ich muss mich ein bisschen davon erholen. Das ist wie in einer langen Beziehung: Man sieht die tollen Seiten erst wieder, wenn man etwas Abstand zum Liebsten gewonnen hat”. Diese Beziehung dürfte langfristig weniger kompliziert sein. Nina Kraviz hat sich mit ihrem Debüt ein launisches, aber andere um den Finger wickelndes musikalisches Alter Ego geschaffen.