Text: Florian Sievers aus De:Bug 87

Niobe Live

Libellen im Haar
Freitag, 01.10.2004, Berlin, Maria am Ufer

Auf einmal, da schillern Libellen durch das Dunkel. Schmetterlinge lassen sich auf den Schultern der Anwesenden nieder. Der Boden ist übersät mit goldglänzenden Käfern und neongrünen Gottesanbeterinnen. Überhaupt: Insekten, überall. Aber nicht diese unheimlichen mit den schwarzen Knopfaugen. Sondern anmutige, schöne Wesen. Kletterpflanzen und Farne ragen ins Bild, die Temperaturen steigen. Aus schwarz wird grün. Und dann setzt sich die Königin da vorne auch noch eine rote Federkrone auf. Neben ihr ist jemand schon sehr beschäftigt. Bearbeitet Plattenspieler und CD-Player. Legt Flächen, streut Geräusche, erstellt Muster und gegenlaufende Muster. Baut auf und durchsetzt und zerstört wieder. Sie aber steht einfach da und ist erst einmal nur graziös. Trägt diese Federkrone und wärmt ihre Stimme auf, wie sie es auch gelernt hätte, hätte sie jemals eine klassische Gesangausbildung durchlaufen.

Niobe ist der Name dieser Frau, wie die tragische Königin von Theben, und diesen Namen hat sich die Kölnerin Yvonne Cornelius für ihre Musik gegeben. Ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung fordernden Platten unter diesem Namen deuten schon darauf hin, dass man es hier mit einem eigenwilligen Menschen zu tun hat. Denn dort verschachtelt jemand alle möglichen Tropicalia-, Exotica-, Folklore-, und Jazz-Genres ineinander, bis das alles eine fragile, flirrende, instabile Konstruktion ergibt. Und dann singt sie eben dazu und fragmentarisiert noch im selben Atemzug ihre Stimme, wie sie das gerade schon mit all diesen wunderbar fremd glitzernden Genres getan hat. Da will jemand mehr als nur gefällige Aufmerksamkeit, da will jemand den ganzen Geist.

Live gehört ist Niobes Musik nur deshalb ein wenig eingängiger, weil sie dann ihre Stimme intakt lässt. Aber sie arbeitet mit ihrer Stimme an gegen diese an- und abschwellenden Flächen ohne klare Rhythmushierarchie, bis alles ins Rutschen gerät: Ihr Vortrag eröffnet den Raum so weit, dass noch eine umfallende Bierflasche und das andächtige Gemurmel der Anwesenden zum Teil ihrer Musik werden. Das ist dann auch Jazz in seiner Intensität und in seinem freien Gegen- und Miteinander von Elementen. Am Ende stehen die Anwesenden da, spielen andächtig mit den Schmetterlingen auf ihren Schultern, klopfen sich die Libellen aus dem Haar und starren diese kapriziös wirkende Person an. Was war das eben? War es echt?

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Elektronische Lebensaspekte.

Yvonne Cornelius gab die Oper auf, um ihr eigenes Ding zu machen. Ihr zweites Album "Tse Tse" zirkuliert zwischen sirenenhaftem Gesang, Post-Jazz-Arrangements und verqueren Tonspielereien. Musikalischer Surrealismus auf der Suche nach generellen Lösungen.
Text: tim stüttgen aus De:Bug 71

Es gibt Freiheit, ich weiß es
Niobe

Als Anfangsbild empfehle ich einen Kreisel. Yvonne Cornelius zirkuliert nämlich gerne. Ihre Antworten kreisen zwischen Ironie und ernster Tiefe um ein unklares Zentrum, wie die Sounds ihres Albums ”Tse Tse“ immer wieder der Mitte entfliehen. Dass die Stimme, trotz aller Nicht-Hierarchie bestimmt Niobes spannendstes Instrument, so weit in dem Vordergrund gemischt ist, war nicht geplant. ”Die Töne sind alle gleichberechtigt. Dass der Gesang nach vorne gerutscht ist, war ein Unfall. Eigentlich soll es keine Leadstimme geben“, sagt die Frau, die die Oper aufgab, um ihr eigenes Ding zu machen. Und Niobe heißt dieses Ding. Um Person und Musik der Ex-Frankfurterin mit Wohnort Köln zu beschreiben, kann gleich zu Anfang jede Rolle, die für eine Musikerin available ist, ad acta gelegt werden. Eine deconstructed version des Diva-Begriffes mag für manch einen noch das greifen, was bei ihren Live-Performances passiert. Spätestens aber bei ihrem neuen Album auf Sonig wird sich auch diese Idee verabschieden müssen.

Neu hören. Immer wieder neu hören. Alte Strukturen bringen sowieso nix. Jedes Stück ist anders, manchmal ist es schwer vorstellbar, dass die ganze Zeit überhaupt die gleiche Sängerin tönt. ”Auf der Platte singt nicht eine Sängerin“, antwortet Cornelius, ”sondern zehn Personen.“ Musik als Kino, jetzt aber wirklich: ”Ich sing ja immer Personen, ich sing ja nicht mich selbst. Yvonne sing ich ja gar nicht. Ich sehe halt ’nen Film und hab ’ne Figur. Ich bin dann tief überzeugt, dass das dieser Mann ist. Beim Stück ’Out Of Limbo’ ist es dieser Voodootyp aus einem James Bond-Film.“ Ihre merkwürdigen Dramen inszeniert Niobe auf Sequenzer und Mischpult vornehmlich mit Gitarre und Klavier. Unfälle, Experiment, Improvisation tun ihr Übriges, dazu übernehmen Effektgeräte große Verantwortung. ”Alles was passiert ist wichtig. Wenn Leute fragen, ob das willkürlich ist … Eigentlich nicht. Konzeptuell auch nicht, wohlüberlegt auch nicht, es ist Arbeit.“ Das Ergebnis ist musikalischer Surrealismus einer anderen Epoche, in zehn verschiedenen Parallel-Universen des irgendwie doch selben Kosmos.

Sirenenhafter Gesang trifft auf verschwurbeltes Post-Jazz-Arrangement, verquere Tonspielereien abstrahieren sich und bleiben doch so bestimmt, dass Rezeptionsarbeit irgendwann, ganz unverhofft, in milder Entspannung endet. Die Aufforderung, sich von vorgefertigten Hör-Strukturen zu verabschieden, ist bestimmt, aber nicht aggressiv: Erläuterndes Referenz-System au revoir, neue Freiheit, entrez s’il vous plait. ”Freiheit gibt es, ich weiß es. Dafür muss man hart arbeiten, die Arbeit muss aber auch Freiheit sein. Ein bisschen kompliziert alles. Ich weiß aber, dass Freiheit Realität ist. Frieden ist auch eine Realität. Genauso wie Krieg.“ Wie real dann ihre Musik-Phantasien sind, frage ich dann doch nicht. Was ist realer als eine CD?

”Tse Tse“ vertraut einer fordernden Intuition, die laut Cornelius Entsprechung braucht: ”Intuition ist ein festes Gefühl. Ich bin so ein extremer Typ, das ist so nervig. Ich möchte doch locker sein. Es müssen halt Lösungen gefunden werden. Die Platte ist ein Lösungsvorschlag, auch an mich selbst. Ich kann ja nicht alles so tiefgründig herzergreifend lieben oder hassen, es muss ja auch mal ein Mittelding geben.“ So ist Niobes zweites Album nicht zuletzt das vielleicht kompromissloseste Mittelding, das ich je gehört habe.

Als Endbild schlage ich ein Blatt vor, auf dem ”Freiheit“ gekritzelt steht.

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