Electronic Body Music im Allgmeinen und die Band Nitzer Ebb im Speziellen hatten Ende der 80er den Ruch paramilitärischer Macho-Härte. Jetzt haben sich Nitzer Ebb wieder zusammengeschlossen, damit man im Abstand der Jahre endlich das entdecken kann, was drunter liegt: ihr Funk.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 105

EBM

Rückkehr der Schreihälse
Nitzer Ebb

“Es ist wie mit allen anderen Arten der Kunst. Ist etwas wirklich gut, erinnern sich die Menschen auch nach zehn Jahren noch daran.” Mit diesem Satz beendet Bon Harris, die eine Hälfte von Nitzer Ebb, ein halbstündiges Gespräch, in dem er mich mehr als nur einmal überrascht hat. Gemütlich zusammengerollt auf einem Hotelbett in Schweden (seine Worte), vertreibt er sich die Zeit bis zum Konzert am Abend mit Interviews, um über die Rückkehr der Band zu reden, die ihn berühmt gemacht hat. Eine Rückkehr, mit der niemand wirklich gerechnet hatte. Zehn Jahre ist es her, seit er und Douglas McCarthy ihr Projekt Nitzer Ebb auf Eis gelegt haben. Knapp dreizehn Jahre Bandgeschichte lagen zu diesem Zeitpunkt hinter ihnen. Jahre voller roher Energie, unvergleichlich herausgebrülltem Gesang, gepaart mit einem militaristischen Image und einer von Throbbing Gristle abgeschauten Bildsprache, die für die Band immer Sinn machte, in Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen die Konzerte von Nitzer Ebb aber zunehmend zu Treffen von kahl rasierten Stiernacken mit eindeutigen politischen Absichten machte. Niemand hat das Styling und das minimal-einfache “In Your Face” von DAF so engagiert weiterentwickelt wie Nitzer Ebb. Was braucht es denn außer einer guten Bassline, schnellen, treibenden Drums und lauten und überdeutlichen Vocals? Eben … Jetzt sind Nitzer Ebb zurück. Mit einer Tour, einer Best-Of-CD und einer Remix-Compilation. Die Remixe bewegen nichts, es sind vielmehr die alten Maxi-B-Seiten der Best-Of, die einen daran erinnern, dass Nitzer Ebb immer mehr waren als die Electronic-Body-Music-Band, als die sie immer galten. “Es ist interessant zu beobachten, wie EBM immer als schwarzes Tuch galt und eigentlich immer noch gilt”, sagt Bon. “Niemand gibt gerne zu, dass er die Musik damals wirklich gern gehört hat. Erst heute wird das langsam entspannter. Viele Techno-Produzenten, die heute sehr erfolgreich sind, haben eine EBM-Vergangenheit, haben sich wohlgefühlt inmitten der strengen Beats und dieser sehr strengen Umgebung. Heute können sie darüber reden und ihre Musik von damals wird von einer neuen Generation von Kids entdeckt. Uns war das immer egal. Wir mussten das machen, es war unser Leben.” Und Nitzer Ebb liegt weit vorne. Ihr Album “Belief” war 1989 ein großer Hit, eine einflussreiche Platte. Derrick May remixte. Der Funk war allgegenwärtig. Davon abgesehen, dass sich die Alben der Band in den 90ern immer weiter von den EBM-Klischees entfernten und es dann in den USA plötzlich Bang! machte, hatte Bon nach dem Split der Band in den USA einfach ein besserer Gefühl. “Ich zog nach L.A. und konnte sofort weitermachen. Computerspiel-Musik, TV, Hollywood … ich habe alles gemacht. Allerdings nie unter meinem Namen, ich wollte Abstand zur Band. Dann habe ich mit dem Smashing Pumpkins gearbeitet. Marilyn Manson rief an und wollte ein paar Beats; wir haben dann neun Monate an seinem Album gearbeitet. Gleichzeitig habe ich eine neue Band gegründet: Maven. Bei denen bin ich der Frontmann. Plötzlich dann fühlte ich mich wieder bereit für Nitzer Ebb. Ich rief Douglas an und es passierte. Die zwei Wochen Proben für unsere Tour waren mit die zwei besten Wochen, die wir überhaupt je als Band hatten.” Wenn es gut läuft, wird noch dieses Jahr eine E.P. mit neuen Stücken von Nitzer Ebb erscheinen. Das kann in die Hose gehen, könnte aber auch das nächste große Ding sein. Darauf kommt es aber auch gar nicht an. Viel wichtiger ist, dass die Band mit der neuen Werkschau das Stigma der Militaristen mit teutonischen Beats und voll Hass gebrüllten Vocals abschüttelt. Darunter wartet ein Funk, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist.

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Elektronische Lebensaspekte.