Die Zukunft war lange Zeit für die Menschheit ein großes Ding, der Traum einer besseren Welt.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 139

Die Zukunft war lange Zeit für die Menschheit ein großes Ding, der Traum einer besseren Welt. Ein Konzept, den gesellschaftlichen Fortschritt greifbar und erlebbar zu machen. Utopia, im eigentlichen Sinne Nicht-Ort, war jener illusionierte Platz, an dem sich Visionen, Weltverbesserung und humane Perfektion unter Bäumen kluge Dinge zuriefen.

Platons ”Politeia“ wird gerne als eine der ersten großen Staatsutopien genannt. Der Begriff selber geht aber auf das Jahr 1516 zurück, als der englisch Humanist Thomas Morus, mit Platon im Gepäck in seinem Buch ”De optimo rei republicae statu deque nova insula Utopia“ die ferne Insel Utopia mit einer Idealgesellschaft skizzierte, auch um der damals zeitgenössischen Gesellschaft ihre hässliche Fratze zu zeigen.

Die Zukunft war dann lange Zeit Abziehbild einer besseren Welt. Es ging um Fortschritt, Aufklärung, Bildung und auch darum, wie der Mensch mit seinen selbst geschaffenen Werkzeugen der eigenen Zunft nutzen könnte. Gleichzeitig ist das Konzept der Utopie natürlich auch ein Nebenprodukt der voranschreitenden Säkularisierung. Wo Religion schon immer mit metaphysischen, in der Regel aber post-mortalen Traumwelten, ob Paradies oder Nirwana, lockte, glaubte der Utopist, das Paradies ohne göttliche Hilfe, sondern vielmehr selbstverantwortlich schaffen zu können.

Mit Huxleys ”A Brave New World“ und Orwells ”1984“ im 20. Jahrhundert hatte der Fortschritt seine ersten dystopischen Zukunftskritiker auf den Plan gerufen. Ernst Bloch forderte eine konkrete Utopie, die, salopp gesagt, den Schuster bei seinen Leisten halten sollte. Der immer stärker werdende Leitfaden der Wissenschaften brachte zeitgleich die Science-Fiction hervor. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann plötzlich das Weltall der Ort, wo Visionen verortet wurden. Die Erde selbst hatte man weitestgehend kartiert, Raketen konnten uns höher als Gott katapultieren: Star Wars, Perry Rhodan, Kampfstern Galactica zeigten ein Leben jenseits des Planeten Erde.

Es scheint, als wären Futurismus und Utopie leicht in die Jahre gekommen

Gerade die vergangene Jahrtausendwende wurde von vielen Seiten mit Visionen unterschiedlichster Couleur besetzt, von Dutzenden Weltuntergängen der Marke Nostradamus bis hin zu futuristischen Technikvisionen der kuriosesten Art, wie der Abschaffung des Essens. Nun haben wir das erste Jahrzehnt dieses so aufgeladenen Jahrtausends hinter uns und stellen fest, dass einige Prophezeiungen zwar eingetroffen sind, mindestens genauso viele aber nicht. Zukunftsbestimmung hat also immer etwas mit Kontingenz zu tun, Science-Fiction-Ästhetik ist mittlerweile mit nostalgischen Retrokinderzimmergefühlen belegt. Es scheint, als wären Futurismus und Utopie selber leicht patiniert und in die Jahre gekommen, die Gegenwart lässt mit ihren hoch komplexen Informationsnetzen Prophetentum einfach nicht mehr zu.

Niklas Luhmann sagte einst sinngemäß, dass die Zukunft weder im Zweck noch im Plan liege, vielmehr würde sie wie einst das Jüngste Gericht als Überraschung kommen. Die hoch detaillierte Erfassung und Vermessung der Welt von heute birgt aber auch ein weiteres Problem, denn wir stellen fest, dass es langsam eng wird mit der Zukunft. Klimawandel, Überbevölkerung und Erderwärmung sind dermaßen gegenwärtig, sie nehmen uns im wörtlichen Sinne die Luft, um über das 23. Jahrhundert zu philosophieren. Hollywoods Großkotzoperettist Emmerich würde uns schon gerne 2012 in den Exodus schicken und Obamas Friedensnobelpreis untermauert auch hier, dass globale Hilflosigkeit und ihre Hoffnungsträger erstmal sehr kleine Brötchen backen müssen.

Von sehr präzisen Vorhersagen, bis hin zu Verfehlungen wie geklonten Menschen und Weltfrieden
Dennoch wird es wieder Zeit für Utopien, wenn auch im anderen Gewand und mit smarteren Zäsuren. Wir sprachen mit Bruce Sterling, Autor, Mitbegründer des Cyberpunk und digitaler Vordenker, über die neuen Herausforderungen von Zukunftsvisionen und darüber, dass Zukunft heute mehr denn je als Prozess denn als eine Bestimmung verstanden werden muss. Jörg Sundermeier traf sich mit dem Essayisten Raul Zelik, der gemeinsam mit dem Politologen Elmar Altvater das Buch ”Die Vermessung der Utopie“ veröffentlicht hat. Beide fordern konkrete ökonomiekritische Utopien im Zeitalter der Wirtschaftskrisen, damit die kommende Gesellschaft nicht in einem Horrorszenario endet. Des Weiteren haben wir in den Archiven der Utopien des vergangenen Jahrhunderts gegraben.

Hier zeigt sich, von sehr präzisen Vorhersagen über unser digitales Kommunikationszeitalter bis hin zu Verfehlungen wie geklonten Menschen und Weltfrieden, was kluge und beschränkte Köpfe in der Vergangenheit schon besser wussten oder eben auch nicht. Ebenfalls beschäftigt sich unser Mode-Feature mit vermeintlich eingelösten Zukunftsversprechen und die Modestrecke steht ganz im Zeichen zeitgenössischen Retrofuturismus. In unserem Filmtext und den Bilderkritiken geht es um das Utopische innerhalb der Werke Michelangelo Antonionis und um verbaute Zukunftsvisionen in der Architektur an einem Beispiel aus Dubai und Berlin.

Aus dem Special: No Future

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Elektronische Lebensaspekte.