Das ZE-Label frisiert den Rock´n´Roll
Text: Jan Joswig aus De:Bug 76

No New York

Re-Tanz die Mutanten Disco

Ende der 70er wuchs in New York die neidische Einsicht: Die Franzosen haben es gut. Die können ”Rock’n’Roll“ gar nicht erst aussprechen. Das sind praktisch geborene New Waver. Wir müssen uns im East Village mühsam das Karohemden-Naturell abtrainieren, um aus dem Inszenierungs-Charakter des modernen Lebens das Coolness-Potenzial zu filtern. In Paris dagegen kennen sie Karohemden nur in der Haute-Couture-Travestie und Rock’n’Roll nur als Johnny-Halliday-Revue mit Bananen. Nix mit Naturell.
Den Vorteil muss man ausnutzen. Also tut sich 1978 der Engländer in New York Michael Zilkha mit dem Pariser Michel Esteban zusammen, um mit dem gemeinsamen Label ”ZE“ eine der wichtigsten Abarten der No-New-York-Szene ins Spotlicht zu zerren: Mutanten Disco. Das Programm liest sich so (leider nur mündlich überliefert):
Wir wollen Tanz und Schärfe, wir wollen Funk und Analyse, wir wollen kalte Hitze und kaputte Paradiese.
Der Mensch als Maschine, aber als neurotische Maschine.
Der Mensch als Uhrwerk, aber als Uhrwerk an einer tickenden Bombe.
Der Mensch als Mensch, aber nur in Fassbinders zersprungenen Spiegeln.
Was wir partout und zoot alors nicht wollen: Das Suhlen im Kreatürlichen, Schwitzen als menschliche Selbstverwirklichung. Wenn wir schwitzen, dann wegen des Cold Turkey, nicht wegen der musikalischen Verausgabung.

Die ZE-Acts designen sich zwischen kalkweißestem Zersplitterungs-Funk und plastikpalmigster Musical-Disco, um Galerie und Konzertkeller unreparierbar kollidieren zu lassen. Gegen die schlabbrig menschelnde Liberalität des Rock’n’Roll setzen sie die Beherrschung koffein-zittriger Chirurgen. Hitzig beherrscht bei James White and the Contortions, kühl beherrscht bei Lizzy Mercier Descloux, ironisch beherrscht bei Kid Creole and the Coconuts. Neben dem zentralen Trio arbeiten noch am Mutanten-Modell: die Konzeptdisco von Cristina, Bill Laswells Material und die Detroiter Was (Not Was), der Industrial-Bums-Jazz von Lydia Lunch, die Psycho-Monotonie von Suicide.
Mit dem ZE-Beherrschungs-Dreizack fuchtelte die ganze East-Village-Boheme Anfang der 80er herum. Der Dreizack sitzt wieder fest auf dem Mythos, der New York so unausweichlich macht für Künstler auf der Suche nach einer Hipness-Energiespritze, Künstler wie Hell und Rapture – auch und gerade nach Electroclash.

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Elektronische Lebensaspekte.