Südkoreanischer Turbokapitalismus und nordkoreanischer Isolations-Sozialismus als Flucht nach vorn
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 130


NOH Suntag
State of Emergency
Hatje Cantz

2009 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum zwanzigsten Mal und somit auch das Ende des Kalten Krieges und des Kampfs der Systeme von Ost und West. Hierzulande Geschichte und Schulmaterial, am anderen Ende der Welt noch immer bittere Realität. Korea ist ein Land, das seit fast 60 Jahren noch immer geteilt ist, dort ist die Dichotomie zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Diktatur und Demokratie so alltäglich und präsent wie nirgends auf dieser Welt.

Gerne wurden Parallelen gezogen zwischen diesen beiden Ländern, in der Sehnsucht nach Einheit wird der gesamtdeutsche Gedanke als Möglichkeit für eine gesamtkoreanische Zukunft referiert. Dennoch hat die globale Öffnung Nord- und Südkorea weniger geeint als erhofft. Das kommunistische Nordkorea wird immer mehr in die Isolation gedrängt. Die Bruderstaaten sehen sich gegenseitig noch immer als permanente Bedrohung. Der 1971 in Südkorea geborene Fotograf NOH Suntag dokumentiert in ”State of Emergency“ beide Nationen und zeigt teils bizarr anmutende, aber genauso aufklärende Bilderreihen über Entfremdung, Fundamentalismus und Spaltung, aber auch Simularitäten und teils frappierende Analogien zwischen den beiden Nationen.

Dabei wird der äußerst schmale Grat zwischen Fotokunst und politischem Fotojournalismus betreten, der bewusst auf Subtexte setzt, um zu erklären, und somit den alltäglichen Ausnahmezustand auf der Halbinsel skizziert. Denn südkoreanischer Turbokapitalismus und nordkoreanischer Isolations-Sozialismus sind als Flucht nach vorn zu verstehen. Annäherung möchte man gerne anders interpretieren.

Dass hierbei Unzulänglichkeiten, Gewalt und staatliche Repression auf beiden Seiten des 38. Breitengrades passieren, zeigt NOH neutral und setzt bewusst auf die auratische, indirekte Sprache der Schwarz-Weiß-Fotografie. Das umfangreiche Buch mit einem ausführlichen Essay und einem Interview mit dem Fotografen ist eine außergewöhnliche Publikation, die es wohl in dieser Form noch nicht gegeben hat. ”State of Emergency“ ist kritisch, ästhetisch, faszinierend und schafft Perspektiven, die ordinärer Journalismus wohl nie zu schaffen vermag.
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Elektronische Lebensaspekte.