Auf ihrer Veranstaltung "Open Studio" hat Nokia das Ende des Telefons und den Beginn des Mulitmedia-Computers ausgerufen. Das wird nicht so eintreten, wie die Finnen es sich vorstellen. Wir erklären, warum.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 103


Nokia lanciert den Multimedia-Computer

“Being inclined towards crazy stunt performances, I’m planning on writing ‘Halting State’ on my mobile phone. This is technologically feasible because the phone in question has more memory and online storage than every mainframe in North America in 1972 (and about the same amount of raw processing power as a 1977-vintage Cray-1 supercomputer).”
Charles Stross, Scifiautor, bevor er ein rückfälliger Google-Junkie wurde.

Bei Nokias “Open Studio”-Event sollte es keinen Zweifel geben. Nokia stellt keine Telefone mehr her, jedenfalls nicht was ihre N-Series betrifft. Vehement wollen sie die Schmuddelecke der Geräte hinter sich lassen, deren zentrale Aufgabe verbale Kommunikation zu sein scheint. Multimedia-Computer lautet das Schlagwort, das viele vermutlich erst 20 Mal vor sich hersagen müssen, bevor sie bereit sind, nach der Abkürzung MC den Sinn dahinter auch wieder zu finden.

Die Idee ist nicht neu. Telefone, wir und einige andere predigen das seit langem, sind auf dem gleichen Kreuzzug wie Computer. Sie versuchen, ein Medium nach dem anderen zu inkorporieren, und es scheint umso erstaunlicher, da sie eben von eher kleinwüchsiger Gestalt sind. Die Frage, ob ein Telefon noch ein Telefon ist oder das Telefon im Telefon nur eine Funktion unter vielen, schreit geradezu nach einer Redefinition des Wortes Telefon (oder Mobiltelefon, oder Mobile Phone, Handy ist, lang leben die Anglizismen, da eine Ausnahme). Aber Multimedia-Computer?

Fakten
Es gibt mehr Handys als Festnetztelefone. Es gibt mehr Handys als Computer (solange man Handys nicht als Computer sieht). Es gibt nicht nur zahllos mehr Handys als Menschen, sondern sogar mehr Handyanschlüsse als Leute, die sie benutzen könnten (und das wirklich nicht nur in Deutschland, wir waren da dieses Jahr eher etwas spät dran). Es gibt so unzählbar mehr SMS als Postkarten, dass längst niemand mehr danach fragt. Es gibt auch mehr digitale Kameras in Handys als in sonst irgendeinem Ding. Vermutlich wird es irgendwann dieses Jahr mehr MP3-Player in Handys geben als iPods. Vielleicht ist es schon einige Monate so. Mobiltelefone vermehren sich schneller, als es sich die Deutschen jemals von sich selber wünschen würden. Und ihre Lebensspanne wird immer kürzer, ihr Erneuerungszyklus immer schneller, ihre Bandbreite und ihre anvisierten Märkte immer spezieller. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es – da will z.B. das Nokia N93 Vorreiter eines Medienmergers sein – mehr Videokameras in Telefonen gibt als sonstwo. Und die Loslösung des Telefons vom Computer und seinem Internetanschluss als Content-Motor, so langsam sie auch vergleichsweise aufgrund martialischer Preisstruktur und schleppendem Netzaufbau im UMTS-Markt voranscheitet, ist langsam absehbar.

Hier macht sich auch der erste nicht rein sprachliche Zweifel an der Idee des Multimedia-Computers breit. So pädagogisch sinnvoll es scheint, Telefonen mittels “Computer”-Suffix mehr Macht einzuhauchen (warten wir mal, wann die ersten MHz- und GB-Schlachten auf den Werbe-Plakaten kommen), und so sehr unsere Idee der Medien sich vom puren Konsum durch das Netz auch zu einer aktiveren Einstellung geändert haben mag, so sehr führt Multimedia zunächst mal auf das erweiterte Couchpotato-Konzept des Homeentertainments oder Mediacenters, das die Computerindustrie seit ein paar Jahren wie eine Seuche durchzieht, zurück. Und damit zu einer für Mobiles unerwartet statischen Ideenwelt.

Noch dazu ist Multimedia eine so kunterbunte Medienbeliebigkeit wie Multikulti – wir haben mit despektierlicher Behandlung von Multiworten genug Erfahrung – und täuscht ebenso darüber hinweg, dass neue Telefone eben doch als Kamera-Telefon, MP3-Player-Telefon oder Camcorder-Telefon auf dem Markt platziert werden. Und das nicht etwa, weil z.B. ein N93 ein schlechterer MP3-Player wäre als ein N72. Eben weil das nicht Monomediale des mobilen Telefons für uns längst akzeptierte Tatsache ist, anders als z.B. beim Monomedium schlechthin, dem Fernseher, der durch Mulitmedia/Mediacenter ersetzt werden will, kaufen so viele Telefone mit einem Hang zu einem speziellen Medium. Deshalb auch immer häufiger zu beobachtende und unter darwinistischer Sicht extrem erfolgreiche Tarnverhalten nahezu baugleicher Telefone (perfekt zu beobachten bei SonyEricssons W800 und K750). Könnte die Umbenennung von Mobile Phones in Multimedia-Computer eine geheime Egalisierungs-Strategie sein? Wenn ja, käme sie zu früh und wäre eher philosophisch zu begründen als markttechnisch, was uns gefallen mag, einer Firma wie Nokia aber kaum zu unterstellen sein dürfte.

Telefone nicht Telefone zu nennen, ist überfällig, aber wozu Mobile in Multimedia umzutaufen? War Smartphone zu phony? Mobile-Computer zu unspezifisch? Mobile allein zu schlicht? Hätte eine Umbenennung in Handy zu viel Furore unter den Sprach-Nationalisten verursacht? Ist all das nicht eine Verschleierung einer eminenten Tatsache, nämlich der, dass es in der weiteren Entwicklung von Mobiles nicht darum gehen wird, so viele Medien wie möglich zu umfassen oder so viel Prozessorleistung und Netzfähigkeit zu sammeln, um ein wirklicher Computer zu werden, sondern vor allem darum, das Interface neu zu erfinden.

Denn genau da liegen die Aufgaben, die Mobiles mit ihren notgedrungen kleinen Screens und reduziertem Realestate für Bedienelemente in den nächsten Jahren zu realisieren haben, wenn sie erfolgreich sein wollen. Einfach und mit einer Hand bedienbar zu bleiben, trotz Funktionsreichtum, notfalls eben durch Präferierung eines Mediums, ideellerweise aber nicht. Wir vermuten, nachdem auch Video in der Masse endgültig eine Domäne des Mobile Phones geworden ist, G3 halbwegs Standard, meinethalben auch Handy-TV sich durchgesetzt hat, lieber aber GPS ubiquitär geworden ist, sich endlich der Fokus komplett auf die Knöpfchen und Drehteile richtet und mehr noch auf das GUI, denn genau da liegen bei fast allen Telefonen die größten Schwachstellen. Wir brauchen ein Handy-OS mit komplett konfigurierbaren und scriptfähigen Menus und Tasten, fluide mobile Endgeräte, die sich auf den jeweiligen Moment und die persönlichen ergonomischen Vorlieben einstellen können, statt in die Hardware gecodete Mulitmediapräferenzen. Bis dahin wäre ich aber schon froh, wenn endlich jemand eine Laser-projezierte Tastatur in eins dieser Dinge einbaut.

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Elektronische Lebensaspekte.