Talking Loud and saying nothing. Drum and Bass Head Nookie aka Cloud 9 kultiviert das kommunikative Vakuum. Macht nichts, seine Buddies von Moving Shadow bis Reinforced verstehen ihn über seine Tracks und seine Snacks, und auch Hobbykoch Sascha Kösch kann aus seinem Kaffesatz lesen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 43

drum and bass

VIELE HARMONIEN BEIßEN SICH NICHT
NOOKIE & DIE DRUM AND BASS FAMILIE

Im Grunde ist eine Szene manchmal so etwas wie eine kostenlose Ausbildung zum Diplomaten. Zum Politiker. Eine der besten Schulen dieser Art ist mit Sicherheit Drum and Bass. Steck da einen Haufen Jahre rein und du kommst raus mit Sätzen, deren natürlichster Ausdruck gar nicht erst verschleiern will, dass sie nichts sagen sollen. Du bist der König der Allgemeinheiten. Aber produzierst wenigstens gute Tracks.
Nookie, der lange Zeit kurz vor London, ein Dorf über Moving Shadow, lebte, dort einen Plattenladen im Fachwerkhaus hatte und als “Cloud 9” und eben Nookie auf den beiden langlebigsten Labeln der Drum and Bass Geschichte veröffentlichte, ist so einer. “Politics” ist so dermaßen zu seinem Sprachstil geworden, dass sie ihn überhaupt nicht mehr interessieren können. Wir sind alle eine Familie, sagt er über seine neuen Buddies bei Good Looking, für die er wohl in nächster Zeit exklusiv releasen wird. Ein paar 12″ auf dem Weg zum Album, wie er sagt, aber nein, er sei kein Album-Artist. Buddies waren vorher auch Moving Shadow und Reinforced. Goldie muss wohl von einigen seiner Tracks hingerissen gewesen sein, als er bei Reinforced noch mitreden durfte. Und Rob Playford, der ist eh ein Freund der zentnerschweren Pianos. Aber er, Nookie, macht gar nicht so melodiöse Tracks, nicht nur, er macht alles. Auf seinem Album bei Reinforced vor 5 Jahren – einem der ersten Artistalben überhaupt auf dem Label – gab es einen Housetrack. Warum er keine anderen Styles produziert? – Macht er doch, macht er doch alles. – Aber erscheint ja so nix, Nookie. – Ja, im Moment, aber das wird kommen, er ist noch nicht so weit. Und bei den anderen Labeln, da releast er ja auch noch. Und hat grade ein Album für Sony produziert. Glauben wir das?
Nun ja. Der Weg ging ungefähr so. Ray Keith, seit Ewigkeiten auch Buddy von Nookie, war berühmt. Ein DJ muss Platten machen, sagt eins der ehernen Gesetze des Drum and Bass, und schließlich gibt es ja da auch noch die Robo-Technician-Instanz, den Producer. Man blickte sich in die Augen, sah den Buddy im Gegenüber und wusste, was geschehen musste. Nookie produzierte einen Haufen von Tracks für Dread und ähnliche Label. Eigene, im tiefsten Kuddelmuddel aus Vorlieben für ruhigere Sachen (“ich mache alles”) und harte Breaks, die das Label, aber auch die Zeit so vorgaben, vor allem aber Ray Keith Tracks. Der, wenigstens sagt er es selber und macht nicht so einen Brei drum wie Goldie, Grooverider und ein paar andere Größen, lernt dabei. Er ist ja nicht so ein technischer Mensch. Das ist Nookie. Schon immer. Sega, Atari, Powerbook, so die Stufen seiner Evolution. Er bereitet sogar seine DJ Sets auf dem Rechner vor. Spielt alle Platten als MP3 Files ein, schaut, was wo gut passt, und bietet dar. So kann nichts mehr schief gehen. Und die vielen Harmonien (er ist jetzt bei Good Looking) beißen sich nicht.
Nookie passt dort eigentlich ganz gut. Ob ihm die Labelpolitik gefällt, 12″es immer als Doppelpack zu veröffentlichen? – Sicher, sicher, das ist schön. – Ob er bestimmen kann, wer da mit ihm auf einem Doppelpack ist? – Nein, nein, das ist kein Problem. Wir sind doch alle (in diesem Moment blicke ich in die Runde, es war ein runder Tisch, und da sitzen noch Bukem und Konrad bester Laune und überlegen, was es Leckeres zu essen gibt, mjam mjam, zur Stärkung vor dem Gig, und es könnte auch das Frühstück einer amerikanischen Serienfamile vor dem Schulbus sein, ich glaube ihnen alles…) eine Familie. Und wer sich mag, der liegt auch zusammen in einem Doppelpack, so. Für die Reise nimmt man sich das Laptop mit, produziert in den Warteschleifen, die so ein Tourleben mit sich bringt, ein paar Ideen, vielleicht sogar Tracks. Wenn jemand fragt, sagt man einfach, das ist meine Persönlichkeit, die sich da zeigt in den Tracks, deswegen sind die so, deswegen können sie aber auch ganz anders sein. Und bei den anderen ist das genau so.
Ray Keith dieweil muss jetzt alles selber machen. Und er macht es gut, die ersten Gehversuche machen besonders Spaß, wenn man schon weiß, wo man hin will, weil man alles andere hinter sich hat.

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Elektronische Lebensaspekte.