Der ehemalige Jörg Burger-Soundnachforscher "Nothingface" hat sich von Köln aufgemacht in die Miniaturbeete, in denen einträchtig AgitProp-Techno, Schunkelelektronik und Handtaschenimperativ angepflanzt werden. Ein Hippie gegen Ressourcenverschwendung.
Text: sascha kösch aus De:Bug 56

Idiosynkratische Eleganz

Vor gar nicht all zu langer Zeit, in einem unbekannten Land (Köln), da ergab es sich, dass jeder Produzent reduzierter, elektronischer Musik kaum anders konnte, als zum Kölner Sound zu pilgern. Dort traf er unweigerlich ein Triumvirat aus Bassdrum, Pop und konzeptueller Dichte an, dem kaum auszuweichen war. Vor einigen Jahren noch hieß die entscheidende Frage, mit der man dieses Dilemma lösen konnte, quasi die Losung zum Eintritt in die Szene: Burger oder Inc? Dann aber sprudelte die Stadt durcheinander, die Konzepte verwebten sich und man ging auf die Suche nach den Zwischenräumen in diesem Sound. So fand Burger zu Nothingface und die Welt dachte mal wieder in Pseudonymen. Nothingface aber war gar kein Burger, kein Klon, kein Geist, sondern ein realexistierender Mitkölner, der nur zufällig den gleichen Ton traf, was Burger noch nie überhört hat, weshalb er ihn schnell mit auf sein Label “Eat Raw” nahm. Und die Welt glitzernden Popminimalismus klarer einfacher Sounds und leichter Grooves hatte einen neuen, kleinen, unbekannten Stern. Von diesem Ort aus machte sich Nothingface schnell auf, um auf diversen Labeln wie z.B. dem damals noch mit zum Burger Imperium gehörenden “Harvest” oder auch “Treibstoff” zu releasen, bis er schließlich in Eleganz mit seinem ersten Album eine Art neutraler unkölscher Zone fand, ohne wirklich danach gesucht zu haben, um seinen Handtaschen-Sound (wir verstehen das im positiven Sinne einer Miniaturisierung der mobilen Werte und spielen damit offen an eine Serie an, die von dem ersten Album auf Harvest mit seinem Schminkkästchen Cover über sein erstes bei Eleganz Namens “Ultraboutique” geht) weiterzuverfolgen, dem das spiegelnde Glitzern nun grade ein zweites Album eingebracht hat: “Changeman”, nach einer alten Spielekonsole benannt, deren Design vermutlich in vielen Jahren nicht als Infowaroverkillkonsole in einer Retroforward-Orion Serie landen können wird, weil heutzutage in Filmen das eherne Gesetz des Kopierschutzes gilt. Von Musik als Schmuck aber geht es dort hin zu einer Musik zwischen Miniaturen, Bassdrum und Funk, zwischen Design und Partymanifest, dessen Konzept nicht mehr so übersichtlich ist, weshalb wir ihm hier ein paar Fragen stellen wollen.

DeBug: Irgendwie hält man dich für so etwas wie einen “heimlichen Außenseiter” des Kölner Sounds. Ist das nicht langsam zur lästigen Rache deines Pseudonyms geworden?
Nothingface: Dass ich der heimliche Außenseiter bin, hab’ ich auch erst durch dich erfahren. Ich kann ehrlicherweise nicht genau einschätzen wie bedeutsam oder unbedeutsam Nothingface im Kölner Musikkosmos ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich eigentlich niemanden hier aus der “Szene” kenne. Und Jörg Burger (mein Entdecker) ist ja auch eher ein Außenseiter (wenn auch ein sehr erfolgreicher): erfolgreicher Außenseiter entdeckt unbekannten Außenseiter. Das Pseudonym Nothingface kokettiert natürlich ein bisschen damit – unidentifizierbar und irgendwie namenlos zu sein. Aber eigentlich ist es in erster Linie eine Referenz an die kanadische Metalband Voivod. Eine Platte von denen heißt so. Es gibt auch noch so eine Trashmetal Band mit gleichem Namen. Das Eleganz Label ist ja auch nicht so ganz in der Cologne-Scene drin. Von daher passt das ganz gut.

DeBug: Deine neue Platte ist deutlicher denn je gleitend, was man wahrscheinlich bei deinen Tracks oft und ich glaube immer positiv glatt nennt, so etwas wie ein konzentriertes Eintauchen in kleine Fragmente. Was magst du am “kleinen” Format?

Nothingface: Das, was du hier positiv umschreibst, ist eigentlich eine Schwäche von mir. Ich bin musikalisch total ungebildet. Dass die Tracks so kurz geraten, hängt manchmal einfach damit zusammen, dass ich denke, hier hilft noch nicht mal ein dramaturgischer Bogen, um die “Glätte” interessant zu gestalten. Also mache ich saubere kurze Tracks. Das gibt den Stücken oft diesen digitalen Soundtrack-Charakter. Aber eben das mag ich sowieso sehr gerne: kurze intensive Momente: in der Musik – im Film – äh, manchmal auch im Leben. Paul Verhoeven, der holländische Regisseur, hat mal gesagt, dass er einen Film meistens nur wegen einer Szene macht (bei Robocop z.B. die Szene, als er durch die verlassene Wohnung geht und sich Erinnerungsbilder vor seinen Augen abspulen). Das könnte ich auch sagen. In jedem Stück sollte es einen großen Moment geben. Dann ist alles klar.

DeBug: Wie sind die Gesangstracks mit Duft und Nightdoctor entstanden?

Nothingface: Nightdoctor habe ich in meinem eigentlichen Beruf kennengelernt und der hat immer gesagt: “Deine Tracks brauchen Vocals”. Das hat er solange gemacht, bis ich ihn angerufen habe und gesagt habe: “Ich brauche Vocals”. Ich hatte ein paar Stücke auf Halde, die sich gut für zusätzliche Arrangements eigneten. Duft und Nightdoctor haben sich das Material angehört und darauf getextet und gesungen. Diese Vocals hab ich wiederum dafür verwendet, um neue Tracks auf die Vocals zu schreiben. So entstand v.a. “Wir marschieren”. Ich fand die Vocals so eingängig, dass ich mich sozusagen dazu genötigt fühlte, eine sehr einfache, pop-mäßige Struktur zu entwickeln. Alle sagen es wäre ein Hit. Ich glaub’s aber ehrlich gesagt nicht. Dieser “strittige” Text wird dem Hit wohl zum Verhängnis. Dass der Text ironisch ist, kriegt man eigentlich nur mit, wenn man den ganzen Text komplett mitbekommt. Normalerweise bleibt aber nur “Wir marschieren” hängen, die anderen Textpassagen sind wenig merkfähig. Also werden es die meisten Hörer wahrscheinlich für ein Pseudo-Rammstein-Stück mit Mädchenstimme halten. (Na gut, dann wird’s wohl doch ein Hit).

DeBug: Gibt es für dich so etwas wie ein Verhalten zu Retropop oder Neo-80er?

Nothingface: Ich bin ein durch-und-durch-80ies-Kid. Die Einflüsse sind aber eher sekundär und zu viele, als dass ich mich nur den 80ern verpflichtet fühle. Ok. Die 70er habe ich nur unbewußt mitbekommen, Retro-80er Pop nervt mich ziemlich an, aber die 90ier gingen mir ziemlich am Arsch vorbei, für mich gibt es kaum ein Jahrzehnt, das langweiliger ist. Wenn ich alleine das Design vom ersten Gameboy sehe, weiß ich, wie öde die 90ies sind (obwohl der von 1989 ist).

DeBug: Durch die Platte zieht so ein gewisses digitales Hippieflair.

Nothingface: Interessant, dass du das Wort “Hippie” verwendest. Also ohne Scheiß, ich glaube, dass ich ein Hippie bin. Ich lebe in einer sehr seltsamen Konstellation – bin berufstätig, habe eine Tochter und lebe getrennt von der Mutter (bin zu 45% alleinerziehend). Die Mutter lebt wiederum mit einem anderen Typen zusammen und wir alle vier (Tochter, Mutter, Freund, Nothingface) machen oft Sachen zusammen und verstehen uns ziemlich gut. Freunde von uns sagen, wie macht ihr das? Das hat so was kommunenhaftes. Ok, ich rauche nicht, ich trinke nicht und ich gehe um 22.00 ins Bett, aber ich höre Bongwater. Also, wenn ich kein Hippie bin, dann weiß ich’s nicht. Schön, dass man das auch auf meinen Platten hört. Ich wäre gern radikaler, aber am Ende ist immer alles glatt, wie meine Stücke. In meinem Kopf spinne ich meistens ganz andere Sounds zusammen und wenn ich dann an den Geräten sitze, kommt immer wieder dieser seltsame “elegante” Sound raus. Das sind meine persönlichen musikalischen Grenzen – da bin ich mir ziemlich sicher.

DeBug: Was bedeutet für dich Technologie?

Nothingface: Mein Leben ist sehr technologisch. Ein seltsamer Mix aus gegenwärtiger und veralteter Technologie. Meine Instrumente sind überhaupt nicht retro. Dafür habe ich sehr viele alte Computergames. Die Limitierung der Ideen und Formen hat fantastische Dinge hervorgebracht. Ich mag keine Dinge, die mehr können, als sie können müssen, z.B. Handys oder Computer. Ich möchte für jede Funktion ein eigenes Gerät. Natürlich komplett kompatibel miteinander.

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Elektronische Lebensaspekte.