Wenn sie nur einmal am Tag die Piloten sein könnten, würden sie Indie aus dem Muff steuern. Wie man aus Punk und Dixieland und Elektronik Postrock wie den frischesten Avantrock klingen lässt, zeigen "The Notwist" auf ihrem neuen Album so hittig und so anti wie nie.
Text: Oke Göttlich aus De:Bug 55

Pumpelnicker
The Notwist

Schält man die Unberechenbarkeit als wesentliches Merkmal einer Band (jawohl) wie The Notwist heraus, setzt das eine gewisse Kenntnis aller ihrer bisherigen vier Langspielveröffentlichungen voraus. Ihrer Herkunft, ihrer unzählbaren Metamorphosen in Seitenprojekten – hier aufgelistet nach dem wahrscheinlichen Bekanntheitsgrad innerhalb der Leserschaft dieser Zeitung – wie Console, Lali Puna, Tied & Tickled Trio, Potawatomi, Ogonjol – sollte man sich ebenso bewusst sein.
Geht nicht, muss auch gar nicht, darf man angesichts dieser Referenzen denken und einfach auch schreiben, wie sich das neue Album “Neon Golden” anfühlt. Fakt ist, es ist wieder ein anderes Gefühl als bei den vorherigen Alben der Indie-Combo aus Weilheim. Unterstellt man dem Kollegen Thaddi in seiner Rezension zur Vorab-Single Pilot (“Pumpelnde Pumpelbeats”), dass er keine Ahnung davon gehabt hat, was pumpeln bedeutet, muss das Lob für diese Wortschöpfung um so größer ausfallen, da es den Kern einfach trifft. Was könnte pumpeln also sein? Einigt man sich auf die Schnittmenge zwischen Rumpeln, Pop, Kuscheln und Unken, wäre das Panorama der vier Musiker grob angedeutet. Bei The Notwist, als Punkband Ende der Achtziger von Markus und Micha Acher gegründet und richtig rumpelig, hat der heimische Plattenschrank die Funktion des Weltempfängers übernommen und ist im Laufe des 12-jährigen Bestehens gemeinsam mit den Beteiligten zu einem Verstärker ständiger Weiterentwicklung geworden. Statt weiter gegen Eltern, Weilheim und das vermeintlich Begrenzte gegenan zu poltern, entwickelte The Notwist als abstraktes Bandgefüge menschliche Züge und Evolutionssprünge, ohne an subtiler Violence zu verlieren. Mehr anti geht kaum. Anti-Star, Anti-Hip, Anti-Style, Anti-Peinlich und vor allem Anti-Zyklisch. Hatte jemand gedacht, The Notwist würden irgendwann die Kombination von Schlagzeug, Bass und Gitarre nicht mehr fortschreiben und irgendwo zwischen Dinosaur Jr. und Talk Talk hängen bleiben, sollte spätestens mit der letzten Veröffentlichung “Shrink” vor dreieinhalb Jahren enttäuscht, verwundert oder verliebt gewesen sein.
Elektronische Elemente wurden durch die Verpflichtung von Martin Gretschmann (Console) integriert. Alles zu Zeiten, in denen sich abzeichnete, dass sowohl elektronische Musik ohne analoge Instrumente wie auch eine klassische Band ohne Elektronik an ihre Grenzen stoßen könnten. Flirtete Shrink noch mit Jazzelementen – Markus und Micha spielen in einer Dixie-Band mit ihrem Vater auf Sonntagsfrühschoppen – ist Neon Golden ein Update mit Gastmusikern, die weltmusikalischen Einflüssen einen Raum geben, die sich im besten Sinne dem vielfältigen Klangbild der Band anpassen, die Stücke immer wieder in verschiedenste musikalische Himmelsrichtungen zerren und immer neue Geschichten und Assoziationen ermöglichen. Und das alles auf dem elektronischsten Album der Weilheim-Buben.
Es verwundert daher kaum, dass The Notwist, ansonsten so entfernt von allem irdischen, unendliche Begehrlichkeiten wecken. Im Forum der Musiker trampelt eine Horde ungeduldiger Fans durch das Netz und fordert sofortige Veröffentlichung des neuen Albums: “Ich will die Platteeee” ist noch harmlose Ungeduld, während richtiger Druck erst bei Folgendem aufkommt: “Ihr macht wirklich gute Musik. Trefft meine Seele. Das kann nicht jeder. Beeilt euch bitte mit dem neuen Album. Hört bitte niemals auf, Musik zu machen.” Diese Fans hat diese Band wirklich verdient.

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Elektronische Lebensaspekte.