Pho hätte so etwas wie der First Tuesday der Online-Musikwirtschaft werden können - und wäre damit heute wahrscheinlich tot. Doch an Stelle von Venture-Kapital-Jagd und Vitamin B setzte Pho-Gründer Jim Griffin auf Kontroversen. Und die verbindende Kraft vietnamesischer Nudelsuppe.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 66

Sonntag Mittag im Pho 67, einem unscheinbaren vietnamesischen Restaurant am Rande des Chinatown-Bezirks von Los Angeles. Der karg eingerichtete Raum ist gut gefüllt. Gedämpft fällt Sonnenlicht durch die Lamellen-verhangenen Fenster. Die Kellnerin serviert einige Schalen Pho-Suppe (sprich: Föh), die Spezialität des Hauses. Dampfende, kräftige Brühe, Reisnudeln, hauchdünn geschnittene Rindfleisch-Streifen. Dazu reicht sie einen Teller mit allerlei Zutaten zum Verfeinern. Rohe Sojasprossen, grüne Chili-Scheiben, Limetten und einige Büschel frischen vietnamesischen Basilikums.

Jim Griffin nimmt sich eine Handvoll Sprossen und wirft sie in seine Schale. Er streut ein paar Blätter des knackig grünen Basilikums darüber, gibt noch ein bisschen Limettensaft und etwas scharfe Soße dazu. Dann richtet er seinen massiven Oberkörper auf, greift nach Essstäbchen und Löffel und verkündet mit etwas zu durchdringender Stimme: “Ich liebe diese Suppe!” Griffin redet immer so laut. Er ist leicht schwerhörig, die Jahre im Musikgeschäft haben ihre Spuren hinterlassen.

Seine Tischnachbarn stört das nicht weiter, sie kennen solche Probleme. Sie sind selbst Musiker, Bandmanager, Entertainment-Anwälte, Angestellte von Plattenfirmen. Aber auch Programmierer, New Media-Consultants, Startup-Gründer, Internet-Journalisten, College-Kids. Jeden Sonntag trifft sich diese bunte Truppe hier, um bei einer Schale Nudelsuppe über die Zukunft des Online-Musikbusiness zu diskutieren. Mal kommen nur 12 Leute, mal drücken sich mehr als 50 um ein paar flugs zusammengeschobene Tische.

Musikindustrie und Neue Medienwirtschaft – diese beiden Gruppen bringt Jim Griffin auch beruflich zusammen. 1993 gründete er das New Media-Department bei Geffen Records. 1994 verantwortete er dort den ersten kommerziellen Musikdownload in der Geschichte des Internets. 1998 machte er sich mit seiner Consulting-Firma Evolab selbständig. Seitdem berät er von Los Angeles aus Plattenfirmen und Mobilfunkunternehmen in aller Welt zur Zukunft des Online-Entertainments. Griffin ist eine charismatische Integrationsfigur. Jemand, der gerne redet, aber auch zuhören kann. Jemand, der aufrichtig dankbar für jede neue Idee ist. Jemand, der immer neuen Input sucht. Genau deshalb gründete er vor knapp vier Jahren diesen Stammtisch und benannte ihn nach seiner Leibspeise: Pho – das Nudelsuppen-Netzwerk.

Leidenschaftlich uneins

An diesem Sonntag wird mal wieder angeregt über Napster diskutiert. Was wäre passiert, wenn die Tauschbörse keinen Pakt mit Bertelsmann eingegangen wäre? Was, wenn sie statt dessen ihren Geschäftssitz in eine Copyright-Grauzone verlegt hätte? Auf die Seychellen oder die Cayman-Inseln? Sähe die Online-Musikwelt dann heute anders aus? Gäbe es all die Napster-Erben, die der Musikindustrie so viel Kopfzerbrechen bereiten? Die kommerziellen Gegenentwürfe Pressplay und Musicnet, mit denen die Plattenfirmen bisher recht erfolglos auf Abonnenten-Fang gehen? Über diese Fragen sind sich die versammelten Pho-Mitglieder höchst leidenschaftlich uneins.

Jim Griffin hat daran sichtlich Spaß. Zufrieden seine Suppe löffelnd erklärt er: “Abraham Lincoln, mein Lieblingspräsident, hat einmal gesagt: ‘Sobald zwei Leute in einem Raum gleicher Meinung sind, brauchst du einen von ihnen nicht mehr.’ Ich glaube nicht, dass zwei Pho-Mitglieder hier in diesem Restaurant jemals gleicher Meinung über irgend etwas sein werden.” Doch gerade die Mischung der vielen verschiedenen Positionen macht Pho so interessant. Darin ähnelt das Netzwerk der Nudelsuppe ihren zahlreichen Beigaben, die man nach persönlichem Gusto kombinieren kann. Was zählt, ist der eigene Geschmack, die eigene Meinung. “Es gibt bei uns kein richtig und kein falsch. Mit einer Ausnahme: Es wäre vollkommen falsch, andere nicht an seinen Ideen teilhaben zu lassen.” Außerdem sollte man trotz allem Dissens immer noch entspannt zusammen Suppe essen können, erklärt Griffin das Pho-Grundprinzip.

Der rote Hut der Egalität

Richtig heilig ist ihm der egalitäre Ansatz der Gruppe. Niemand soll wegen seines Jobs oder der Höhe seines Gehaltsschecks bevorzugt, benachteiligt oder gar von der Diskussion ausgeschlossen werden. Deshalb lässt er wie jeden Sonntag auch dieses Mal nach dem Essen einen knallroten Hut rumgehen. Bezahlt wird nach eigenem Ermessen. Wer viel hat, zahlt freiwillig drauf. Wer nichts zahlen kann, wird eingeladen. Den Rest übernimmt Griffin aus eigener Kasse.

Pho ist ein Netzwerk von Leuten, die normalerweise nie ein gemeinsames Netzwerk bilden würden.
Bis hierhin mag sich Pho wie die Geschichte eines Technologie-Stammtisches mit etwas exzentrischen Ritualen anhören. Doch Griffin und seine Mitstreiter wollten von Anfang an mehr. Wollten die Diskussionen weiterführen. Wollten etwas verändern. Also gründeten sie eine Mailingliste. Sie ermöglicht den Kontakt weit über Los Angeles hinaus, ein Wachsen des Netzwerks. New York und San Francisco haben heute regelmäßige Stammtische, in Chicago, Seattle, London und Helsinki gibt es lose Spin-Offs.

Doch zum Zentrum des Netzwerks ist längst die Mailingliste selbst mit ihren unzähligen E-Mails und unendlichen Diskussionen geworden. Wer einen Blick auf die Netzadressen ihrer Abonnenten wirft, entdeckt dabei viele bekannte Firmen aus der Welt des Entertainments: MP3.com, Emusic, Listen.com und Pressplay, die amerikanischen Gema-Pendants ASCAP und BMI. Die fünf großen Plattenfirmen EMI, BMG, Sony, Universal und Warner, aber auch Indie-Labels wie Ninja Tune. Musiker mit und ohne Plattenverträge. Musikindustrie-Rebellen wie Don Joyce, der mit seiner Band Negativland für extrem Copyright-unkompatible Sample-Collagen berühmt geworden ist. Technologie-Firmen. Lobbyisten, Rechtsanwälte, Programmierer. Consultants, Netzradio-Betreiber, und, und, und.

Rund 900 Abonnenten hat die Pho-Mailingliste. Viele von ihnen würden unter normalen Umständen niemals aufeinander treffen, geschweige denn miteinander reden. Doch auf der Pho-Liste tun sie es erstaunlicherweise. Jim Griffin dazu: “Es gibt auf der Liste Leute aus dem Establishment und Leute, die meinen, es sollte kein Establishment geben. Jeder hat seinen eigenen Standpunkt. Und ich bin stolz darauf, dass ich diesen Leuten helfen kann, ihn zu artikulieren.” Dabei dürfen auch schon mal die Fetzen fliegen. Ein ordentlicher Streit ist ihm allemal lieber als gepflegter Geschäfts-Smalltalk.

Lesen fürs Leben

Pho sei auch gar nicht so sehr als Business-Netzwerk gedacht, erklärt Griffin bescheiden. Zwar habe man schon den ein oder anderen Manager auf der Liste. Klar, auch Pioniere wie den MP3.com-Gründer Michael Robertson. Doch eigentlich habe er Pho für die Newcomer gegründet. Von denen gibt es mehr als genug, seitdem MP3 und Napster Copyright-Themen auch für College-Studenten interessant gemacht haben. “Ich wollte einen Ort schaffen, an dem jemand, der bisher nichts mit Hollywood und der Musikindustrie zu tun hat, einfach durch Lesen verstehen kann, was dort passiert. Den richtigen Wortschatz lernen und so an der Diskussion teilhaben kann. Natürlich mag ich es, wenn sich die RIAA-Präsidentin Hillary Rosen oder Michael Robertson zu Wort melden. Aber ich mag es noch mehr, wenn ein Newcomer etwas lernt. Michael Robertson kann auch einfach seinen Anwalt anrufen. Ein College-Student hat es nicht so leicht, die richtigen Antworten zu finden.”

David Weekly ist ein gutes Beispiel für einen solchen Newcomer. Weekly hatte 1997 als Student eine kleine Website gebastelt. Ein paar Infos zum MP3-Format, ein paar Hits seiner Lieblingsmusiker, fertig war eine der ersten illegalen Musik-Websites der Welt. Es sollte auch die erste werden, die auf Betreiben der Musikindustrie geschlossen wurde. Genauer gesagt auf Betreiben Jim Griffins. Der dachte allerdings gar nicht daran, Weekly die Polizei auf den Hals zu schicken. “Wir hatten damals eine sehr ungewöhnliche Politik bei Geffen. Wir wollten dich nicht hinter Gitter bringen. Wir wollten dich treffen”, so Griffin. Sein Team wollte von den College-Kids lernen, um selbst besser mit dem Netz umgehen zu können. Also besuchte der Manager Jim Griffin den Musikpiraten David Weekly in dessen Studentenwohnheim. Dort traf er auf einen eingeschüchterten, aber technisch hoch begabten jungen Mann mit vielen interessanten Ideen. Die beiden freundeten sich an, Weekly wurde Pho-Mitglied, dann Firmengründer, Consultant und Buchautor.

“Das, was ich auf der Liste über die Geschichte und Philosophie des Copyrights gelesen habe, ist unbezahlbar. Ich habe dort in einem Monat mehr gelernt als in drei Jahren Stanford”, bestätigt auch Tim Qurik den Pho-Lerneffekt. Quirk ist Musiker und arbeitet als Chefredakteur bei Listen.com. Eigentlich keine gute Kombination für freimütige Diskussionen. Sein Arbeitgeber hat im Dezember 2001 das Musik-Abo Rhapsody gestartet. Als einziger unabhängiger Anbieter konnte sich Listen.com dafür auch die Kataloge der fünf Major-Plattenfirmen BMG, EMI, Warner, Sony Music und Universal sichern.

Aus dem Kartell gegen das Kartell

Doch das hält Quirk nicht davon ab, auf der Pho-Mailingliste ordentlich gegen “das Kartell” zu wettern. Gemeint sind natürlich die fünf großen Plattenfirmen. “Auf Pho bin ich nur Tim der Musiker und Musikfan”, meint Quirk dazu. In den Achzigern war er mit seiner Band Too Much Joy beim Warner-Sublabel Giant Records unter Vertrag. Giant verkaufte rund 100.000 Platten der Band, doch Quirk sah von dem Geld so gut wie keinen Penny. Seitdem ist er auf Majors nicht mehr besonders gut zu sprechen. Was nicht heißt, dass er nicht gerne mit ihren Vertretern streitet: “Ich liebe es, wenn sie sich auf der Pho-Liste zu Wort melden. Ich liebe es, wenn sie daraufhin in der Luft zerrissen werden. Und ich liebe es noch mehr, wenn sie sich davon nicht einschüchtern lassen.”

Nicht einschüchtern lässt sich zum Beispiel Karen Allen. Karen Allens Profession: Internet Music Evangelist. Dummerweise wollte ihr kaum ein Pho-Mitglied glauben. Sie hat ihre Rolle im Pho-Netzwerk selbst einmal als “Boxsack der Musikindustrie” bezeichnet. Allen wurde 1999 von der Recording Industry Association of America (RIAA) dafür angestellt, den Kontakt zur Online-Musik-Szene zu verbessern. “Internet Music Evangelist” hieß ihre eigens dafür geschaffene Job-Position emphatisch. Nur wusste Allen gleich: Viele Gläubige würde sie auf der Pho-Liste nicht finden.

Die RIAA hat als Interessenverband der großen Plattenfirmen Napster und so ziemlich jeden seiner prominenten Nachfolger verklagt. Indie-Labels werfen ihr vor, Musiker um ihre Rechte bringen zu wollen. Viele Online-Musikanbieter sehen in ihr ein Sprachrohr einer monopolistischen Musikwirtschaft. College-Kids organisieren Boykotts gegen den Verband, weil er sich für kopiergeschützte Musik-CDs stark macht. Eigentlich mag niemand die RIAA. Karen Allen hat das in einigen hitzigen Diskussionen zu spüren bekommen. Wie sie sich dabei fühlt, immer der Buhmann der bösen Musikindustrie zu sein? “Es ist mir egal”, erklärt sie cool. “Das ist ja nicht mein Freundeskreis. Ich bin auf Pho, weil es mein Job ist.” Und versöhnlicher: “Weil mich die Mischung der Leute fasziniert. Weil die Leute dort einige sehr interessante Sachen zu sagen haben.”

Karen Allen ist sich sogar sicher: “Eine Menge Dinge im New Media-Business wären ohne die Pho-Liste nicht passiert. Ich sehe uns wirklich nicht da, wo wir heute sind, wenn es Pho nicht gegeben hätte.” Pho habe es beispielsweise sehr viel einfacher gemacht, die richtigen Kontakte in der Branche zu knüpfen. “Es ist einfach eines der besten Networking-Tools, die es gibt.” So gibt es parallel zu allen wichtigen Messen, wie etwa der Midem in Cannes oder der Future of Music Convention in Washington, kleine Suppen-Stammtische.

Feind hört mit

Für die RIAA ist die Mailingliste wichtig, um Trends nicht zu verschlafen und neue Technologien zu verstehen. Die richtigen Antworten zu wissen, wenn man etwa zu den neuesten Tauschbörsen gefragt wird. Doch auf die Hilfe ihres Evangelisten muss der Lobbyverband dabei seit Anfang des Jahres verzichten. Im Januar erhielt Karen Allen ihre Kündigung. Sparmaßnahmen. Sofort bekam sie unzählige mitfühlende Mails, selbst von einstigen erbitterten Gegnern wie der Initiative “Boycott RIAA”. Zwar sind Kündigungen in den letzten Monaten keine Seltenheit für die Pho-Liste. Immer mehr Firmen schließen, immer mehr Teilnehmer müssen sich nach einem neuen Job umsehen. Doch viele sahen in Allens Kündigung so etwas wie ein Alarmsignal. Die RIAA war für ihre Gegner lange Zeit so etwas wie der Inbegriff der geldgierigen Musikwirtschaft. Nun muss die Lobby-Vereinigung sparen, weil die sie finanzierenden Plattenfirmen 2001 herbe Umsatzeinbußen verbuchten. So ging letztes Jahr die Zahl der in den USA verkauften Tonträger erstmals seit ihrer Messung im Jahr 1991 zurück, und zwar um ganze fünf Prozent. Ein gewaltiger Einbruch für eine Branche, die bisher selbst in Krisenzeiten Zuwächse verzeichnen konnte.

“Die Pho-Liste ist heute sehr viel politischer und sehr viel weniger Business-orientiert”, beschreibt Karen Allen die Veränderungen durch die Krise. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen nun nicht mehr die cleversten Geschäftsideen, sondern Gesetze wie der Digital Millennium Copyright Act. Darf der Staat Wissenschaftlern verbieten, Verschlüsselungsmechanismen zu knacken? Oder auch Fragen der Marktkonzentration, wie sie die Online-Musikanbieter Pressplay und Musicnet aufwerfen. Dürfen fünf Firmen, die insgesamt 80 Prozent des Welt-Musikmarktes kontrollieren, sich zu zwei Joint Ventures zusammenschließen?

Feinde gibt es nicht, nur Diskutanten

Antworten auf diese strittigen Punkte werden die Zukunft des digitalen Entertainments bestimmen, das wissen mittlerweile auch Regierungsmitglieder. So verwundert es kaum, dass sich in der Liste der Pho-Abonnenten auch einige Mailadressen mit der für staatliche Stellen typischen Endung .gov finden. Senatoren, Kongressmitglieder, Richter: Alle lesen Pho. Über ihre Referenten bekommen einige Kongressabgeordnete und Mitglieder des US-Senats die wichtigsten Pho-Mails. Mancher Firma ist das gar nicht lieb.

Doch nicht nur Volksvertreter, auch Gerichte haben sich bereits Pho-Diskussionen gewidmet. 1999 lieferten sich die Gründer der Tauschbörse Napster erbitterte Wortgefechte mit den Vertretern der Musikwirtschaft. Einer der jungen Napster-Programmierer erklärte dabei erhitzt, man habe nichts weniger im Sinn, als “die Musikindustrie zu zerstören”. Ein paar Monate später mussten Napsters Anwälte fassungslos mit ansehen, wie dieses freimütige Bekenntnis genüsslich von der Gegenseite vor Gericht zitiert wurde. Schlagartig wurde vielen Beteiligten damit klar, dass man auf der Pho-Mailingliste nicht im luftleeren Raum diskutiert. “Das Klima veränderte sich. Eine Menge Leute verließen die Liste”, beschreibt der Wired Online-Reporter Brad King die Folgen dieses Vorfalls. “Einige Firmen haben ihren Leuten auch dazu geraten, die Liste zu verlassen.”

Andere haben sich einfach nur dafür entschieden, lieber zu schweigen – zumindest, wenn es um ihre Firma geht. Karen Allen kann dafür auch ein gewisses Verständnis aufbringen: “Es ist nicht so, als wärst du auf einer Liste von Leuten, die Tennis mögen.” Jim Griffin, ganz Freund der freien Diskussion, ging der Einfluss der Firmen damit allerdings zu weit. Deshalb führte er Pseudonyme auf der Liste ein. Eines davon gehört einem College-Studenten, der zeitweilig für Michael Robertsons MP3.com arbeitete. Auf Pho griff er dessen Geschäftspolitik immer wieder heftig an – ohne dass sein Chef nur einen blassen Schimmer davon hatte, mit wem er es zu tun hatte.

Das sind natürlich Momente, in denen sich der Reporter in Brad King diebisch freut. King schreibt für Wired Online über den Internet-Musikmarkt und ist einer von vielen Journalisten auf der Pho-Liste. Ursprünglich arbeitete er als klassischer Musikjournalist. Dann konnte er irgendwann an der Technik nicht mehr vorbei – und damit auch bald nicht mehr an Pho. “Michael Robertson erzählte mir davon, noch bevor er MP3.com gründete”, erinnert sich King im Rückblick. Kurz darauf griff er zum Telefon, diskutierte eine Stunde angeregt mit Jim Griffin – und war angefixt. “Es ist wie eine Branchenparty, zu der jeder eingeladen ist”, schwärmt King noch heute über Pho. Und ergänzt: “Das Brillante an Pho ist, wie die neuen Medien benutzt werden.” Die First Tuesdays dieser Welt hatten eben nie einen so streitbaren Email-Austausch.

Die Gemeinsamkeiten zwischen solchen Kapitalgeber- und Karrierenetzwerken und Pho sind sowieso begrenzt. Natürlich gab es auch zu Hochzeiten der Gruppe Sonntage im Pho 67, an denen Venture-Kapitalisten Visitenkarten verteilend von Tisch zu Tisch gingen. Doch im Unterschied zu First Tuesday und Co. versuchte nie jemand, aus dem Netzwerk selbst ein Geschäft zu machen. Jim Griffin dazu: “First Tuesday, das sind Leute mit Dollar-Zeichen in den Augen. Pho ist nicht Profit-orientiert.” Deshalb ist das Netzwerk auch nicht zusammengebrochen, als die Investoren irgendwann ausblieben. Natürlich, die Tische beim wöchentlichen Suppen-Essen sind kleiner und intimer geworden. Griffin stört das aber gar nicht: “Es spielt wirklich keine Rolle, wie viele Leute kommen. Manchmal sind die kleinen Treffen die besten.”

Unprätentiös ist wahrscheinlich das Wort, mit dem sich der Pho-Erfolgsfaktor am besten beschreiben lässt. Streitlustig wäre auch einen Versuch wert. Diskussionsthemen, das weiß Jim Griffin, werden dem Netzwerk sowieso nie ausgehen. Schließlich kann vier Jahre nach der Pho-Gründung immer noch niemand mit Bestimmtheit sagen, wie denn nun die Zukunft des Musikgeschäfts aussehen wird. Wird es noch CDs geben? Welche Rollen werden Tauschbörsen spielen? Braucht die Branche Kopierschutz-Mechanismen – oder schreckt sie damit nur ihre Kunden ab? Kann Musik als Ware überleben, oder wird sie zur Dienstleistung? Über all diese Fragen sind sich die Pho-Mitglieder weiterhin sehr leidenschaftlich uneins. Nur auf eins wird man sich auch in Zukunft einigen können: Die sonntägliche vietnamesische Nudelsuppe.

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Elektronische Lebensaspekte.