Auf Frank Lorbers Label Nummer darf Techno noch richtig Techno sein: sehr druckvoll, sehr deep, sehr funktional.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 97

Techno statt tuckern
Nummer Schallplatten

Wer einmal miterlebt hat, wie sich im Berliner Afterhour-Schlangenloch Bar25 über Stunden leptosome Leiber zu einem tuckernden Beat ohne Bass winden, wird hinter spontaner Verwunderung ernste Fragen finden. Minimal Techno hat hier seine minimalste Form gefunden. Takt ohne Wumms. Als Soundmaskerade zum bloßen Metronom des sonntäglichen Zeitverstreuens degardiert, fragt man sich, wo ist der Zustand geblieben, der Rave heißt? Oder Rave bedeutet. Wo ist Techno geblieben, der Wumms, der Druck, die Fülle? Andererseits: Ich mag auch keine Peak-Time-Disco. Zu dicht und voll. Zu wenig Platz. Ich liebe die Zeit, wenn die Nacht schwindet, in der sich die Spreu vom Weizen trennt und ein massiver Groove die gesiebten Körner granuliert und kraftvoll in den Morgen knetet. Nummer Schallplatten aus Frankfurt steht für mich mit seinen bisher zwölf Veröffentlichungen von Acts wie 2 Dollar Egg, Frank Lorber, Sikora, Denis Rusniak und Johannes Heil genau für den Groove dieser Zwischenwelt, sich aufbauende Track-Monster mit einem klaren Bekenntnis zu klassischem Techno: sehr konsequent, sehr druckvoll, sehr deep, sehr funktional. Die Sounds: oben scharf und kristallin, unten mit Wumms. Breiter und dicker als manches andere eben. Lebendig. Viele Oldskool-Verweise bedeuten in diesem Kontext konkrete Wurzeln und keine Rückwendung, wenn man weiß, wer dahinter steckt. Deshalb zählen wir rauf.

One, Two, Three, Four …
Frank Lorber, Nummer Eins bei Nummer, ist im Frankfurter Omen musikalisch groß geworden. Seit 1993 dort Resident DJ, arbeitete er nebenbei im Delirium-Plattenladen. Ein Kind der Szene, wenn man so will. Und Frankfurt war als Techno-Achsenstadt von Anfang an immer massiv da. Es folgen Veröffentlichungen auf dem Frankfurter Delirium-Label, auf eigenem Explizit Records, danach die Gründung von Attention Records. Radiosendungen für die HR3-Clubnight sind Ehrensache. Doch die Zeit bringt etwas Leidensdruck ins Spiel. Frank Lorber: “Das Labelkonzept entstand aus einer Situation heraus, in der ich versuchte meine Tracks bei anderen Labels unterzubringen. Wie immer musste ich ewig auf Feedback warten, es dauerte und dauerte. Wenn sich ein Label bereit erklärte, die Tracks zu veröffentlichen, sahen die Cover meistens aus wie Dreck, ich bekam keine Infos von Label über Veröffentlichungstermine, keine Promos, kein Mitspracherecht beim Artwork, hatte keinen Einfluss auf das Mastering. Nachdem ich jetzt selber seit über zehn Jahren im Geschäft bin, war ich es leid, mir von jemanden ohne Erfahrung sagen lassen, dass unsere Tracks nicht stark genug sind, um veröffentlicht zu werden. Warum soll ich mich überhaupt immer hinten anstellen. Deswegen musste ein eigenes Label her, um den typischen Ablauf einfach zu umgehen, Tracks zu releasen, die ich gut finde, ein Artwork zu schustern, das gefällt, Künstler zu featuren, die unbekannt sind, die Abrechnungen pünktlich und überschaubar anzufertigen, eben all das, was bei den meisten Labels einfach falsch läuft.”

… Five, Six, Seven, Eight
Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Ich mag minimal. Aber ich frage mich oft, wo richtiger Techno im nächtlichen Hörkonsum eigentlich noch stattfindet? Ist es zu einem Provinz-Phänomen geworden? Wo ist der Techno Techno geblieben, der mit druckvollem, energischen Drive, mit Härte, Ecken und Kanten spielt, ohne stumpf und ideenlos zu schranzen. Klickern, klöppeln, blubbern, plockern, gut und schön. Druckvoll gezwirbeltes Rumpeln mit einfachen legalen Mitteln bringt den Spaß zurück. Funktionalität hat Effekte: Vom Herz in den Hintern. “Der Sound von Nummer steht auf jeden Fall für sich. Funktionalität spielt natürlich eine große Rolle. Und ja, vieles klingt oldschoolig ohne es wirklich zu sein. Ich mag es, alte Emotionen mit neuer Technik, zu vermischen. Dennoch würde ich eine 2 Dollar Egg eher als futuristisches Sound Design bezeichnen.“ Und, wie summieren sich die Nummern auf Nummer? “Ich arbeite gerade hart dafür, das macht es wohl aus. 2 Dollar Egg haben ihr Studio auf der gleichen Etage, so stolpert man sich zwangsläufig öfter mal über den Weg. Mittlerweile sind dadurch wahre Freundschaften entstanden. Als ich ihre Nummer “Naxos” das erste Mal hörte, war mir sofort klar, dass geremixt werden muss. Someone Else von Foundsound, mit dem schon länger in Kontakt stehe, war er sofort Feuer und Flamme, Matthew Dear war mein absoluter Wunschkandidat. Ich wollte keinen Remix von den üblichen Verdächtigen haben. Ich finde es übrigens total langweilig, dass sich in unserer Szene dann immer alle auf die selben Künstler stürzen, um einen Remix zu machen.“

Nine 0 Nine
Bei einer Nummerierung werden alle Elemente einer Menge von Objekten mit in der Regel fortlaufenden Nummern versehen. In vielen Fällen ist die Nummerierung eindeutig, so dass es sich bei den Nummern um Identifikatoren handelt. – Mehr bleibt mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.