Das Londoner Label Nuphonic platziert sich als Fusion-Außenstelle zwischen House und Downtempo. Viel Tabak wird auch geraucht und ein fettes Sponsoring ist obendrein rausgsprungen. Antye Greie-Fuchs ist nach London rübergesprungen.
Text: Antye Greie-Fuchs aus De:Bug 44

Nuphonic feiert in London ihre Labelcompilation DRUM RHYTHM NUPHONIC SOUNDCHECK, Multiplikatoren zum Mitfeiern herbeigewunken. Statt mit dem Schlauchboot also aus Deutschland per Businessclass zur Party. Porzellantassen und Süddeutsche Zeitung. Regen und Sturm in London. Heathrow Express plus billig Vietnamese macht zusammen 150 DM. Und schon der Aufwurf, wie kann man hier überleben? Möglicherweise wegen Eastlondon, Hipsters Kiez, wo die modernen Lebensentwürfe etwas Wohlstand erreichen und sich die indischen Restaurants in Reihe schalten.

Hier lebt NUPHONIC. Das Londoner Dance Independentlabel der Gründer David Hill (ehemals Ballistic Brothers) und Sav Remzi. Seit 5 Jahren am Start und damit genug zu bilanzieren und ein bisschen zu feiern mit DRUM RHYTHM NUPHONIC SOUNDCHECK, einem Zweiteiler (DoppelCD) zum einen mit Tracks von FAZE ACTION, FUZZ AGAINST JUNK, BLOCK 16, FUG, die Zukunft beschreiben sollen, und zum anderen eine GROOVE ARMADA DJ-Mix CD mit eigenen Mixen von Nuphonic Künstlern und einer Auswahl Tracks, die zeigen, dass Nuphonic aus dem Club kommen und da auch hingehören.

Die Zukunft kommt gesetzt

Die Zukunft sieht Nuphonic bei Musik für den geschmacksicheren Samstagnacht Dancefloor mit Leidenschaft fürs Detail und Familiensinn. Zwischen “Nu Disco” Sound, Deep House über verschiedene Downtempo Crossover Varianten von Afro- und Latin-Einflüssen, jazzigen Aufzählungen bis hin zu gemächlichen Breakbeats der Kruder&Dorfmeisterschen Art. All das gern auf warmem, analogem Sound. Nur naheliegend, dass Jassanova oder Compost Wahlverwandte sind. Rainer Trüby hat bereits für Nuphonic rumkompiliert (v.a. – Rootdown ’99).

Der Basisnenner sind Produktionen, die sich immer um “authentische” Quellen (Drumloops, Bässe, Bläser, Rhodes, Percussion) bemühen und deren Ehrgeiz darin besteht, echtes Leben so “tight’n’groovy” wie möglich zu programmieren. Ein Widerspruch in sich, weil Timinggenauigkeit gefragt ist für DJ Ansprüche, die Menschen nie erzeugen können ohne Maschinen, denen man dann wieder menschliches Feeling dazuquantisiert, von dem man hören bzw. am besten irgendwie spüren sollte, dass es NICHT nicht echt ist. Sehr amüsant und ein bisschen 80iger, nie ganz schlüssig und vermutlich für immer ungelöst.

Das Labelinfo spricht von bedingungsloser Musikliebe und prahlt mit Qualität, ohne dabei Parameter dafür festzulegen. Sagt auch: “Niemand gründet ein Label, um nur 500 Kopien (CDs, Platten) zu verkaufen.” …na, da kenne ich aber andere, denke ich. Alles läuft darauf hinaus: Es handelt sich hier um eine geschlossene Parallelwelt, in der WAHRHEIT durchaus Sinn macht, auch wenn sie nicht für den Rest der Welt gilt. Das kommt mir bekannt vor und ist sympathisch.

Die Party auch

Ich rase los in die BEDROOM BAR (Rivington Street) zur monatlichen NUPHONIC NACHT, diesmal mit GROOVE ARMADA. An der Tür Fröhlich-Matt, kleiner Club im Obergeschoss (nix Keller) mit hellen Holzdielen, Sofasitzecken, Mädchen mit Blusen und Röcken, Männer mit Hemden und Haar, wie man es trägt. Alle sind sehr nett. Im Hinterraum (leicht esoterisch) treffe ich TOM FINDLAY und ANDY CATO von GROOVE ARMADA, ein DJ- und Produktionsduo, Freunde der NUPHONIC Familie und erst kürzlich durchgebrochen mit ihrem MADONNA “MUSIC” REMIX.

Ihr letztes Album “VERTIGO” mit dem minimalistischen Cover spielt weniger minimalistische Musik, die solide und jazzig, downbeatig und irgendwie austauschbar und deshalb stark ist, weil sie ein gemütliches, ungestörtes Leben unterlegt und in jeder postmodernen Bar auf der ganzen Welt zum Durchnudeln aufruft; Environmental Rare Groove.

GROOVE ARMADA

Debug: Was geht so?

GA: Oh, wir sind gerade am Sahnen. Gestern Nacht haben wir im ‘Fabrics’ aufgelegt (whow…neuer, fetter London Club), und das war riesig! Es läuft sehr gut für uns.

Debug: Gleich meine Lieblingsfrage, habt ihr Madonna in echt getroffen?

GA: Grins… naja, sie wollte immer vorbeikommen, aber sie war hochschwanger, und so hat es nie geklappt…

Debug: Werdet ihr jetzt mit Remixaufträgen zugeschüttet? Wie geht ihr damit um?

GA: Wir machen nie mehr als 3-4 Remixe im Jahr, Remixe bringen Geld, aber sie sucken auch. Man steckt sehr viel Arbeit und Liebe hinein, verbrät seine Kreativität, und am Ende ist es ein Job für einen anderen Namen. Wir wollen uns jetzt auf unser nächstes eigenes Album konzentrieren. Das bedeutet uns sehr viel, wir produzieren draußen auf dem Land, da ist es günstiger zu leben (allerdings) und man hat seine Ruhe. Wir laden viele Musiker ein, um möglichst viel bis ausschließlich mit eigenem analogen Material zu arbeiten. Am Wochenende fahren wir rein (nach London) um aufzulegen.

NUPHONIC LABEL

Montag Morgen. NUPHONIC Office. Reges Treiben. DAVE HILL spricht über sein Label. Er ist so reingerutscht ins Labelmachen. Ballestic Brothers, Clubnächte, und irgendwer musste ja das Zeug rausbringen, dass man so hören und auflegen will. Er hat sich irgendwann entscheiden müssen: Label oder Band. Und jetzt sind es 5 Jahre und eine Menge Platten.

Debug: Wie überlebt Ihr als Independent Label? Was bedeutet für dich
Independance und wie gestalten sich Kooperationen mit der Industrie ?

DAVE: Es ist sehr schwierig. Independance heißt für uns, Künstler über Langzeitbeziehungen aufbauen zu können, organisches Wachsen miteinander. Wir wollen nicht einfach die funktionale 12″ auf den Markt hauen. Wir wollen unseren Künstlern die Bedingungen für aufwendigere Produktionen bieten können. Aber Touren sind zum Beispiel nur möglich mit Industrieunterstützung. Wie letztes Jahr FACE ACTION mit GROOOVE ARMADA in Amerika.

Debug: Was erwartet Ihr euch von der hier behandelten
Drumrythmnuphonicsoundcheck-Compilation?

Dave: Wir wollen mehr Leute auf uns aufmerksam machen und erhoffen uns eine
größere Wahrnehmung unserer Musik und unseres Lebens generell.

drrr … Das Mobiltelefon klingelt zum dritten Mal in fünf Minuten.

Dave: Sorry, ich muss wirklich zurück ins Büro.

Cool, denke ich, scheint schon gut anzulaufen mit der größeren Wahrnehmung generell.

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Elektronische Lebensaspekte.