Reduktion auf das Wesentliche heißt im Drum and Bass: Soul, Funk und tiefer als tief. Nu:Tone macht genau das. So wie es sich für jemanden aus Cambridge gehört.
Text: sven von Thülen aus De:Bug 90

Breakbeat-Astronaut
Nu:Tone

Da sitzt er also vor historischer Kulisse und schwitzt in seinem zwanzigtausend Pfund Astronautenanzug, dessen Versicherungssumme allein schon so manchen Labelbetreiber schwer ins Schwitzen bringen dürfte, und raucht zur Entspannung erst mal eine Zigarette. Ein Fotoshooting ist eben kein Zuckerschlecken. Vorbeiziehende japanische Touristen wundern sich und machen sicherheitshalber auch gleich ein paar Fotos. Man kann ja nie wissen, wen man da zufällig vor sich hat. Außerdem sieht es gut aus. Das hat sich auch Dan Gresham aka Nu:Tone gedacht und sein Label Hospital davon überzeugt, ihm für sein Debütalbum “Brave New World” dieses todschicke Astronautenoutfit zu besorgen. Geliehen natürlich. Dan kommt aus Cambridge, der Stadt mit einer der ältesten Universitäten der Welt und Jahrhunderte alten Traditionen – sozusagen ein Freilichtmuseum puritanisch englischen Stolzes. Sich als von Haus aus zukunftsliebender Drum-and-Bass-Produzent vor diesen altehrwürdigen Bauten, in denen der Zahn der Zeit etwas langsamer nagt als sonst wo, als Astronaut ablichten zu lassen, entbehrt für ihn nicht einer gewissen Ironie. 21st Century Soul trifft …, äh, 17th Century.

Nu:Tone ist einer der Produzenten, die es in vergleichsweise kurzer Zeit geschafft haben, sich mit einer eher übersichtlichen Anzahl von Tracks direkt an die Spitze einer jungen neuen Garde zu katapultieren. Seit ein junger John B, der vor einigen Jahren während Dans College-Radioshow dessen Studio stürmte, weil ihn der lange gesuchte Break einer Funk-Platte, die gerade lief, aus der Fassung gebracht hatte, ging es mit Nu:Tones Entwicklung recht rasant voran. Bis zu seiner ersten Maxi auf John B’s Label Exile dauerte es nicht mehr allzu lange und eine Hand voll Releases später (u.a. auf seinem eigenen Label Brand.Nu) klopfen mit Soul:R und Hospital die Branchengrößen an die Studiotür.
Wenn man seinen Sound auf drei Worte zusammendampfen würde, dann hätte man mit deep, Soul und Funk seiner Meinung nach die Essenz dessen, was Nu:Tone ausmacht. Und tatsächlich bewegt sich “Brave New World” in diesem smooth groovenden Koordinatensytem, in dem sich das Wissen von Rare Groove, Deep House und Funk zu Drum-and-Bass-Tracks verdichtet und an dem dank jahrelanger Soul- und Jazz-Imprägnierung jegliche schnodderige Raverotzigkeit abperlt. Nicht dass Nu:Tone die Freuden eines aufheulenden Mentasm-Samples nicht auch zu schätzen wüsste, aber in seinen Produktionen lotet er die stilistischen Möglichkeiten, die sich ihm bei Drum and Bass “innerhalb einer recht festen BPM-Klammer so bieten, lieber etwas subtiler aus”. Für “Brave New World” hat er deswegen auch bewusst diesen Drum-and-Bass-Fokus gewählt. Konzentration auf das Wesentliche, den Dancefloor. Seine House- und Downbeat-Tracks hebt er sich lieber für später auf. Für ein weiteres Album.

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Elektronische Lebensaspekte.