Stardubber und Stir 15-Labelbetreiber C-Rock begeisterte auf dem spanischen Festival für Musik und Kunst genau so, wie er selbst begeistert war. Eine warme Empfehlung von jemandem, der es besser wüsste, wenn es besser gäbe.
Text: c rock aus De:Bug 56

Tipp statt VIP

Es scheint, als ob sich Spanien zunehmend zu einer Enklave zeitgenössischen Kulturguts entwickelt. Neben dem langsam in die Jahre kommenden SONAR Festival, das nach wie vor jeden Juni für Furore sorgt, entstehen auch in anderen spanischen Städten vermehrt Festivals, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Musik und neue Kunst zu verbinden. Eines davon ist das valenzianische OBSERVATORI Festival, das 2001 vom 06.12. – 09.12.2001 zum zweiten Mal stattfand. Im Gegensatz zum SONAR konzentriert sich das OBSERVATORI mit seinem Programm aber mehr auf den Kreativsektor Kunst und Klangforschung und bietet quasi im Rahmenprogramm auch ein ausgesuchtes musikalisches Angebot für die Nacht. Mit aktiver Unterstützung der Stadt Valencia ist der Großteil des Festivals im und um das Museum für moderne Kunst in Valencia (El Museo Valenciano de la Ilustración y la Modernidad, kurz Muvim) untergebracht. Neben einem großen und sehr gut zusammengestellten Angebot an Illustrationen und Grafiken sowie Foto-Exponaten, Installationen und Performances finden hier auch die Konzerte der Klang-Abteilung statt, in der unter anderem PAN SONIC aus Finnland oder JOHN DUNCAN aus den USA zu sehen waren. Letzterer mit einem eindrucksvollen Quadrophonie-Noise-Set, bei dem er die vier aufgestellten PA-Türme des Festival-Zelts separat ansteuerte. Die Atmosphäre des gesamten Festivals ist sehr entspannt und freundlich – Wichtigtuerei und VIP-Hysterie anderer Festivals oder übertriebene Pseudo-Intellektuelle, wie man sie häufig hierzulande auf Kunst- und Musik-Events antrifft, sucht man glücklicherweise vergebens. Auch wenn es sich abgegriffen anhört, aber hier verschwimmen die Grenzen zwischen Kultur und Unterhaltung wirklich – Berührungsängste zwischen Kunst, Künstlern, Musik und Partystimmung existieren nicht und ermöglichen demzufolge allen Interessierten auch einen leichteren Zugang zum jeweils unbekannten Element.

U-Bahn fahren mit Pan Sonic

Nach einer kurzen Phase der Eingewöhnung entsteht vor allem bei den deutschen Besuchern des Festivals ein ungeheures Gefühl des Neids auf dieses Projekt. Das soll jetzt bitte nicht falsch verstanden werden, aber immer wieder kommt da die Frage auf, warum so etwas nicht auch hierzulande stattfinden kann? Man stelle sich mal vor: das Frankfurter MMK lädt spanische Minimal-Elektronik-Künstler ein, die kein Schwein kennt, Levi’s sponsort das Ganze und zur Belohnung helfen auch noch die Stadt Frankfurt und die Lufthansa bei der Durchführung – undenkbar!
Besonders erwähnenswert wäre hier vor allem die vorbildliche Zusammenarbeit des Festivals mit den Offiziellen der Stadt und mit den angeschlossenen Privat-Firmen wie zum Beispiel der Betreiberfirma der Metro. Diese hat in Kooperation mit der Festivalführung ein Projekt mit dem Namen SUBSONIC entwickelt, dass die Musik des Festivals in die U-Bahnen und die U-Bahnhöfe der Stadt brachte. So wurden alle Metro-Stationen während des Festivals mit Musik der eingeladenen Künstler beschallt. Unter anderem liefen in den Gängen der Metro Beiträge von Akufen, Pan Sonic, Stillupsteypa und Stardub.
Neben dem sehr ausgesuchten Angebot des Observatori-by-day ist natürlich auch das schon angesprochene Nachtangebot des Festivals ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts. Im Bereich der Techno- und Housemusik konnte sich Valencia in den letzten zwei Jahren einen guten Ruf erarbeiten, schien hier doch jahrelang nicht viel zu passieren. Unter der aktiven Mithilfe örtlicher Clubs, Plattenläden und regionaler DJs (z.B. Roberto C.) entwickelte sich hier in letzter Zeit eine sehr agile und frische Szene, die z.B. regelmäßig Chris Duckenfield (Swag) aus England holt und vor kurzem auch eine Needs-Night präsentierte. Inzwischen wagen auch mehr und mehr DJs aus Valencia den Schritt, eigene Produktionen zu veröffentlichen, die dem internationalen Vergleich durchaus standhalten können. Der musikalische Schwerpunkt in Valencia liegt momentan eher im Bereich des Minimal-House und Labels wie Kompakt, Force Tracks und auch Lofi-Stereo oder SubStatic zählen zu den angesagtesten Namen unter den DJs der Stadt. Dementsprechend lag dann auch das musikalische Angebot des Observatori Nocturni mehr im festivalkompatibleren Mininmal-House- und Technobereich. Unter anderem wurden hier neben spanischen Support-DJs auch Stewart Walker (live), MRI/Konvex Konkav (live), Akufen, Falko Brocksieper (substatic) und Stardub/Dubstar (lofi stereo) verpflichtet. In den Räumen der Diskothek Roxy fanden sich in den drei Festival-Nächten dann auch jeweils bis zu 1000 Besucher ein, die sehr euphorisch und aufgeschlossen auf das musikalische Programm reagierten.

Rückblickend war zumindest für uns deutsche Künstler das Observatori-Festival eines der Highlights in 2001, wobei die vielen internationalen Gäste dies wohl durchaus unterschreiben können. Sowohl die Wärme und Ungezwungenheit unserer Gastgeber als auch das gebotene Programm und die Grundstimmung waren eindrucksvoll und nahezu konkurrenzlos. Zuviel Lob könnte zwar zugegebenermaßen den ein oder anderen Zweifler auf den Plan rufen, aber nach nunmehr über 15 Jahren Party- und Festivalerfahrung auf meiner Seite kann ein solches Projekt mit all seinen Non-Profit-Mitarbeitern und der vielen guten Unterstützung seitens der offiziellen Stellen gar nicht zu viel gelobt werden. Keep it like it is – you guys rock!

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Elektronische Lebensaspekte.