Maul aufreißen mit zwei coolen Tracks in der Hinterhand. Von den Neu-Berlinern Trickski kann man lernen, wie gesundes Selbstbewusstsein mit dreckigem Style zusammengeht.
Text: Felix Denk aus De:Bug 101

Es sind knapp acht Minuten vergangen, da tut Gott etwas Überraschendes: Nach einem beatlosen HipHop-Stück von den Ying Yang Twins und der watteweichen Dub-Version seines Tracks ”Angel“ zieht Carl Craig das Tempo deutlich an. Ein übel verstimmtes Piano poltert los, zerschnitten von metallischen Claps und aufgepumpt von einem leicht versetzten Beat.

Spätestens der Einsatz des Falsett-Gesangs packt einen wie die kalte Faust im Nacken. ”Sweat“ heißt der Monstertrack – ein Höhepunkt auf Carl Craigs Fabric-Mix-CD, die letzten Herbst erschien. Er stammt von Trickski, drei Produzenten aus Berlin, die ihn kurz zuvor auf Sonar Kollektiv veröffentlichten. Es ist ihre erste Platte. Ihre zweite Platte, ”Hormony“ auf dem Compost Black Label, bekam nicht minder prominenten Applaus: Gilles Peterson – auch Gott, aber mit anderen Gläubigen – fand es eines der besten Stücke 2005.
Was für ein Start in die Produzentenkarriere! Zwei Mal superkompetentes Lob, von zwei recht unterschiedlichen Meistern ihres Faches. Welches ist größer? ”Das ist klar: Carl Craig“, sagt Yannick Labbé. Viele seiner Labelkollegen von Sonar Kollektiv und Compost würden sich da wohl anders entscheiden. ”Wir haben das Tracklisting seiner CD in einem Internet-Blog gesehen. Das war schon ein ziemlich geiler Tag. Da haben wir erst mal mit Wodka-Redbull angestoßen.“
Wodka Redbull? So viel Rave-Bodenständigkeit würde man Yannick Labbé und seinen Mitstreitern Daniel Becker und FNA auf den ersten Blick gar nicht zutrauen. Trickski sehen aus, als wären sie gerade aus einer Modefotostrecke der i-D rausgeklettert. Unrasierte Glamour-Boys mit superaktueller Sportsware, Sommerschal im Winter und einer Prise Übermut. Ein Sexappeal, der wie für Berlin-Mitte konfektioniert ist.
Aber: Berlin-Mitte ist, wer nicht aus Berlin-Mitte kommt. So auch Trickski, die alle aus Freiburg und Umgebung stammen. Yannick und Daniel hingen als Teenager bei Reiner Trübys ”Root Down“-Parties rum und konnten sich für Acid- und Nujazz begeistern. Später dann auch für musikalischere Formen von House und Techno: ”Für mich gab es zwei Platten, die mich da infiziert haben“, erinnert sich Daniel. ”’Hitek Jazz’ von Galaxy to Galaxy und ‘Burning’ von Pepe Bradock.“ Und natürlich Carl Craig, wie Yannick erzählt: ”Wir sind mal so um 2000 nach Berlin zu Jazzanova gefahren, wo Carl Craig aufgelegt hat. Das war unglaublich! Eine Jazzanova-Party, die von Brandenburg-Ravern bevölkert war. Aber die Buffalo-Schuh-Träger haben zu Freejazz-Platten zur Peaktime getanzt.“ FNA, dessen Job vor allem darin besteht, Yannick und Daniel beim Auflegen als MC zu unterstützen, brachte einen ganz anderen Einfluss mit. Er betreibt das Tape-Label 5Finger, auf dem er selbst gebastelte HipHop-Tracks in Kleinauflage herausbringt.

Von Nujazz zu UR
Durch Reiner Trüby kam ein Kontakt zu Sonar Kollektiv zustande und auch zu Michael Reinboth. Trickski waren da schon gar nicht mehr beim Nujazz. ”Für mich ist Nujazz irgendwann käsig geworden, klischeehaft. Immer düdelte irgendwo noch ein Saxophon drüber.“ Intensitätssteigerung war das Projekt, das sich Trickski für ihre eigenen Produktionen vornahmen. Aber nicht um den Preis, alle musikalischen Feinheiten aufzugeben. Quasi musikalisch Raven. Und auch dafür gibt’s ja gute Vorbilder. Yannick: ”Bei ‘Underground Resistance’-Produktionen haben mich schon immer die Harmoniewechsel beeindruckt. Die haben mich umgeblasen, mehr als die Beats.“ Aus dem Trickski-Studio kommen entsprechend jene Platten, die drücken, dabei aber nie stumpf poltern. Jazz mag ja der Teacher sein, aber wer hört schon immer seine Lehrer.
Trickski fühlen sich jedenfalls ganz wohl auf dem House- und Technofloor. Vollmundig sagen sie, dass es ihre Mission sei, Sonar Kollektiv den Style zu bringen. ”Aber den dreckigen Style“, präzisiert Yannick. Dafür gibt es jetzt eine eigene Trickski-Serie: Member of the Trick. Sie soll der neuen Vielfalt wieder schärfere Konturen geben. Das kennt man von Composts ”Black Label“-Serie und von Dixons ”Innervisions“ bei Sonar Kollektiv, wo stilistisches Zwischen-den-Stühlen-Sitzen gezielt kultiviert wird. Die erste Veröffentlichung wird von Leroy und Darnell aus Detroit stammen, die zweite von Movementz aus London. Ebenfalls wird Yannicks ”Hotbox“-EP, die 2004 auf Cabinet erschien, wieder veröffentlicht. Und natürlich wird auch bald eine neue Trickski-Platte kommen. Darauf das Stück ”Grace“ – ein in Neonröhren-Licht getauchter Slow-motion-Thriller – und eine Coverversion des Carl-Craig-Klassikers ”At Les“. Daniel: ”Die von Sonar Kollektiv meinten, wir sollten damit lieber noch warten.“ Verständlich. Aber Trickski sind eben beneidenswert frei von Selbstzweifeln. Und so wird die At-Les-Version doch schon bald erscheinen: ”Die einen sagen: Das ist super, die anderen finden das größenwahnsinnig.“ Nun, vielleicht ist es ja einfach beides.

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Elektronische Lebensaspekte.