In der deutschen Rundfunklandschaft gelten "Minderheitenliebhabereien" womöglich als elitär, der Logik folgend, dass sich Beiträge den Kosten und der Quote entsprechend rechnen müssen. Diverse Formate bleiben dadurch aus spekulativen Gründen strikt unsichtbar. Radio X schafft aus diesen unsichtbaren Formaten eine Zusammenstellung, eine pragmatische Umsetzung von "Sichtbarkeiten" in Form eines Senders. Erstaunlich erfolgreiches Nischen-Hörertum ist fest im Alltag der FrankfurterInnen installiert.
Text: Viola Klein | viola.klein@gmx.net aus De:Bug 52

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Radikal für andere
radio x, Frankfurt/M

Viola Klein | viola.klein@gmx.net

Das Ziel von Radio X ist, eine hohe Bandbreite an Themen, Informationen und Musikrichtungen zu liefern. Doch: “Wer irgendwie vorhat, sein Programm in Richtung Mainstream auszuweiten, muss schon mit einem Gespräch rechnen”, sagt Sevo Stille, Mitbegründer von Radio X. Denn Radio X ist ein nichtkommerzieller Lokalfunk, kurz “NKL” und kein Offener Kanal (OK), eine organisatorisch vollkommen andere Form. Ein Offener Kanal hat die Pflicht, die Interessenten in Reihenfolge der Meldung auf einen Sendeplatz zu lassen. Eine inhaltliche Auswahl oder Präferenz findet nicht statt. Wird die demokratische Idee “Offener Kanal” ernst genommen, wäre es auch absurd, inhaltlich zu manipulieren. Durch diese Struktur ist ein OK aber womöglich leicht zu kapern. Im Unterschied dazu hat Radio X eine Programmkommission (der Begriff ist aus Programmkoordination gewachsen, eine Form von Redaktion), die ein Auge auf Inhalte und Form im Ganzen behält, die über Aufnahme von Sendungen ins Programm entscheidet und für die Inhalte verantwortlich ist. Diese Verantwortlichkeitsstruktur und der hartnäckig beschrittene, logistische Weg der Radio X-Organisatoren baut ein schönes Haus, in dem sich andere einrichten können. Für Eigenrepräsentation oder für Öffentlichkeit ohne sich auf Illegalitäten einzulassen. Radio X schlägt Bürokratie mit Bürokratie, methodisch: “radikal für andere”.

Sendebewusstsein
Radio X setzt sich als Verein aus einem dreiköpfigen Vorstand, der sich um finanzielle und operative Belange kümmert, der Programmkommission, die von allen mit einer Sendung vertretenen Gruppen gewählt wird, und den bezahlten Stellen einer Geschäftsführerin und gleichzeitiger Sekretärin in Halbzeit, zwei ABM-Stellen und einer Putzfrau zusammen. Als nichtkommerzieller Lokalfunk erhält Radio X monatliche öffentliche Fördermittel der “Landesanstalt für Privaten Rundfunk” (LPR). Weiter finanziert sich der Sender aus Spenden und den Beiträgen der derzeit rund 340 Mitglieder. Die GEMA-Lizenzen werden ebenfalls durch die LPR als laufende Sendekosten übernommen. Konkret bedeutet das für den Großteil der Beteiligten: Radio als ehrenamtliche Tätigkeit. Sponsoring Deals sind aufgrund der Struktur des NKL nicht zugelassen. Sendebewusstsein trägt das Ganze zwangsläufig, eben “weil es das geben muss”.

DEBUG: Was wird formal oder inhaltlich von vornherein ausgeschlossen auf Radio x?
Sevo Stille: Ausgeprägte politische und weltanschauliche Spinnersendungen kommen nicht rein, selbst bei einer putzigen Sekte. Nicht eine, schon um nicht in den Ruf zu kommen, anderen einen Wettbewerbsnachteil zuzufügen. Auch was sich dem Bereich eines normalen Schlager- oder Pop-Programms annähert, lassen wir eigentlich bloß im speziellen Ausnahmefall “Kindersendungen” zu. Denen ist nicht beizubringen, dass sie irgendwie Platten spielen sollen, die sie gar nicht verstehen oder kennen.

DEBUG: Müsst ihr auf Hörerquoten achten?
Stille: Quoten sind für uns überhaupt kein Thema. Die LPR schielt zwar manchmal darauf, weil sie politisch zeigen muss, dass NKL erfolgreich ist, aber auf der Ebene sind wir eigentlich quotentechnisch gut genug dabei.

DEBUG: Wie wichtig ist das Lokale, also Frankfurt als Standort?
Stille: Als Verteiler in Frankfurt zu funktionieren, ist mir nicht so zentral. Der lokale Bezug ist natürlich wichtig, weil darin unmittelbare Kommunikation stattfindet, indem du dich nicht mehr aus Presseerklärungen und Agenturmeldungen fütterst, sondern mit den Leuten direkt arbeitest. Im Idealfall bekommst du die Leute dann dazu, selber Sendungen zu ihren Themen zu machen.

DEBUG: Was ist das Glamouröse am Radiomachen?
Stille: Gott, was ist glamourös? Inzwischen ist es eigentlich ziemlich selbstverständlich. Klar, man hat Geltungsdrang, Mitteilungsbedürfnis, das reicht als Antrieb, es hätte auch nicht unbedingt Radio sein müssen. Ich tu mich halt einfach mit Maschinen besser als auf irgendeiner Bühne.

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Elektronische Lebensaspekte.