Ein Label, auf dem unter anderem gefeierte Drum-and-Bass-Größen wie Seba, Paradox und Omni Trio Tracks veröffentlicht haben und das immer noch als Geheimtipp gehandelt wird, wie geht das? Brett Clever von Offshore Recordings erzählt von der Peripherie der Szene.
Text: Felix Krone aus De:Bug 108

Drum and Bass

Frust im Paradies
Offshore

Es gibt zwei Arten von Labels. Die einen veröffentlichen nur hinter dem Mainstream her. Die anderen wagen sich auf Neuland. Zu den zweiten gehört Offshore Recordings aus New York, das seit Anfang dieses Jahrtausends existiert und Ausnahmeproduzenten wie Deep Blue, Omni Trio, Seba, Paradox, Martyn, u.a. gesigned hat. Der Offshore-Sound bewegt sich irgendwo zwischen elektronischen verschlungenen Drum-and-Bass-Beats und musikalischem Story-Telling. Bei derartig konstanter Experimentierfreude ist es erstaunlich, dass das Label immer noch als Geheimtipp gilt. Wenn man sich das Artwork der Release ansieht, erkennt man, dass dort nicht nur gute Musik veröffentlicht wird: Bilder mit niedlichen Hunden, See-Anemonen, lustigen Krabben und tapsigen Möwen, die gemeinsam in ihrem Offshore-Paradies leben, gehören dazu. Es vergeht auch nicht viel Zeit und die heile Welt der friedlichen Seebewohner wird gestört. Immer öfter tauchen auf den Covern finstere Kreaturen auf wie Krokodile und Haie, die Jagd auf unsere harmlosen Bewohner machen. Die Bildsprache ändert sich noch weiter. Schiffe rammen Eisberge und gehen unter, Roboter schwimmen in Geld, Bäume und Schlagzeuge brennen, knallige japanische Werbung schreit einem mit der Faust ins Gesicht, Krokodile fressen Möwenjungen und Schalentiere verwandeln sich in bedrohliche Ungeheuer mit Riesententakeln. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas geschieht im Offshore-Paradies mit seinen Bewohnern. Dieses Gefühl wird unterstützt durch die Musik, die als Soundtrack zu den eben beschriebenen Szenen funktioniert. Kein anderer Drum-and-Bass-Imprint liefert für seine Musik ein derartiges Design. Wer dahinter steckt, ist definitiv Clever, Brett Clever. Genauso heißt der Labelchef von Offshore-Recordings aus New York. Viel Zeit hat er nicht. Dafür viel zu tun. Über ein Interview freut er sich aber trotzdem. Brett hat den Weg zum Drum-and-Bass-DJ in drei Schritten gemacht. Einmal als Hörer um 1996; die Zeit von Platinum Breaks, der ersten Metalheadz Compilation. Den Weg dahin haben alte Platten von Mo Wax und Ninja Tunes gezeigt, die sich damals noch viele Seitensprünge mit Drum and Bass getraut haben. Der zweite Schritt war das Plattenkaufen, und der dritte? Na, das Auflegen. Ende 2001 kam das erste Offshore-Release in die Plattenläden. Auf dem Cover dieser 12″ war eine kleine, einfach gehaltene See-Anemone auf weißem Hintergrund. Das Design war damals noch nicht auffallend. Der Sound schon eher. Der war von Anfang an – na, wie war er, Brett Clever?

… Wenn du sagst, dass es einen speziellen Offshore-Sound gibt, dann bist du einer von den wenigen, die es verstehen. Wir sehen in die Zukunft und in die Vergangenheit. Unser Sound soll zeitlos sein, ohne Etikett und ohne Schublade.

Zu jeder Veröffentlichung gibt es ein Cover, das eine kleine Geschichte erzählt. Willst du damit etwas Bestimmtes sagen?

Eigentlich nicht. Es geht um die Musik und darum, dass sich das Label von anderen unterscheidet. Du fandest unser Artwork ja auch auffallend, weil es anders ist. Allerdings fühlt das nicht jeder. Einige lehnen unser Design ab, weil es nicht dem Trend entspricht. Ihnen fehlen Laser und Roboter, die mehr nach Zukunft aussehen. Oder sie lachen einfach über das Cartoon Artwork oder halten es einfach für kindisch.

Aber einen Kontext gibt es? Zum Beispiel die Entwicklung zwischen den niedlichen Charakteren hin zu den bösen Figuren heute. Früher war das Artwork weniger aggressiv.

Hm … Darüber habe ich nie so nachgedacht. Vielleicht zeigen wir unsere Frustration mit der Szene. Wir spüren, wie es ist, anders zu sein. Es ist schwer, Platten zu verkaufen. Es ist schwer, ein Plattenlabel am Leben zu halten. Es ist schwerer, wenn man etwas macht, dass nicht der Norm entspricht. Ich denke ständig darüber nach, mit Offshore aufzuhören.

Wirklich aufhören? Was könnte dich denn umstimmen?

An Leuten in Foren, die unsere Musik mögen, fehlt es ja nicht unbedingt. Eigentlich ist das einfach nur mehr Support aus der Szene und höhere Verkaufszahlen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Wie immer ist das Spannendste das, was noch kommt. Bei Offshore Recordings kommt es jetzt gewaltig, denn dank munterem Kollaborieren mit den Kollegen von Ohm Resistance schickt Brett Clever eine Platte nach der nächsten auf die Straße zum Erfolg. Und die ist bekanntlich umso kürzer, je mehr Artists sie gemeinsam beschreiten. Ein glücklicher Zufall und sohlenschonend, dass Peripherie und Metropole hier so dicht beieinander liegen: Offshore lives New York ...
Text: Orson aus De:Bug 82

Der Funk der Peripherie
Offshore Recordings

Brett Clever aka DJ Clever hat in New York mit Offshore Recordings eine der aktuellen Schnittstellen geschaffen, die an die besten Momente von Reinforced, Metalheadz und Moving Shadow erinnert, die Grenzen des Genres hinterfragt und mit jeder Veröffentlichung neue Richtungen aufweist. Brett arbeitet nebenbei noch Full Time bei “Breakbeat Science“, dem größten amerikanischen Drum-and-Bass-Label, -Shop und -Mailorder in New York. Offshore wurde anfangs zusammen mit Brian Anemone gegründet. Die erste 12“ wurde von den beiden als Anemone und Clever produziert, danach löste sich Brian von Offshore, und Brett übernahm die gesamte Labelarbeit mit ermutigender Unterstützung von ASC, Paradox und Deep Blue.
Brett hat es geschafft, an allen Schwierigkeiten vorbei, die letzten zwei Jahre konsequent eine Platte nach der anderen in die Shops zu bringen und sich nicht an Hypes abzuarbeiten, sondern immer wieder eigenständige Statements zu produzieren.

“Offshore operiert igendwo an der Peripherie. Ich bin an Sachen interessiert, die die Grenzen von Drum and Bass sprengen. Wir versuchen ständig, die Dinge in alle möglichen Richtungen voranzutreiben. Ich habe Spaß an vielen verschiedenen Styles, und ich will nicht nur eine Art von Sound veröffentlichen. Deep Blue‘s Sachen sind z.B. total anders als das, was Paradox macht, es hat nicht diesen ’breaky’ Aspekt, sondern hauptsächlich 808‘s, Drummkits und so einen etwas schrägen Electro-Flair. Oft vertraue ich einfach den Künstlern. Paradox, Deep Blue und Seba hab ich gesagt, sie sollen Tunes produzieren, bei denen sie denken, dass sie passen, und das haben sie gemacht. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, so tolles Material bekommen zu haben. Die B-Seite für die Deep Blue EP ’Coral’ hatte ich schon lange bevor er seine Maxi auf 31 Records veröffentlicht hat auf CD. Er hat ihn zur gleichen Zeit wie ’Immersion’ und ’Momentum’, den Tracks der 31 EP, gemacht. Sie haben auch alle den gleichen Vibe. Ich war damals total beeindruckt von ’Immersion’, und als wir dann anfingen, über das Offshore-Projekt zu sprechen, stellte sich heraus, dass ’Coral’ nie veröffentlicht wurde. Und so haben wir entschieden, es auf die B-Seite zu tun. Deep Blue ist unglaublich. Es gibt so viele großartige Sachen von ihm, die noch kommen.

Clever kollaboriert

Dass es für Labels wie Offshore nicht einfach ist, mit ihrem Anspruch große Stückzahlen innerhalb der Drum-and-Bass-Szene zu verkaufen, zumal die Unterstützung der Vetriebe fehlt und auch der größte Teil der Szene träge auf dem letzten Hit rumkaut, ist klar. “Es wird mit jedem Release besser, aber trotzdem ist es hart, die Leute darauf aufmerksam zu machen. Um ehrlich zu sein, es ist verdammt schwer.“ Anstatt sich zu beklagen, wird nach Alternativen und neuen Ansätzen gesucht, um die bestehenden Strukturen zu umgehen. Ganz im Sinne des Netzwerk-Gedankens – zwei kleine Labels schließen sich zusammen, um gemeinsam ein größeres Publikum zu erreichen – teilen sich Ohm-Resistance-Artists mit Offshore-Artists wie Fanu und Fracture + Neptune eine von sechs 10“es für die Offshore/Ohm Resitance Split Serie. “Kurt von Ohm Resistance und ich haben gedacht, dass es cool wäre, zusammenzuarbeiten und eine Split-Serie zu machen. Es ist ein effektiver Weg, um Stücke rauszubringen, für die wir noch nicht den richtigen Platz in unseren Release-Plänen gefunden haben. Aufgrund der wachsenden Schwierigkeiten mit dem Vertrieb für ’leftfield’-Drum-and-Bass, kamen wir aufs Abonnement-Prinzip über das Internet, um diejenigen direkt zu erreichen, die interessiert sind. Mit dem seltenen 10“-Format und einem Augenmerk aufs Artwork wollten wir dem ganzen Projekt einen besonderen Ausdruck verleihen.“
Mittlerweile featured das Label legendäre Produzenten wie Deep Blue, Justice, Pieter K, Seba, Paradox, Alpha Omega, Nucleus, und ASC – alle schon lange dabei und teilweise auch mit eigenen Labels – sowie Newcomer wie Fracture + Neptune, Graphic, Fanu, Echo, Slide und Sileni. “Es passiert eine Menge, Offshore 008 ist draußen und 009 kommt im April. Im Frühjahr gibt es eine Commercial Suicide vs. Offshore 12“, auf der Klute Fanu`s ’Defunct Drums Depression Decade’ remixt und Fanu ’Perceptron’ von Klute. Wir denken, dass das ein überraschender, frischer Ansatz ist. Ich bin sehr froh über das Ergebnis. Offshore 010 wird eine Zusammenarbeit zwischen Beans vom Anti Pop Consortium mit Graphic und Deep Blue sein, ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt.”

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