Onsubmitklik. Die fünf Mitglieder der Band oh. sammeln lustige Titelnamen für ihre Tracks, die sie irgendwo zwischen Mouse On Mars und Dr. Rockit ansiedeln lassen. Discobearbeitungen in Bandformat machen Spaß und schmecken, wie Christoph Jacke festgestellt hat.
Text: christoph jacke aus De:Bug 47

Klischeeloslösung par Excellence
oh.
Manchmal können auch Telefon-Interviews richtig unterhaltsam im doppelten Sinn sein: z.B. wenn Ron Schneider und Matthias Kundmueller von oh. sowohl gesprächig sind, als auch abseitige Themenanschnitte konsequent mitgehen und nicht nur über das neue Album und den Bandnamen reden wollen, müssen, sollen.
“Ruf mal bei Verstärker an und lass dich verbinden, dann hast du die beste Warteschleifenmusik aller Zeit”, erzählt Ron begeistert auf die journalistische Warm Up-Frage nach eben jenen Pausenklängen in der Virgin-Schlaufe, die sich eher nach einem gut situierten Hansehotel denn nach Plattenfirma anhören. Wobei die repetitiven Versionen der Mutter aller Überbrückungen – der Telekom – weiterhin der Klassiker bleiben. Ok, Rons Einwand in Richtung Supermarktmuzak sei gebilligt, obwohl dort ja meist 2Step und Drum’n’Bass läuft. Was man nicht noch so alles unvorherahnbar lernen kann.
Falsche Fragen
Während die unoriginelle Frage nach der Herkunft des Band-Namens oh. noch nicht mal auf den Schmierzettel des Journalisten gelangte, sorgt eine andere Wissenslücke für einen verzweifelten Aufschrei von Schneider: das Nachhaken nach all den merkwürdigen Songnamen des neuen Albums “Upper Disker”. Da tummeln sich Titel wie “Palisander”, “Onsubmitklik”, “Sudouest” oder “Summ”. Kurz, obskur und kühlschranktürmagnetbuchstabenverdächtig. Ron: “Wir haben ein Buch, in dem wir lustige Worte sammeln, die uns z. B. anspringen, wenn wir im Tourbus unterwegs sind. Beispiel: der Windows-PC vom Phil spuckt ein Fenster aus, auf dem ‘Onsubmitklik. Die Optionen sind OK. Abbruch.’ steht. Das muss man natürlich festhalten.” Trotz aller Zuordnungswillkür stehen diese Tracktitel für eine Mischung aus Niedlichkeit und Straightness, die beim Hören der oh.-Musik unmittelbar ins Ohr fällt.
The Band Has Got The Rhythm
Das, was Tortoise an pophistorischer Reflexion haben, weisen oh. an direkter Funkyness auf. Und dies wiederum liegt sicherlich auch an der Bass-Schlagzeug-Struktur. Die knallt manchmal sehr schön und erinnert hier und da auch mehr an französische Discobearbeitungen in Bandformat als an Chicagoadaptionen im losen Tüftler-Kollektiv. Matthias: “Projekte wie Daft Punk sind durchaus unsere Anschlüsse.” Was wohl ganz im Sinn der Band sein dürfte: “Das ist eine generelle Entwicklung. Auch im House findest du immer mehr rudimentäre Stile. Ich bin besonders stolz auf das, was der Londoner Rough Trade-Laden in seinem Programm über uns schreibt: ‘Irgendwo zwischen Mouse On Mars und Dr. Rockit’.” Die Rockstruktur bei oh. bleibt unauffällig vorhanden, der Kontext der Strophen bleibt die letzte Anleihe aus der Band. oh. wollen diesen Ansatz ans große Publikum bringen: “Man muss es doch einfach schaffen, dass auch Nischenthemen existieren und angenommen werden”, erläutert Ron den Hintergrund des Majordeals. Bei oh. geht das Hand in Hand mit Indieland. Da passt die Tatsache, dass die Vinylversion über die Kölner Minimalisten von Kompakt ausgeliefert wird. In gewissen Momenten klingen oh. gar nicht so ganz weit entfernt von reduzierterer elektronischer Musik.
Verteilte Konzentration
Die fünf Mitglieder von oh. leben mittlerweile über ganz Süddeutschland verteilt und treffen sich ab und an gezielt und face-to-face. Die Kommunikationsmöglichkeit Internet wird für den eigentlichen Musikproduktionsprozess ausgespart. Ron: “Eine Band ist eine persönliche Geschichte und kein virtuelles Konstrukt. Wenn wir zusammen kommen, müssen wir auch etwas erarbeiten. Wir gehen uns nicht auf die Nerven. Wir wissen, was wir wollen.” Und wollen tun oh. mehr. Über einen Bläsereinsatz des Tied & Tickled Trios wurde schon nachgedacht. Außerdem bleiben sie eine Live-Band, die nicht für die Zuhör-, sondern für die Tanz-Ecke im Event-Umfeld aufspielt, und das lässt sich an “Upper Disker” klar heraus hören.
Am Ende zum Anfang
Wie kommen Bamberger zur ungewöhnlichen Popmusik und zu einem eigenen Plattenlabel namens MDZ? Ron: “Das fing ziemlich unabhängig voneinander an. Unterschiedliche Leute haben zu Zeiten der Postrockschiene experimentelle Sachen gemacht. Daher flogen auch die Lyrics und der ganze Rock raus. Das war ein Reinwaschen von den Klischees, mit denen wir konfrontiert waren. MDZ war eine alte Plattenfirma in einem Studio, in dem ich gearbeitet habe. MDZ lag einige Jahre brach. Wir wollten Musik veröffentlichen, also reformierten wir die Firma.” So entstanden 1996 oh. und einige sie umrankende Projekte (Schneider selbst tritt auch als Mazda 929 in Erscheinung). “MDZ würden auch gerne externe Projekte angehen, dazu ist aber im Moment zu wenig Geld vorhanden”, gibt Schneider das nur allzu bekannte Problem kleiner, feiner Plattenfirmen zu. Macht nichts, so konzentrieren sie sich halt auf die eigene Musik.

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Text: fee magdanz aus De:Bug 26

Vielleicht ist ein wenig Abgeschiedenheit vom grossstädtischen Geschehen manchmal ganz gut, weil es einen ein wenig neutraler auf all die Dinge schauen lässt. Die fünf Jungs von Oh. sind in Bamberg geboren und aufgewachsen, inmitten von Wäldern und Wiesen, einer beschaulichen Altstadt, zahllosen BWL-Studenten und einem, wie sie sagen, “respektablen Programmkino”. Drei von den fünf Oh.-Mitgliedern – Florian, Phil und Ron – haben sich bereits auf der Schule kennengelernt, in den zwei Schulbands, die es dort gab. Die anderen beiden, Christopher und Frank, stiessen über eine Annonce von einer anderen örtlichen Band dazu. So ist das halt auf dem Lande. Und obwohl bis auf Ron, der sich um das eigene Label “Musik der Zukunft” (MDZ) kümmert, heute keiner mehr wirklich in Bamberg wohnt, sondern in umliegenden Städten studiert, ist Bamberg dennoch so etwas wie die Zentrale von Oh. geblieben. Phil: Bamberg ist schon schön, wenn man mal Ruhe braucht und jeder, der uns besucht, merkt das. Aber es gibt keinen Club und auch keinen Plattenladen. Das Problem versteht erst einmal kaum jemand. Für uns gibt es aber trotzdem alles, was wir brauchen. Es ist so eine Art Knotenpunkt. Das Studio ist da. Da es in Bamberg eben nicht den einen Plattenladen gibt, wo man interessante Entdeckungen machen kann oder Anregungen bekommt, und Musik auch sonst nicht gerade zum städtischen Alltagsgeschehen gehört, ist es nur logisch, dass sich die Wohnräume der Fünf auch nicht durch riesengrosse Schallplattensammlungen auszeichnen. Dennoch war und ist Musik immer noch Teil ihres Lebensentwurfes, nur dass sie, statt im Teenageralter ihr Taschengeld für Schallplatten zu verbraten, ihr Musikwissen über das Radio zusammengetragen haben. Florian: Hier gibt es diese Radiosendung ‘Zündfunk’. Da habe zum ersten Mal so etwas wie Tortoise und Notwist kennengelernt und festgestellt, dass Gitarrenmusik auch ganz anders klingen kann. Phil: Es dauerte schon eine Weile, bis man auf so etwas wie Mailorder gekommen ist. Ron: Ich habe auch sehr früh angefangen, mir Musik aus dem Radio zu tapen. Vielleicht ist die mangelnde Präsenz von Musik im Alltag tatsächlich einer der Gründe, warum es Oh. heute überhaupt gibt, wenngleich diese These nur als scherzhafte Randbemerkung von Phil eingeworfen wird. Man lebt in einem Freiraum, weil man sich nicht mit vorgegebenen Kategorien auseinandersetzen musste. Ein Freiraum, der die Band geprägt hat. Ron: Wir haben keine feste Struktur, was die musikalische Rollenverteilung angeht. Wenn wir ein Stück schreiben, hat vielleicht einer eine Idee für eine Bassline und spielt sie den anderen vor. Das heisst aber nicht, dass er sie im Endeffekt auch bei Liveauftritten spielt. So kann es passieren, dass einer die Idee hat und der andere sie umsetzt. Phil: Manchmal wollen auch alle drei Bass oder Gitarre spielen, was natürlich nicht bei jedem Stück geht – nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nicht alle die Instrumente gleich gut beherrschen. Aber es gibt schon Situationen bei Auftritten, wo Ron, Florian und ich dann tatsächlich parallel Bass spielen. Mit einem Seitenblick schielen die fünf auf die Eroberung der Tanzfläche und freuen sich über die Kritiken ihres aktuellen Albums. Dort schreibt man ihrer Musik Wohnraumuntermalungsqualitäten (leise gehört) und Tanzflächenkompatibilität (laut gehört) zu. Auch wenn Oh. noch nicht fünf Leute ernähren kann, setzen sie trotzdem allerhand Erfolgshoffnungen in ihr Projekt, ohne dabei in irgendeiner Art arrogant zu erscheinen. Insbesondere Ron, der, wie er sagt “schon mit 12 Popstar werden wollte”. Ron: Unsere Musik soll vor allem auch tanzbar sein. Ein Feld, wo du dich reinlegen kannst. Der Groove ist da das zentrale Element.

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