Das Kölner Fotomagazin Ohio sammelt in mittlerweile 8 Ausgaben Fotografien aus den verschiedensten Kontexten, um sie daraus zu befreien. Das Amnesty International der Fotografie, sozusagen.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 43

Das Antiautoritäre Fotomagazin
Ohio

Oho, Ohio: Hier ruft das antiautoritäre Fotomagazin, in dem Fotowelten dekontextualisiert und Betrachter mündig gesprochen werden. Das seit Januar 1995 nahezu vierteljährlich erscheinende Fotomagazin Ohio wird in Köln von den Künstlern und Fotografen Uschi Huber, Stefan Schneider, Hans-Peter-Feldmann und Jörg Paul Janka, teils ehemalige Studenten der Kunstakademie Düsseldorf, herausgegeben. Mittlerweile steht auch die Nr. 8 im Regal, seit Ohio Nr. 7 im Videoformat und nur noch von Uschi Huber und Jörg Paul Janka herausgegeben – Fotos können eben auch bewegt werden, man muss nur wollen. Wie, das verraten Uschi Huber und Jörg Paul Janka.

Kontext
Die Herausgeber hatten genug davon, dass Fotos immer nur in ihrem jeweiligen Kontext gewertet wurden: Presse-, Kunst-, Amateur- oder Dokumentarfotografie. Die Genrezugehörigkeit bestimmt die Wertigkeit des einzelnen Fotos. Ein Kunstfoto ist a priori hochwertiger als ein Amateurfoto, denkste. Wenn man diese Genrezugehörigkeiten, die als Hilfsanker zur Bewertung dienen, aufhebt und die Fotos unkommentiert nebeneinander stellt, dann wird jedes Foto in seiner individuellen Qualität sichtbar gemacht. Der faire Wettbewerb ohne Genreprotektion – das ist es, was von Ausgabe zu Ausgabe in etwa fünfzigseitigen Versionen ohne Begleitbeitrag in Ohio versucht wird. Die Fotos werden nicht nur außerhalb ihres üblichen wertenden Kontextes präsentiert, sondern auch außerhalb jeglicher narrativer Zusammenhänge. Das einzelne Foto soll nicht als Sequenz innerhalb einer Erzählung eingesetzt werden, sondern isoliert für sich selbst sprechen. Natürlich wissen auch die Ohio-Macher, dass unweigerlich Zusammenhänge konstruiert werden, wenn man zwei Fotos nebeneinander stellt. Das soll zwar weiterhin nicht beabsichtigt sein, aber wenn es sich schon nicht verhindern lässt, dann kann man es wenigstens mit einem Augenzwinkern mitverfolgen.
Wie sieht’s nun aus mit der Wertigkeit eines solchen isolierten, dekontextualisierten Fotos? Uschi Huber kommentiert: “In Ohio Nr.2 haben wir ein gutes Beispiel für eine missglückte Fotografie. Die offizielle Portraitaufnahme eines lächelndes Politikers haben wir nur aufgenommen, weil sie gleich verdächtig aussah. Die Diskrepanz zwischen beabsichtigter Sympathiewerbung und der tatsächlichen Diabolik seines Lächelns war so groß, man wusste gleich, dies muss nicht nur ein Politiker sein, nein, das muss ein Politiker mit einer Leiche im Keller sein. Kurz nach Erscheinen der Ausgabe stellte sich heraus, dass da wirklich was vergraben war.” Also eine unfreiwillig aufklärerische Fotografie; wenn das kein Sieg der Kunst ist. Beispiel zwei für die nichtintendierte narrative Verknüpfung durch den Betrachter: Kombiniere in Ohio Nr.3 zwei völlig unbescholtene Herrenportraits im Stile der fünfziger Jahre, denkt man sich jedenfalls bei den Brillengestellen, mit dem Foto einer Mädchenbüste, schon hat man den Bildtypus der lüsternen Alten vor sich. Also, eine unfreiwillige Pointe für den kunsthistorischen Stammtisch.
Der Bezug zur Kunst wird bei Ohio immer wieder reversiert, es geht allerdings auch nicht ohne. Reversiert hier durch den Verzicht der Ohio-Macher, eigene Arbeiten zu präsentieren. In der Selektion und Kombination der Fotos anderer Bildautoren werden die diversen Erscheinungsformen der Fotografie selbst gezeigt. Der Kunstrahmen trägt Ohio aber natürlich doch. Ohio lädt sich befreundete Künstler wie Cindy Sherman ein, die erst nach ihrem Ohio-Besuch auf dem Zeit-Magazin-Cover zu finden war (Kausalität hier dreist behauptet) oder Heinrich Dubel, Institut für Erratik Berlin, dessen Arbeiten Ohio Nr. 8 tragen. Das Gestalten der Beilagen in Ohio wie ein kopiertes Brigitte Bardot-Interview oder die Vinyl-Beilage von Mayo Thompson/ Red Crayola in Ohio Nr. 6 zählt ebenfalls dazu. Kein Ohio ohne Überraschungsbeilage sozusagen.
Schon allein mit dem Magazinformat haben sie den kunstüblichen Galerierahmen verlassen. Auch mit ihren weiteren Präsentationsmodellen, der Ohio-Vitrine und den gelegentlichen Ohio-Releaseparties haben sie sich aus der Ödniss steriler Galerieabende herauskatapultiert. Mit Prosecco unterm Regenschirm in der Eintrachtstraße gewinnt auch nichtnarrative Fotografie viel spannendere Begleitbedeutung.

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Elektronische Lebensaspekte.