In Chicago traf sich schon zum fünften Mal die aktionistische Medien-Guerilla, um sich beim "Version Fest" über ihre subversiven Strategien auszutauschen. Die 1.-Mai-Demo war aber im Großen und Ganzen beeindruckender.
Text: Thadeusz Szewczyk aus De:Bug 103

Chicago ist eine widersprüchliche Stadt. Es fährt kaum jemand Fahrrad, doch zur ”Critical Mass“-Fahrrad-Demo kommen Tausend oder auch mehr. Es gibt so gut wie kein Graffiti oder Streetart, doch das, was es gibt, ist weltberühmt. Es scheint keine Culture-Jamming-Szene zu geben, doch das in dieser Form einzigartige ”Version Fest“ fand bereits zum fünften Mal in Folge statt.

Es ist unbeschreiblich laut, der Altar ist mit einem Neon-beleuchteten Kreuz versehen. Doch wir sind nicht in Las Vegas, wir befinden uns in einer weitgehend entmieteten Gegend in Chicago. Diese wird demnächst einer Edelsanierung zum Opfer fallen, nachdem die ursprünglichen Bewohner weichen mussten.
Doch noch ist es nicht so weit. Was in der Kirche vor meinen Augen passiert, könnte eine Art Exorzismus sein, und ich muss lange hinsehen, um zu begreifen, was da vor sich geht. Es ist eine Art DJ-Wrestling. Teils wild kostümierte DJs oder das, was ich dafür halte, verursachen buchstäblich einen Höllenlärm. Ich und mein Begleiter halten sich erst mal als Einzige die Ohren zu. Wir kommen kurz vor dem Finale des “International Noise Awards”, der zum ”Version 06“-Festival gehört. Es geht aber eher lokal zu, denn das spärliche Publikum scheint aus Freunden und Beteiligten zu bestehen. Es grölt dafür um so lauter, während oder nachdem die einzelnen Wettbewerber den teils selbst gebauten Mixern infernalische Geräusche entlocken, bestehend aus Feedback-Piepen, Track-Fetzen und sonstigen möglichst unerträglichen Lauten, eigenes verstärktes Gebrüll inklusive.

Ortswechsel. Das Virgin-Festival? Entgeistert schaut mich bereits die zweite Einheimische an. Nein, Version wie in Subversion.
Ich befinde mich auf der ”Critical Mass“, einer Art Fahrrad-Demo, die in der Form in den USA recht verbreitet ist. In New York wird sie zuletzt öfters durch die Polizei zerschlagen. Dabei geht es darum, gegen den verschwenderischen Energieverbrauch der Amerikaner zu protestieren und Fahrradfahren als alternative Fortbewegungsform zu etablieren. Es funktioniert so: Die namensgebende kritische Masse blockiert kurzerhand ganze Straßen oder Kreuzungen und macht sie für Straßenverkehr unpassierbar, allein durch ihre massive Präsenz. Das funktioniert erstaunlich gut, wie ich bei meiner teilnehmenden Beobachtung feststelle. Die berüchtigten SUVs, also als Stadtfahrzeuge genutzte überdimensionierte Geländewagen, in Chiacgo teils jeder fünfte Wagen. werden allerdings nicht tätlich angegriffen, meist sogar ignoriert. Dabei sind sie mit der Hauptfeind.

Das Version Fest scheint also unbekannt zu sein. Vielleicht weil in den zwei Wochen Ende April und Anfang Mai, in denen es stattfindet, mindestens vier andere Film- und Kultur-Festivals unabhängig, aber mehr oder weniger parallel ablaufen.

Ich habe die insgesamt 16 Stunden Reise von Tür zu Tür hinter mich gebracht, um an einem Festival teilzunehmen, das vor Ort keiner kennt? Nun, 2004 hatte ich eine ähnliche Großveranstaltung maßgeblich organisiert, das rebel:art-Festival. Jetzt will ich es wissen, wie schaffen die es hier Jahr für Jahr, das auf die Beine zu stellen?

Einige Beteiligte des Version, die allesamt Culture Jamming und Kunst-Elemente verknüpfen, haben es mir angetan. Insbesondere das ”Bureau of Workplace Interruptions“, zu Deutsch etwa ”Das Büro für Unterbrechungen am Arbeitsplatz“, ”Shopdropping“ – also das Umgestalten von Produkten und deren unbemerktes Platzieren in Supermärkten, die ”Designated Bird Feeding Area“, eine im Banksy-Stil selbst per Schablonen-Graffiti erklärte Vogel-Fütterungszone, fielen mir auf. Nicht zu vergessen ”You Are Beautiful“, “Du bist schön”, die ich schon mal für die Debug per Mail interviewte (Heft 91).

Allesamt Projekte, die durch einen minimalen Eingriff in die Wirklichkeit große Veränderungen an ihr bewirken.

Es ist der letzte Samstag im April. Die NFO XPO beginnt, Gipfel und Hauptveranstaltung vom Version Fest inmitten der zwei Wochen der über die Stadt verstreuten und bislang vor allem abendlichen Veranstaltungen, welche teils nur am Rande was mit dem Festival zu tun zu haben scheinen. Gelesen wird NFO EXPO als Info-Expo, also Info-Messe. Informationen soll es geben von Künstlern und Aktivisten, am besten füreinander. In der Tat ist von Anarchisten bis zu Zeitungsmachern alles vertreten, was sich in diesem Spektrum fassen lässt. Zudem findet die Hauptausstellung statt mit etlichen Werken unterschiedlichster Machart und Qualität. Nebenan findet noch eine Ausstellung für zeitgenössische Fotografie aus Chicago statt und abends treten sage und schreibe zwölf Bands nacheinander auf. Im Laufe des Tages finden auch Präsentationen statt. Die Halle ist riesig und Version okkupiert das Parterre sowie den vierten Stock. Klingt nach viel? Ist es auch.

Der Einzelne, zumindest ich, verliert sich leicht im Überangebot dieses Wal-Mart der alternativen Kultur. Dennoch habe ich schnell das Gefühl, alles gesehen zu haben. You Are Beautiful wirken in dem Kontext anders als draußen platt, ein Paar angebrachte Schriftzüge und von den Machern keine Spur. Ebenso unspektakulär kommen die selbst gestalteten Dosen des Shopdropping daher, ihres subversiven Platzes im Supermarkt beraubt. Viele Beteiligte sind lokal orientiert bzw. sind befreundete Künstler oder Galerien, die ich so oder ähnlich auch woanders hätte sehen können. Die Kunst reißt mich als solche selten vom Hocker. Selbst die Streetart, die hier gezeigt wird – ich bin als Berliner regelrecht ausgehungert nach ihr in der nackten Stadt Chicago – ist, wenn man wenigstens einmal in den letzten Jahren in Berlin Friedrichshain war, kein Grund für einen Interkontinental-Flug. Doch da: Das Bureau of Workplace Interruptions ist in einer Ecke etwas versteckt aufgebaut. Es sieht wirklich wie ein Büro aus, zwei adrett und freundlich wirkende junge Männer, Chris und Chris, sitzen am Schreibtisch mit Monitor. Ein Laptop steht dem Besucher zugewandt. Das große Wappen-artige Logo prangt an der Wand. Spartanische, aber offiziös wirkende Visitenkarten und Broschüren liegen aus.

Interruptions.org wäre nicht der erste Prank dieser Art im Internet. Solche Internet-Fakes gehen zurück in die frühen Zeiten des Internet, als etwa vorgeblich Katzen im Glas aka ”Bonsai Kitten“ Tierschützer weltweit auf die Barrikaden brachten.
Doch dieses Büro ist anders. Zwar ist das der erste öffentliche “Live-Auftritt”, doch es nimmt die Anfragen ernst. “Wir haben zu viele davon, Hunderte in den ersten Wochen.” Chris und Chris konnten sie nicht alle verfolgen, versuchten aber, so viele wie möglich zu schaffen. Vorgesehen sind Unterbrechungen per Mail, Telefon, Fax, Post oder auch Besuche. “Besuche haben wir noch nicht gemacht.” Die Anrufe aber lassen sich auf dem Laptop anhören. Manchmal ist die Überraschung so groß, tatsächlich vom ”Büro für Unterbrechungen am Arbeitsplatz“ angerufen zu werden, dass die Angerufenen förmlich ausflippen oder sprachlos sind. “Manche finden es aber gar nicht lustig.” Einmal rief Chris offenbar einen ultra-beschäftigten Manager auf Geheiß vermutlich eines unzufriedenen Angestellten an. Dieser vermutete eine Verschwörung. “Was wollen sie, wer hat mich sie auf mich angesetzt”, waren seine Reaktionen. Die Idee schien für ihn so unfassbar, dass er es eher mit einer Art Erpressung assoziierte.
Ich bekomme ein leeres Blatt mit den Worten: “Diese Frau will unterbrochen werden.“ Sie gibt nur an, sie mache in Finanzen. “Antworte ihr.” Diese spontane Aufforderung inspiriert mich zu einem tiefsinnig-philosophischen Prosagedicht, welches materiellen Reichtum dem Reichtum an Zeit sowie Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit gegenüberstellt.

Ein ähnliches Projekt, jedoch bei weitem umfangreicher, haben Jean Baptiste Naudy und Ferenc Gróf umgesetzt. Hier sind Website und Print-Material noch perfekter und noch weniger als Fake auszumachen. Selbst eine eigene Weltkarte wurde entworfen. Dabei ist das quasi ein antirassistisches Projekt, das Migration zum Thema hat. Es gaukelt dem Betrachter vor, es gebe eine Greencard-Lotterie für die EU. Das Ganze ist so realistisch, dass ich mir Sorgen mache um die Menschen, die glauben könnten, in die EU auswandern zu können, um dort im exterritorialen Abschiebegefängnis gleich am Flughafen eingesperrt zu werden.

Später nehme ich an der größten 1.-Mai-Demonstration in der Geschichte Chicagos teil, der Stadt, aus der diese Tradition stammt. Es hallt gewaltig zwischen den Wolkenkratzern, als hunderttausende Einwanderer für Ihr Bleiberecht und die Gleichberechtigung auf die Straße gehen. Ich habe eine Gänsehaut, als Tausende gleichzeitig in den engen Straßenschluchten “El pueblo unido …” skandieren, was so viel heißt wie “Alle gemeinsam werden wir gewinnen”. Diese Version von Chicago beeindruckt noch mehr.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.