Helio Oiticica ist neben Lygia Clark die Schlüsselfigur der Gegenwartskunst in Brasilien. In den fünfziger Jahren war er eine der treibenden Kräfte der neo-konkreten 'Grupo Frente', begann sich aber nach einigen Jahren zunehmend vom Kunstbetrieb abzuwenden, um nach realeren Bezügen zu suchen - in den Favelas, bei Samba und Kokain. Nach dem sich die Militärdiktatur in den Sechzigern installiert hatte, wurde seine Suche nach Licht, Spaß und Wirklichkeit eher zwangsläufig politisiert.
Text: hans christian dany aus De:Bug 59

Kapitalismus, Favelas, Kino, Kokain, Konzeptkunst
Hélio Oiticica und Neville d’Almeida

Tanzen

In den Sechzigern ging der in Rio de Janeiro lebende Hélio Oiticica (1937-1980) vor allem dort tanzen, wo er nicht hingehörte: in den Favelas. Zu dieser Zeit betrat fast kein Weißer die in den Favelas gelegenen Sambaschulen. Klasse hieß in Brasilien noch deutlicher als heute Rassentrennung, Samba war schwarze Kultur und in den Favelas wohnten fast nur Schwarze. Zu einer Vermischung kam es erst später durch die Migrationsbewegung aus dem verarmten Nordosten des Landes. Oiticica wurde in der Sambaschule Mangueira “Passista”, eine Art Vortänzer, und begann Umhänge, die er “Parangolé Cape” nannte, für die anderen Tänzer zu entwerfen.
Die Favelas haben seine Kunstproduktion beeinflusst. Seine “neo concreten” Modelle veränderten sich durch die Begeisterung für die organischen Architektur der Favelas zunehmend zu Entwürfen für neue Lebensräume. Auch die Parangolé Capes wurden zuerst in den Favelas getragen, später lud Oiticica deren Bewohner ein, in ihren Parangolé zu seinen Ausstellungen zu kommen, die sich in Partys verwandelten – dem Wort entsprechend, denn Parangolé ist ein Slangwort für eine Situation plötzlicher Verwirrung oder Aufregung unter Menschen.
Interessant sind diese frühen Arbeiten Oiticicas auch im Zusammenhang mit jüngeren Drum and Bass-Produktionen von Brasilianern wie DJ Marky und DJ Patife. Momentan produzieren sie verstärkt mit älteren Sambistas, die in den 60ern in Samba-Communities wie Mangueira, Beija Flôr oder Vila Isabel aktiv waren, auch politisch. Das von Oiticica 1967 entwickelte Konzept “Tropicália” wurde namensstiftend für die Bewegung politisierter Musiker wie Caetano Veloso und Gilberto Gil, Filmemacher und Künstler. Der Tropicalismus begab sich auf die Suche nach einer offenen und beweglichen postkolonialen Identität Brasiliens. Vor allem hieß dies, sich gegen die seit Mitte der 60er Jahre installierende Militärdiktatur zu stellen und damit auch gegen die neo-kolonialen Absichten von Ländern wie den USA oder Deutschland, die diese Militärregierung massiv unterstützten. Innerhalb kürzester Zeit musste fast die gesamte Bewegung ins ausländische Exil flüchten.

Politisch Agieren

Oiticica konnte letztlich nur bedingt explizit politisch agieren. Seine Musiker traten in Oiticicas Parangolé Capes auf und er veröffentlichte zunehmend kritischere Texte wie “Brasil Diarréia”. Er konnte im Land bleiben, erst als das Guggenheim ihm ein Stipendium gab, ging er 1970 nach New York, wo er acht Jahre blieb. Dort wirkte er nicht nur in einigen Filmen als Schauspieler mit, sondern drehte auch selbst – “Agripina é Roma Manhattan” (1972). Die unerhebliche Warhol-Imitation mit brasilianischer Besetzung dokumentiert vor allem Oiticicas Faszination für die New Yorker Kunstszene, deutet aber auch das widersprüchliche Verhältnis zu den USA an. Auf der einen Seite stehen überhöhende Projektionen von einem befreiteren Leben, auf der anderen der böse Gringo-Kapitalismus. Dieser Widerspruch zieht sich nicht nur durch seine Arbeiten, sondern ist auch noch heute oft in Brasilien anzutreffen.

Quasi-Cinema
Zentrum der Ausstellung, die im April in Köln zu sehen war, sind Dia-Installationen rund um die Filme, die in New York in Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Neville d’Almeida als ‘Quasi-Cinemas’ (1973) entstanden sind. In Europa sind sie erstmals zu sehen. D’Almeida, ein enger Freund Oiticicas, drehte später ambitionierte Filme mit brasilianischen Trash-Ikonen wie Vera Fischer, einer deutschstämmigen Blondine, die bis heute als harsche, vielfach geliftete Mutterfigur Abend für Abend mit wasserblauem Augenaufschlag die Intrigen in diversen Tele-Novelas koordiniert und ihren vermutlich sechzig Jahren zum trotz weiterhin als ultimatives Sexsymbol gilt. Sein erfolgreichster Film ist der Quasiporno “A dama do Lotação” (Die Dame der Belegung), in dem der renommierte Filmstar Sônia Braga eine Frau spielt, die, um die asexuelle Unschuld der Liebe zu ihrem Gatten zu erhalten, mit allen hässlichen Männern, die sie findet, ins Bett geht. Heute lebt d’Almeida auf seiner eigenen Insel ohne Telefon.
Ansatz der Quasi-Cinemas war es, die regressive Situation des Kinobesuchers aufzuheben. Das Ergebnis sieht Chill Out-Räumen nicht unähnlich. In den “Blockexperimenten in Cosmococa” (CC 1-7) ist der Boden mit blauen Matratzen übersät, auf denen Nagelfeilen liegen. Der Raum wird fahl vom Licht einiger über die Wände verstreuter Diaprojektionen erleuchtet. Ein Dia zeigt das Foto eines jungen Mannes, der einen Parangolé Cape von Oiticica trägt. Das Foto ist mit verschieden starken Linien aus Kokain überzeichnet. In der Serie ist zu erkennen, wie das Koks erst zu verschiedenen Formationen angeordnet wird und die Aufnahme dann durch Schnorcheln entstaubt wird. Andere Bilder folgen. Vom Band kommt Forró, traditionelle Tanzmusik aus dem Nordosten Brasiliens. Der Raum hat eine verhangene Atmosphäre, in der etwas liegt, die im Portugiesischen als “saudate” bezeichnet wird, was sich ungefähr mit dem Wort “Sehnsucht” übersetzen lässt.

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Elektronische Lebensaspekte.