Tanzmusik trat 2004 die Flucht nach hinten an. Retro und Oldschool gaben die Impulse. Am runden Tisch mit Tyree Cooper, A Guy Called Gerald, Martin Landsky und Sasse lässt sich Debug die alten Geschichten aus Chicago in den 1980ern erzählen. So war es damals, das ist die Aura für die Produktionen von heute.
Text: sven von thülen, sascha kösch aus De:Bug 89

Old School

Debug: 2004 war das Jahr, in dem Old School, von Acid bis Techno, die Dancefloors wieder regiert hat. Drei Fragen: Ein weiteres Revival? Alles nur Retro? Oder entwickelt sich da auch was Neues? Martin, deine Produktionen sind im letzten Jahr auch eindeutiger mit Old-School-Versatzstücken umgegangen. Gab es einen besonderen Anlass für dich, sich wieder auf alte Chicago-Platten zu beziehen?

Martin Landsky: Ich denke nicht, dass ich zu irgend etwas zurückgehe, weil es für mich ja immer da war. Acid-House war mein Ausgangspunkt. Da habe ich angefangen auszugehen, aufzulegen. Ich liebe bestimmte Sounds und Strukturen noch immer und benutze sie auch immer noch, aber das ist kein Zurückblicken.

Debug: Aber diese Sounds sind in letzter Zeit an immer prominenteren Stellen aufgetaucht.

Martin Landsky: Das stimmt. Früher war es eher exotisch, viele alte Platten zu spielen. Vor allem aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Jetzt gibt es immer mehr den Drang, diese Phase neu aufzurollen. Aber ich weiß nicht, ob dieses Phänomen nicht irgendwann abgegessen ist.

Sasse: Alte Platten werden gerade einfach wieder entdeckt und gewürdigt. Die Herangehensweise an die Beats ist wieder ähnlich.

Tyree Cooper: Old-School-House und Acid mussten für eine Weile verschwinden, um wiederkommen zu können.

Sasse: Ich glaube nicht, dass es weg war, sondern das die Würdigung von alten Chicago-Platten zugenommen hat. Die passen einfach jetzt wieder perfekt in die Zeit, in die Sets.

Tyree: Die Kids von heute haben ja keine Ahnung, was Acid-House ist. Wir, die wir uns erinnern, wissen, was Acid-House ist. Und je nachdem, wie alt man ist, erinnert man einen Teil dieser ganzen Entwicklung. Vielleicht nicht den Anfang, vielleicht nicht die Mitte, vielleicht nicht das Ende, aber du erinnerst einen Teil des Ganzen. Du hast es gelebt. Es ist, als wenn man bei einer Geburt dabei ist. Für mich fing das Ganze in Chicago an. Okay, ich bin aus Chicago und hier ist meine Version von dem, was damals abging. In Chicago war es nichts anderes als ein neuer Musikstil, der in einem Club, der “Musicbox”, gespielt wurde. Es war anders, neu. Die ersten, die in Chicago einen Acid-Track produziert haben, waren Marshall Jefferson und DJ Pierre. Es war neue Musik und dann explodierte es. Und in dem Moment, wo dieser zwitschernde Sound England und Europa erreichte, verselbstständigte sich die Entwicklung von Acid total. Das hatte mit Chicago nichts mehr zu tun. Ravende Kids, die auf britischen Äckern Extasy und LSD zu Acid-House nahmen. Das war komplett verrückt. Das ist eine ganz andere durchgeknallte Geschichte.

A Guy Called Gerald: Ich kann dir erzählen, wie Europa mit Acid infiziert wurde. Via England. Acid kam nach Manchester, bevor es nach London kam, und wir waren alles Jazz-Fusion-Kids, die schnelle Musik zum Tanzen suchten. Es ging damals nur um Skills. Cool tanzen und so. Es waren hauptsächlich Afro-Kids involviert. So um 86, 87. In Manchester gab es einen Laden, der die neuesten Platten aus Chicago und Detroit importierte, so bin ich auf das Zeug gekommen. Ich hatte damals schon die gesamte Roland-Serie, eine 101, 303 und 606, mit denen ich vorher eher Electro gemacht habe. Aber ich war sofort süchtig nach Acid, als ich das Zwitschern in Pierres Tracks gehört habe.

Tyree: Oh Mann, ich weiß noch genau, wie Mike Dunn, der mein erster DJ-Partner war, und ich losgezogen sind, um eine 606 zu kaufen und fälschlicherweise mit einer 303 nach Hause kamen.

Gelächter.

Gerald: Ihr braucht gar nicht lachen, das ging ganz schnell. Die sehen sich einfach zu ähnlich.

Tyree: Sie sahen sogar identisch aus. Auf jeden Fall haben wir sie zurückgebracht, weil wir eigentlich eine Maschine mit Handclaps usw haben wollten, auf der 303 aber nicht ein Drumsound drauf war. “Was ist das für ein Scheiß?”, haben wir den Typen im Laden gefragt und das Ding umgetauscht. Drei Monate später hörte ich diesen Track von Pierre. Alle waren verrückt danach und ich hab die ganze Zeit gerätselt, was zum Teufel er für eine Maschine dafür benutzt hat. Er spielte den Track damals ausschließlich auf seinen Parties, die er mit Lil Louis geschmissen hat. Ich bin dann zu ihm hin und hab ihn gefragt: “Mann, was ist das für ein verrückter Scheiß? Was hast du dafür benutzt?” Und er meinte nur: “Ich hab mir diesen komischen kleinen Kasten gekauft. Eine 303.” Das traf mich wie ein Blitz. “Was, dieser kleine Motherfucker kann das alles?”

Gelächter

Debug: Heutzutage ist die Ästhetik von damals, von der Covergestaltung bis zu den Titeln, auch wieder omnipräsent.

Tyree: Musik bewegt sich in Kreisläufen. Vor knapp zwanzig Jahren konnte man Acid einfach nicht so gut vermarkten, wie man es heute kann. Die Frage ist doch, ob es nur ein kurzes Aufblitzen sein wird. Ein kurzer Hype. Alles verändert sich so schnell. Wir leben in einer Welt, in der sich alles mit Supersonic-Speed bewegt.

Martin Landsky: Ich denke, die Revivals werden einfach immer schneller aufeinander folgen. Aber der Old-School-Aspekt, und hier soll es ja nicht nur um Acid gehen, sondern um Old School an sich, war meines Erachtens die ganze Zeit da. Guck dir die ganze französische Filter- und Discohouse-Nummer an. Für manche Leute war das was Neues, aber wenn du dir zum Beispiel Daft Punk anguckst, dann haben die einfach ihre Liebe zu Romanthony, Roger S., Kings of Tomorrow und Todd Terry umgesetzt. Das war auch ein Revival. Sie hatten ja sogar einen Track, der “Revolution 909” hieß, der sagte: “House braucht eine 909. Zurück zu den Maschinen!”

Tyree: Das Coole ist doch, dass dieses Revival zeigt, wie erwachsen House geworden ist. Das war die erste Musik, die ich neben HipHop geliebt habe. House ist ein Genre, das keine Altersgrenze kennt. Du kannst 16 sein oder 60 und immer noch akzeptiert werden.

Debug: Genauso wie Blues.

Tyree: Ja Mann, auf jeden Fall. Das ist ja auch ein Teil von House. Alle Formen schwarzer Musik haben ein bisschen von allen vorigen schwarzen Musikstilen in sich. Wir haben nichts ausgelassen. Building Blocks.

Gerald: Genau. Aber das Interessante an Acid war, das es bis aufs Skelett runtergeschält war. Es war basic und hatte eine Menge Energie.

Tyree: It was stripped down House-Music with Balls.

Gerald: Exactly.

Debug: Wenn man sich neue Platten, meinetwegen Acid-Platten, anhört, was zeichnet die eurer Meinung nach aus? Was unterscheidet sie von den Originalen, außer der Tatsache, dass sie cleaner und druckvoller produziert sind?

Martin Landsky: Heute kann man mit den ganzen PlugIns, die sich so ähnlich anhören wie eine 303, viel genauer arbeiten. Du kannst Noten auf einem Midi-Keyboard spielen und eine Menge mehr machen, als nur eine Acid-Line zu spielen. Und mit einer echten 303 ist es eben nicht so ganz einfach, neben einer Acid-Line noch etwas anderes drüberlaufen zu lassen, das harmonisch auch passt. Du kannst überall eine Prise Acid reinschmeißen. Eigentlich entfernt man sich so von der eigentlichen Idee von Acid-House: roh, basic. Nur die Beats und eine Acid-Line, die moduliert wird und dich durch den ganzen Track trägt. Eine Art von Trance. African-Drums-mäßig oder so. Viele von den Tracks, die heute produziert werden, würde ich deswegen auch nicht Acid-House nennen.

Gerald: Nur weil ein Track voller Streicher ist, ist er ja noch lange keine klassische Musik.

Debug: Wenn du Streicher hast, dann ist es Detroit, ist doch klar.

Gelächter

Debug: Gerald, was hältst du von den ganzen 808-State-Reissues?

Gerlad: Es katapultiert mich wieder in meine Acid-Phase. 95 Prozent der Tracks, die auf diesen Platten sind, sind Demos von mir, die ich damals Graham gegeben habe. Es ist cool, aber …

Tyree: Dann ist die Geschichte wahr? Sag nicht, dass “Pacific State” von dir war, Mann.

Gerald: Ja klar. Alles bis auf das Saxophon ist von mir.

Tyree: Doh …! Aber weißt du, wer meinen Scheiß geklaut hat? Fucking Sister Bliss und dieser andere Typ. Wenn ich die treffe, kriegen die den Arsch voll.

Debug: Aber nochmal zu der Ausgangsfrage: Seht ihr in diesen ganzen Retro-Tracks einen Weg, aus der Revival-Schraube rauszukommen? Entwickelt sich da in euren Augen etwas Neues?

Tyree: Hell no, die Wichser machen nur einen Haufen Kohle. (Gelächter) Nee, war nur Spaß. Es wird die Leute geben, die das Ganze mit neuen Ideen weiterspinnen und eben auch einige, die versuchen, so viel Kapital wie möglich aus dem Ganzen zu machen und den leichten Weg gehen: Bekannte Sounds, bekannte Samples und alles schön catchy …

Martin Landsky: Wie zum Beispiel “Jack”-Samples.

Sasse: Was ist überhaupt los mit Jack?

Tyree: Jack kommt zurück. Er ist definitiv auf dem Weg.

Martin Landsky: Für mich war “Jack” immer etwas Lokales. Sowas wie ein Running Gag in Chicago.

Tyree: Halt, halt, “Jacking” war ein Tanz. Beim “Jacking” ging es immer ums Tanzen. So wie man heute raven geht. Es war Slang für tanzen, und daraus haben wir dann Slogans gemacht wie “Jack your body!”

Martin Landsky: Aber gab es nicht immer die sexuelle Konnotation beim “jacken”?

Tyree: Nein nein, jacking war jacking. Das hatte nichts mit “jerking off” zu tun. Es war ein Tanz. Oder besser tanzen. Es war auch nicht das Codewort für Housemusic.

Debug: Der Unterschied ist doch, dass es in Deutschland keine Tänze für unterschiedliche Musikstile gibt. Das hat hier keine Tradition wie in den USA. Niemand wusste hier, dass “jacking” ein Tanz war. Und niemand erfindet hier Tanzstile für eine neue Musik.

Tyree: Das stimmt. Jack hat auch erst später eine Identität, eine Stimme bekommen. Erst war es einfach tanzen, irgendwann war er dann der “Keeper”, der den “Groove” hat.

Gerald: Es ist nur so schade, dass es damals niemanden gab, der die Idee hatte, mit seiner Kamera rumzulaufen und diese ganzen Entwicklungen zu filmen.

Tyree: Wir hatten kein Geld. Und wer hätte damals 1983, 84, 85 gedacht, dass dieser Sound 2004 noch irgendwen interessiert?

Debug: Die Skateboard-Szene hat einfach drauflosgefilmt …

Gerald: Stimmt.

Tyree: Okay, stopp. Ich will ja nicht nerven, aber Schwarze hatten damals nicht das Geld dafür. Chicago ist eine in sich getrennte Stadt. Und wenn du in Chicago als Schwarzer kein Geld hattest, dann sahst du auch aus wie einer, der kein Geld hatte. Alles war voneinander getrennt. Schwarz, weiß. Arm, reich. Es gab keinen Austausch, Mann. Und als es dann irgendwann die ganzen Fraktionen gab, ging die Sache den Bach runter. Die Chance, die Acid-House-Explosion zu dokumentieren, haben wir damals selbst vertan. Es gab irgendwann zu viel Politik und keine Gemeinschaft. Hey, ganz ehrlich. Ihr, die ihr nicht schwarz seid, ihr hättet euch damals definitiv nicht wohlgefühlt auf einer House-Party. Wart ihr jemals auf einer HipHop-Party, auf der eine Menge schwarze Kids rumhingen und man nicht wusste, ob einer von denen eine Knarre dabei hatte, sie aber so aussahen? Genau das war damals der Vibe einer House-Party in Chicago. Es war kein schöner, angenehmer Anblick. Es gab Gang-Fights, viel unterschwellige Aggression, viele abgefuckte Kids. Aber es waren die fettesten Parties, Mann. Nimm Fairley Jackmaster Funk. Er wäre der perfekte Repräsentant für House gewesen. Mit Jesse Saunders war er einer der ersten, der House produziert hat. Und gleichzeitig war er absolut unfähig dazu, weil er der größte Gangster war. Von Kopf bis Fuß Gangster. Hardcore. Europa war einfach noch nicht bereit für diese besondere schwarze Attitüde. Wenn du damals nicht in einer Gang warst und auf einer House-Party rumgesprungen bist, warst du schon mal verdächtig. Du könntest ja ein Zivilbulle sein. Und wenn du dann auch noch weiß warst, konntest du es vergessen. Die Weißen, die damals trotzdem auf die Parties wollten, haben sich als Latinos verkleidet. Anders ging es nicht. Du konntest da nicht reinlaufen und sagen:” Hey Jungs, ich bin aus Deutschland, um eine Doku über eure Szene hier zu machen.” Wenn du dich umgedreht hättest, hätten sie deine Kamera, dein Geld, alles abgezogen. Das war Chicago. Aber scheiße Mann, House müsste ins Fernsehen. Das hätte es vor zehn Jahren schon gemusst.

Debug: Hier gab es ja mit “Housefrau” usw. Versuche.

Tyree: Nein, das meine ich nicht. Keine Videoclip-Show, sondern Spielfilme, die den Vibe von House einfangen. Es gibt ein paar ganz gute Filme. Aber guck dir HipHop an. Da kann House noch einiges lernen.

Gerald: Ich hoffe, dass einige von denen, die damals auf den ersten Parties gewesen sind und jetzt z.B. in der Fimbranche sind, anfangen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Sei es in Filmen oder Dokumentationen. Wir müssen zeigen, woher das Ganze kommt.

Debug: Es gibt schon eine ganze Menge Filme über Rave-Kultur.

Gerald: Ja, aber sie beginnen alle Anfang der Neunziger. Keiner zeigt wie es war, als es wirklich losging. Und vor allem nicht, wo.

Martin Landsky: Vielleicht ist das eine Aufgabe für uns …

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Elektronische Lebensaspekte.