Als Schriftentwerfer und Gestalter mit Schwerpunkt Corporate Design, Logo und Schriftsysteme und Typografie gründete Ole Schäfer 2002das in Berlin ansässige Typo-Label Primetype Library. Wir fragen: Was ist das für ein Typ Typografen mit dem Typo-Label?
Text: rikus hillmann aus De:Bug 90

Ole Schäfer & Primetype / Typografisches Multitasking

Meine besondere Faszination liegt bei Schrift nicht unbedingt immer in der Schrift selbst, sondern in der Vorstellung vom Entwicklungsprozess. Wenn man Rückschlüsse zulässt, wie viel Ausdauer und Erfahrung dieses detailbesessene Biest braucht, wie viele Nächte gewacht und Schrift-Versionen gezeichnet werden müssen, um ein optimales Ergebnis zu erhalten, so ergibt das ein Bild eines an Zähigkeit wenig zu übertreffenden Designers. War man bisher landläufig der Annahme, der heilige Gral der “ernsten” Typografie, der Schriftsysteme und -technik würde nach wie vor von angegreisten Weisen und ihren verstorbenen Geistern gehütet, so findet die Spezies Typograf in Ole Schäfer seit Jahren ein permanentes Upgrade. Er ist Blueprint für eine etablierte und extrem kompetente neue Typografen-Generation, mit sympathischem nordischem Temperament, frischen Ideen, exzellenter Qualität und breiter Gestaltungserfahrung. Weder ergraut noch professorenhaft nerdig verspult, entwickelte er u.a. die erfolgreichen Schriften FF Fago, FF Zine, FF Turmino, FF Button und war an der Entwicklung von Schriftklassikern wie FF Info, FF Transit, ITC Officina beteiligt und ist die lebendige Antithese zum typografischen Methusalem-Syndrom. Dennoch bleibt die Frage, was sind das für Leute, die einen Großteil ihres Lebens damit verbringen, das Alphabet immer wieder neu zu erfinden?

Als was würdest du dich bezeichnen?
Ole Schäfer: Schriftgestalter, Typograf, Berater und Lehrer.

Hast du als Typograf eine Gestaltungs-Philosophie? Folgst du einer bestimmten Schule?

Ole Schäfer: Meine Wurzeln als Gestalter liegen in den 20/30er-Jahren, Typografisch gesehen: der frühe und der späte Jan Tschichold. In der Schriftgestaltung gibt es keine Vorbilder. Es ist vor allem wichtig die grundlegenden Schriftentwicklungen bis heute zu kennen. Da der Großteil meiner Arbeit aus der Entwicklung von Textschriften besteht, neige ich zu klaren Formen, die die jeweiligen Anforderungen an die Schrift erfüllen. Wenn ich Zeit habe, zeichne ich Headlinefonts, quasi als Ausgleich.

Ich stelle mir vor, dass der Arbeitsprozess der Schriftentwicklung viel Zähigkeit und Ausdauer braucht. Was muss man für ein Typ sein, um wochen- und monatelang eine Schrift zu entwickeln?

Ole Schäfer: Schriften können lange dauern, müssen sie aber nicht … Man kann selbstverständlich keine Großfamilien in 1-2 Monaten fertig stellen, kleine Familien schon; auch Textschriften. Ich neige dazu, meine Vorstellungen kurz zu skizzieren und danach alle Parameter von diversen Höhen, Strichstärken etc. vor der Reinzeichnung
festzulegen. So erspare ich mir Arbeit, indem ich mich völlig auf die Formen konzentrieren kann. Ich zeichne alles digital und überarbeite die Form vieler Zeichen bis zu zwanzig Mal, bis alle Zeichen optimal zusammenspielen, so wie ich es mir vorstelle. Wichtig sind alle Formen, ein bis zwei schöne Buchstaben ergeben noch keine Schrift.
Man sollte sich konzentrieren können, die Stunden nicht zählen und erahnen, was zukünftig gefragt ist. Wenn man Schriften nicht speziell für einen Kunden zeichnet, also ohne Auftrag, beträgt die gesamte Zeit bis zur Veröffentlichung 1-2 Jahre. Mit etwas Glück ist der Schriftentwurf dann auf der Höhe der Zeit.

Was war das interessanteste Typoprojekt für dich? Hast du eine Lieblingsschrift? Eine Top Ten?
Ole Schäfer: Interessant ist für mich immer das aktuelle Projekt. Am entscheidensten war die Zeichnung der FF-Fago-Familie – sie war zum Glück erfolgreich und hat mir einige Türen geöffnet. Genauso wichtig war die Entscheidung, Primetype zu gründen. Eine Top Ten habe ich nicht, eine Bad Ten schon, verrate ich aber nicht.

Was war die Motivation, Primetype als “Indielabel” für Fonts zu starten?
Ole Schäfer: Primetype entstand aus der Überlegung, veröffentlichen zu können, was
ich möchte, mich unabhängig zu machen von anderen Schriftverlagsprogrammen, die einen einschränken. Außerdem veröffentlicht Primetype in Zukunft zunehmend Schriften von verschiedenen SchriftgestalterInnen. Die Zusammenarbeit in der Betreuung
dieser Schriftprojekte macht Spaß und ist deutlich geselliger, als nur alleine vorm Bildschirm Schriften zu zeichnen.

Wie funktioniert so ein Verlag?
Ole Schäfer: Fast wie ein Buchverlag. Kurz: Designer schlagen etwas vor, wenn wir uns
dafür entscheiden, schlagen wir den Ausbau vor, betreuen die Designer in gestalterischer Hinsicht, geben Vorgaben für die technische Ausführung der Vorlagen und erstellen hinterher alle Schlussdateien. Interessiert sind wir immer an Schriftfamilien.

Wo liegt im Schrift-Business die Herausforderung?
Ole Schäfer: Grundsätzlich Formen zu finden, die den Anwendern gefallen. Eine
Schrift, die niemand einsetzten möchte, ist kein Vergnügen. Speziell: die Technik. Schrift ist Software und somit muss man immer auf dem neusten Stand der Betriebs- Anwendersoftware sein. Der Aufwand für Programmierung, Tests etc. wird immer größer – man denke nur an alle Schriftversionen im erweiterten Europa. Primetype kann alles anbieten, was technisch möglich ist.

Wie grenzt sich Primetype zu großen Schriftvertrieben wie z.B. Fontshop ab?
Ole Schäfer: Primetype ist ein Schriftverlag. Mit Schriftvertrieben arbeiten wir zusammen, mit anderen Schriftverlagen stehen wir im Wettbewerb. Wir veröffentlichen nur Schriften, die uns gefallen. Wir bringen nur Originale heraus und wir achten auf hohe gestalterische und technische Qualität und denken, dass wir uns so behaupten können.

Woran arbeitest du gerade?
Ole Schäfer: Ich arbeite immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Über Kundenprojekte sollte man erst sprechen, wenn sie fertig sind. Über eigene Projekte kann man sprechen, wenn sie bald veröffentlicht werden. Im März/April erscheinen zwei neue Familienmitglieder der PTL-Notesfamilie.

Was wäre dein Gestaltungs-Traumprojekt?
Ole Schäfer: Ein neue Schrift, Piktogramme und Leitsystem für New York wäre eine Utopie. Eine komplettes Schrift- und Typokonzept für einen etablierten literarischen Verlag würde mir auch gefallen.

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. Lu

    hallo rikus und mari,
    mir gefallen auch buchstaben.
    grüße aus spanien