Rob Haigh aka Omni Trio gehört zum Urgestein des englischen Drum and Bass Labels Moving Shadow. Seit gut 10 Jahren arbeitet er an seiner melodiösen, weichgezeichneten Vorstellung von Jungle. Jetzt ist sein 5. Album erschienen.
Text: heike lüken | heike.lüken@web.de aus De:Bug 51

drum and bass

Ein Trio mit zwei Seiten
Omni Trio

Rob Haigh aka Omni Trio hat die letzten zwei Jahre dazu genutzt, ein neues Album, das fünfte an der Zahl, zu produzieren: “Even Angels Cast Shadows”. Werfen Engel Schatten? “Der Titel zielt darauf ab, dass man das Gute nicht ohne das Schlechte haben kann”, erzählt Rob am Telefon. “Wenn man etwas schätzen will, muss man beide Seiten davon sehen können. Es geht um den Kontrast. In allem ist das Gegenteil inhärent. Das ist eine Art universelle Idee, die sich natürlich auch auf die Musik übertragen lässt. Wenn sich Drum and Bass beispielsweise nur auf einem Level bewegt, z.B. sehr dark, aggressiv und hart ist, und man legt mehr Aggression, Darkness und so weiter hinein, kann man doch am Ende nichts mehr darin entdecken. Wohingegen, wenn man harte und dunkle Musik macht und eine melodiöse Idee oder Vocals hineinlegt, etwas vom entgegengesetzten Ende des Spektrums sozusagen, betont man das Darke daran doch um so mehr. Es geht mir also um den Kontrast und darum, verschiedene Elemente zu mixen.” Die Abwechslung macht’s, und ohne Licht kein Schatten, wie wohl der deutsche Volksmund im Äquivalent sagen würde.
Mit dem neuen Album ist Rob Haigh eine gute Mischung aus Styles gelungen, die den Spaß am Zuhören wiederbeleben. Dabei hat er auch ein bisschen Downtempo ausgelotet, seine Reaktion auf das letzte Album “Byte Size Life”, bei dem er mit eher technoideren Sounds gearbeitet hat. “Ich bin ganz zufrieden mit dem Album, weil ich das Gefühl habe, dass etwas von der Wärme meiner früheren Stücke zurückgekehrt ist. Es war keine bewusste Entscheidung, es irgendwie wärmer klingen zu lassen. Früher habe ich manchmal gedacht: Diese Melodie benutze ich jetzt nicht, sie ist zu melodiös. Aber diesmal habe ich die Sachen einfach mehr raus gelassen. Ich wusste, dass ich dafür vielleicht kritisiert werden würde, aber es war mir egal.” So wie ihm auch die Kategorisierung egal ist, bei Moving Shadow eher für die Listening-Ecke als für die dancefloorkompatible Seite zu stehen: “Wenn ich rhythmische Musik spiele, die Bass, Breaks und Bewegung hat, dann würde ich doch sagen, dass man dazu tanzen kann. Vielleicht ist das nicht immer die Musik, die in den Londoner Clubs gespielt wird, aber mir ist das egal, wenn es nicht Dance-Musik genannt wird. Aber es ist tanzbare Musik.”

Der Bass des Lokführers

Statt dessen gibt Rob Haigh lieber Einblick in Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit dem Metier via gelungener Vergleiche der Musik: “Drum and Bass ist wie ein Zug, der durch die Landschaft fährt. Mit den Sequenzen und Interludes ist es fast wie eine Szenerie, die vorbeifliegt. Man hat als stabile Grundlage den Zug bzw. die Bassline, und der Beat wirbelt das Ganze auf und macht die Bewegung aus. Das ist es doch, was Breakbeats machen: Sie bringen dich zum nächsten Beat, bevor du den letzten verdaut hast. Ich finde das großartig. Man hat Elemente, die auf einem ambientartigen, langsamen Level arbeiten, und dann gibt es diese Achterbahn-Elemente, die das Ganze in Bewegung bringen.” Auch wenn genau das eine Entdeckung zu sein scheint, die bei vielen Produzenten jetzt erst (wieder) gemacht wird, wie Rob nicht ganz unkritisch bemerkt: “Da es Drum and Bass jetzt seit 10 Jahren gibt, würde ich gerne mehr Leute sehen, bei denen ihre Individualität mehr durchkommt. Aber weil sich die Leute einfach gegenseitig auf den Zug springen, gibt es zu wenig Abwechslung. Die Leute machen einen Style, z.B. den Dark-Step, dann gehen sie zum nächsten, jazzigeren Style. Ich bin manchmal so enttäuscht von denen, die fast über Nacht ihren Stil ändern. Viele der Leute sollten es besser wissen. Ich sage nicht: Steht still und bleibt in eurem eigenen kleinen Time-Warp. Seid fortschrittlich, aber macht es auf eure eigene Art. Es gibt viele Produzenten, die das machen, aber das ist nicht die Mehrheit.”

Moving Shadows

Seit mehr als einer Dekade produziert Rob Haigh nun schon Drum and Bass verschiedenster Couleur, ebenso lange, eigentlich schon länger als es Moving Shadow gibt. Da das Traditionsunternehmen anno 2000 sein 10 jähriges Jubiläum feierte, stellt sich die Frage nach einer kleinen Reflexion wie von selbst: “Ich habe zuerst Shawn und Simon kennengelernt, die beiden kamen als Kunden in meinen Laden in Hertford, schon bevor sie überhaupt eine Platte gemacht haben oder Moving Shadow existierte. Damals habe ich auch Rob Playford kennengelernt. Eine Zeit lang war es ein sehr lokales down to earth Geschäft. Jeder hat etwas dazu beigetragen. 1997 gab es einen kleinen Bruch, als Shawn und Simon ausstiegen, um Partisan Records zu machen. Das war eine schwierige Zeit für mich. Moving Shadow hat überlebt, weil man immer nach der neuesten Musik und Technologie sucht. Ich bin gerne bei diesem Label. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass alles zu sehr in eine bestimmte Richtung geht. Ich brauche das ganze Spektrum, nicht nur eine Seite davon. Aber im Moment scheint sich das auch gerade wieder zu ändern. Ich glaube, die Mitte wird sich mehr öffnen, anstatt dass man auf der einen Seite einen komplett harten und auf der anderen Seite nur so mellow Zeugs hat. Ich hätte gerne etwas mellow Zeugs mit harten Beats, um etwas zu schaffen, das nicht auf der einen oder anderen Seite stecken bleibt.”
Den Plattenladen hat er inzwischen nicht mehr, er konzentriert sich jetzt lieber ganz auf seine Musik, auch wenn das manchmal geldtechnisch eher mühselig ist, wie der Vater von drei Kindern zugibt: “In manchen Monaten denke ich, dass es so nicht weitergeht, und dass ich noch etwas anderes machen muss, aber dann denke ich, naja, das Album ist jetzt fast fertig und ich gucke erstmal, wie es damit so läuft. Und dann bin ich schon wieder beim nächsten und so weiter. Zumindest bin ich immer zu Hause und kann mich um die Familie kümmern. Mein Studio ist hier im Haus. Meinen eigenen Vater habe ich jahrelang gar nicht wahrgenommen. Das war nicht seine Schuld, sondern einfach die Tradition der Generation meiner Eltern. Und so ist es doch ganz nett, das etwas aufzubrechen und zu sehen, wie wir zurechtkommen. Jetzt im Moment ist es ganz schön so zu leben. Hier leidet auch noch niemand Hunger.” Ergo: Even Angels Cast Shadows ist nicht nur ein lohnenswertes Album, sondern unterstützt auch noch die Familie. Herrliche Synergien.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: christoph jacke aus De:Bug 27

Die Welt zwischen null und eins: Omni Trio Derzeit wird viel diskutiert über mögliche Fusionen der Mikrobiologie und -technologie. Wer weiss schon, ob die Lakritzbrezelverkäuferin in der Trinkhalle nebenan nicht ein perfekt designter Android mit aufgepflanzten Original-Hautfetzen ist. Da uns Nostradamus’ Jünger und Millenniumsapokalyptiker unterschiedlicher Couleur aber schon tagtäglich mit merkwürdigen Prophezeiungen auf eben jene unprogrammierten Nervenstränge gehen, erscheint eine gewisse Offenheit diesen Themenfeldern gegenüber angebracht. So legt sie zum Beispiel der Rob Haigh aka Omni Trio, der Mensch mit den wärmsten Maschinenklängen seit den späten Tangerine Dream oder Tuxedomoon, vor uns hin, lässt sie fliessen, sich ausbreiten und wieder verschwinden, nicht ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Dabei bleibt die Rolle der binären Codes zentrales Thema. Omni Trios vierte Full-Length-Veröffentlichung heisst auch gleich “Byte Size Life” und bildet auf dem schönen Cover einen Chip und eine Nervensynapse nebeneinander ab, in tiefem Ozeanblau. “Die digitale Revolution hat uns längst eingeholt. Alle Formen der Kommunikation, ob kreativ, unterhaltend, erziehend, auditiv oder visuell, sind mittlerweile aus Einsen und Nullen aufgebaut”, bringt Rob Haigh die prinzipielle Simplizität moderner Massenkommunikationsangebote auf den Punkt zwischen null und eins. “Irgendwie handelt ‘Byte Size Life’ von den Lebensformen zwischen all der Technologie, von Lebensformen, die zwar synthetisch sind, aber den Pulsschlag erhöhen oder die Imaginationsmechanismen in Gang setzen können”, wie Rob es formuliert. Durch die neun Tracks von “Byte Size Life” zieht sich wie auf dem Cover eine tiefblaue, leicht sentimentale, ozeanische Atmosphäre, die in ambienten elektronischen Musikfeldern häufiger anzutreffen ist. Bei Omni Trio driftet sie aber keinesfalls in esotherische oder eskapistische Bereiche ab, sondern mäandert beständig zwischen den Drum’n’Bass-Polen. Tracks wie “Meltdown Remix”, “Assassins” oder das floatende “Native Place” scheinen wie geschaffen für beruhigend-aufregende Tagtraumfilme. Schon einige Male hat sich Haigh als Soundtracker betätigt und würde gerne mehr auf diesem Gebiet arbeiten: “Bei meinen eigenen Sounds denke ich oft an Rezeptionssituationen wie z.B. das Liegen am Strand oder im Feld als Ausgangspunkt für fliessende Reisen durch fremdartige Landschaften. Dafür eignet sich meine Art atmosphärischer Drum’n’Bass-Ansatz sicherlich gut. Aber eigentlich geht er weiter und klingt sublim bis aggressiv.” Omni Trios Musik macht die Tracks multifunktional einsetzbar, vorstellbar als Chill Out genauso wie auf Rave Partys. Obendrein heimst er gleich noch Sympathiepunkte ein, indem er konsequent irgendeinen medialen Rummel um seine Person vermeidet. Konzentration auf die Musik und systeminterne Kritik des Musikbusiness sind dem Engländer wichtig. Haigh ist sich der Marktmechanismen bewusst, ist er doch seit Anfang der Achtziger als zunächst postpunkender Musiker und Plattenladenbesitzer, dann als DJ und Produzent unterwegs. Mittlerweile gilt er neben LTJ Bukem, den er sehr mag, als eine Art Übermutti des mellow Drum’n’Bass. Trotz Robs hohem Kultfaktor in diversen Kreisen hat er es allerdings wirklich geschafft, hinter seinen Produkten bzw. deren Wirkungen verdeckt zu bleiben. “Ich habe nichts gegen die Medien, aber ich verbringe meine Zeit viel lieber mit dem Erstellen neuer Sounds, dem Experimentieren mit Breakbeats und der Produktion neuer Tracks. Solange die Medien ihren Job ernsthaft erledigen, kann ich damit klarkommen.” Bewusst entgeht Rob mit seinem pragmatischen Ansatz jeglichem Starkult, den er mittlerweile immer öfter in elektronischer Musik praktiziert findet: “Ich habe nichts gegen die Chemical Bothers oder Leftfield, aber einige der rockigen Aspekte von Dance Music sind wohl schon durch das Interesse der Majors in Gang gesetzt worden.” Haigh pocht auf Unterscheidungen und liefert gleich klare Defintionen dazu. Beispiel 1: Underground versus Mainstream: “Mainstream repräsentiert einen Sektor, dessen ultimatives Ziel der Profit ist. Underground hingegen hat Progressivität und Ausdruck zum Inhalt.” Beispiel 2: Rock versus Elektronik: “Rockmusik erzählt dir eine Geschichte, Elektronik lädt dich zu einem Trip ein.” Abschliessend sei noch mal gesagt, dass “Byte Size Life” mal eben ganz locker die Konsensplatte des Herbstes werden kann und nur so strotzt vor strudelnden Rhythmen und wunderschönen Melodien, yes. Egal, ob nun erstellt vom Menschen, von der Maschine, vom Maschinenmensch oder der Menschmaschine. Das Dingen lebt in und von der Rezeption. Oder so.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 06

OMNI TRIO Skellytubbys Sascha Kösch bleed@de-bug.de Omni Trio gibt es seit Ewigkeiten. Es ist immer noch nur eine Person, Rob Haigh, aber mittlerweile mit Famile, Kindern, Haus und Garten. Seine Tracks waren über die frühen Jahre von Drum and Bass hinweg immer Ausnahmeerscheinungen. Heimliche Lieblingstracks selbst bei Leuten, die Breakbeat auf den Tod nicht ausstehen konnten, Hymnen eigener Art, seit dem ersten Release “Mystic Stepper”. Kein Mensch weiß, wie er aussieht. Aber jeder kennt diesen Namen. Ein Vorzeige Drum and Bass Act also, dem wenig verhaßter ist, als die langsam aufkommende Rockattitude in der Szene, den wenig trauriger stimmt, als das Gerangel um Stars, große Namen, von denen er selber auch noch einer ist, um die heimliche Veränderung an der Basis der Szene hin zum Mainstream. Seit ein zwei Jahren sind seine Tracks ruhiger geworden, bewegen sich in den immer leicht übersehbaren Gefilden von Musik, die jenseits des jeweiligen Hypes existieren. Aber trotzdem hat er immer mehr Fans auf die ruhige Seite von Drum and Bass gezogen. Omni Trio ist eine der wenigen Konstanten in Drum and Bass, die einem immer wieder sagen können, wohin die Entwicklung gehen mag, was wichtig sein könnte und was überflüssig. Rob Haighs neue LP, Skeleton Keys, vollzieht für ihn genau diese Konzentration auf das Wesentliche, eine Konzentration, die nicht neu sein will, sondern mit jedem Track neu erfunden werden muß, auf einer Basis der gesamten Geschichte dieser Musik. Eine notwendige Reduktion, die einen immer wieder “wir” sagen läßt, anstelle von “ich”. Und für genau dieses wir in Drum and Bass steht Omni Trio auf der Seite der Produzenten, wie nur ganz wenige andere. Gerade weil er schon Musik gemacht hat bevor es überhaupt das alles gab, was wir tagtäglich als die Rettung vor dem Grauen der Rockmusik feiern. DE:BUG: Woher kommt es, daß du seit Ewigkeiten einer der wenigen der Drum and Bass Acts bist, die Alben produzieren und sich in dieser Hinsicht wie ein normaler Musiker verhalten? RH: Ich denke, das kommt von meinem Background. Daher daß ich seit 15 Jahren schon Platten rausbringe. Das ist eine andere Erfahrung als die der meisten. DE:BUG: Du hast sogar in Punk- und Industrial Bands gespielt. RH: Ja, ich bin durch das alles durch. Und dann, kurz danach, 78, 79 fand ich es noch interessanter. Punk hatte die ganze Energie, Postpunk verlor etwas von dieser Energie, aber es wußte damit mehr anzufangen. Mehr Experiment und nicht nur immer drei Griffe. Das war eine wirklich interessante Zeit und da habe ich angefangen, um London herum in Bands zu spielen. Postpunk, minimal, repetitive Basslines und viel Noise. Von Feedback Gitarren bis hin zu Klarinettespielern. Alles war da drin. Es scheint mir jetzt wie eine sehr abenteuerliche Zeit und im Laufe der 80er starb das irgendwie aus. Die Dinge haben halt nur ein begrenztes Leben. Was danach geschah war, daß viele von denen die in dieser Szene waren sehr kommerzielle Projekte machten und, hops, waren wir mitten in New Romantik und diesem Kram. Dann wurde alles ein Teil der Industrie, wie es halt läuft, in Kreisen. Ende der 80er, als Acid und House aufkamen, war ich dann wieder dabei. Für mich beginnt Drum and Bass da. Es ist ein Teil des Underground Dings, das genau da angefangen hat und sich in verschiedene Richtungen entwickelt hat. Techno, House, all das. Das waren die Wurzeln. Dieses Underground-Ding. DE:BUG: Warum bist du auf dem Drum and Bass Zweig gelandet? RH: Ich war immer ein Teil der Musik, die sich entwickelt hat. Hoffentlich klingt das nicht arrogant. Immer auf der Produzentenseite. Es existierte ja nicht als Kategorie und man konnte sich damals nicht entscheiden und sagen: Ich mache jetzt Drum and Bass. Vieles war beeinflußt von House, aber auch 2 Bad Mice und 4 Hero und arbeitete mit Breaks. Es kam eine ganze Welle von Leuten, die das gemacht haben auf einmal. Ich war einfach dabei. Ich denke, ich fand dort den Spirit von Post Punk wieder. Ich war immer absolut besessen von Musik und besonders von der, die eine Art von Andersheit hat. Man steckt drin, dreht sich um 1997 und sieht, daß es sich immer noch entwickelt, ohne daß man sich einmal umgedreht hat. Die letzten 5 Jahre sind einfach passiert. DE:BUG: Was war dein erstes Release? RH: “Mystic Stepper”, es kam erst auf Candidate raus, meinem eigenen Label. Bukem kam in mein Studio in Hitchin, in dem ich mit ein paar Freunden damals alle Tracks auf DAT gezogen habe. Damals war er noch lange kein großer Name, einfach jemand den man ab und zu trifft und er hat das DAT mitgenommen und das nächste was ich erfahren habe war, daß er “Mystic Stepper” überall spielt. Und jeder DJ hat mich danach angerufen, weil er den Track haben wollte. Ich hab also 1000 Stück gepreßt, weil ich mir nicht mehr leisten konnte, die waren direkt weg und dann kam Moving Shadow und haben es rereleased. Candidate hatte nur 4 Releases, es existierte einfach nur, um ein paar unserer Tracks rauszubringen. Aber sobald ich die Möglichkeit hatte, mit Moving Shadow zu arbeiten, hab ich es fallen gelassen, weil mir diese Arbeit nicht soviel Spaß machte. DE:BUG: Wie würdest du Skeleton Keys beurteilen im Vergleich zu den Sachen davor? RH: Das ist schwer so darüber nachzudenken. Es ist kein Konzept, oder eine Sammlung bevor es fertig ist. DE:BUG: Andere Frage, wo ist der Fortschritt in deiner Musik zur Zeit? RH: Das ist genauso schwierig. Wenn ich Musik mache, dann nicht als Statement zum Fortschritt. Ich höre viel Musik, die es genau aus diesem Grund allein gibt und da ich seit Ewigkeiten in Avantgarde Musik involviert bin, hab ich ein paar Schlüsse gezogen. Experimente sind nur gut, wenn daraus etwas produziert wird. Z.B. wenn man was zu Essen macht, sagen wir mal Bohnen mit Essig und Marmelade, und das dann jemandem serviert, dann werden sie wohl sagen, bä, das ist schrecklich und du erklärst ihnen dann, nein, das ist experimentell. Das ist aber nicht der Fall. Es muß etwas dabei herauskommen. Ich hoffe, daß ich vorwärtskomme durch ein Arbeiten an verschiedenen Stellen der Technologie, durch die Art, Beats anders zusammenzustellen, andere Klangfaktoren zu integrieren. Ich suche immer mehr nach Wegen, die man gehen kann, aber ich halte das nicht für radikal. Skeleton Keys ist kein radikaler Schritt nach Haunting Science. Sicher es benutzt in subtiler Weise mehr Technologie, mehr Ideen, zumindest hoffe ich es. Im größeren Rahmen der Musik kann man ja sagen, daß wenn Oasis immer noch wie Beatles klingen, Rockmusik ja 30 Jahre gehabt hat, Drum and Bass vollkommen radikal ist, zumindest für jemanden, der es noch nie gehört hat. Es ist immer noch in den Kinderschuhen. Und trotzdem erwarten die Leute einen radikalen Neuanfang jedes Jahr. Ich denke, man sollte die guten Dinge behalten und langsam vorwärtskommen. Vorwärts auf jeden Fall, wir sind ja keine Rockmusiker, aber nicht um experimentell zu sein. Ich bin ganz glücklich, es leicht zu nehmen. DE:BUG: Welche Technologien sind für dich neu? RH: Es ist auch nicht radikal. Ich versuche, die Dinge in meinem Studio immer besser zu verstehen. Als ich angefangen habe, hatte ich nur einen Amiga mit Soundchip, 8Bit, damit habe ich Mystic Stepper gemacht. Dann hatte ich ein erstes Soundmodul, das ich zu manipulieren versucht habe und jetzt habe ich einen Akai 3000 und denke, damit kann man sich ein paar Jahre beschäftigen. Gerade habe ich mir ein Effekt- und Filterboard dafür besorgt und experimentiere damit rum. Es sind kleine Dinge. Ich habe jetzt einen digitalen Mixer und das hat die Art wie ich arbeite auch leicht verändert. Ich bin nicht jemand, der immer das neuste Gear kaufen will. Das kann ich mir nicht leisten und ich denke, man muß das meiste aus dem rausholen, was man hat. Jeder kauft sich diesen neuen EMU Sampler, aber am Ende klingt dann nachher jeder gleich. Ich versuche, Sounds mehr zu editieren. Ich nehme die Sounds aus den Modulen, sample und resample sie und arbeite viel dran, lege einige übereinander, die dann wieder mit dem Originalsound zusammen usw. Das hätte ich vor zwei Jahren irre anstrengend gefunden und niemals gemacht. Aber ich glaube, da muß man arbeiten. Es mag sich dann hinterher für andere wiederum so anhören, als wäre der Sound einfach von einen Synthesizer. Aber für mich habe ich wenigstens versucht, meine eigenen Sounds zu entwickeln. DE:BUG: Ich habe in einem älteren Interview mit dir gelesen, daß das nächste was wohl passieren wird ist, daß sie alle auf die Bühne gehen und live spielen. Und genau das passiert zur Zeit. Wie findest du das? RH: Ja, ich glaube sowas habe ich gesagt. Ich habe da gemischte Gefühle, immer noch. Und das was vor einem Jahr absolut überzeugend war, war die Grundangst, daß, wenn die Industrie einmal eingegriffen hat, sie nicht wissen, wie man anders damit umgehen kann als mit Rockmusik. Sie haben keine Vorstellung davon, was zu tun ist. Und bevor man sich versieht, muß wieder mehr gesungen werden und Liveauftritte müssen her. Der amerikanische Markt wird da nicht drumherum kommen. Das ist traurig. Kraftwerk haben vor Ewigkeiten schon Dummies auf die Bühne gestellt. Und das könnte man in vielen Weisen weiterentwickeln. Aber Liveinstrumente. Goldie hat es zuerst gemacht und er war ja sehr erfolgreich damit, aber das hat wohl eher damit zu tun, daß er aus einer Tradition von Performern kommt. Und das sind bei Drum and Bass nicht so viele. DE:BUG: Hast du Adam F oder Roni Size gesehen? RH: Ja, das war etwas bizarr. Soviele Trompeter, die über Metropolis gespielt haben. Das repräsentierte den Track nicht wirklich, da fehlte auf einmal die ganze Dynamik. Aber ich will ihn damit nicht dissen. Das ist wohl eher ein generelles Ding und generell erscheint es mir traurig. In fünf Jahren könnte es einfach Mainstream sein. DE:BUG: Es ist ja noch nichtmal Drum and Bass spezifisch. Carl Craig hat ein Jazzorchester… RH: Ja, bei Techno ist genauso. Eine an sich schon revolutionäre Musik, die eigentlich wirklich nicht auf Live zurückgreifen müßte. DE:BUG: Hat man dich nicht irgendwie dazu pushen wollen? RH: Ich bekomme natürlich laufend Anfragen und meine Recordcompany sagt mir ab und an, daß ich mehr Platten verkaufen könnte, wenn ich es tue. Aber ich weigere mich. In den frühen 90ern, als es nur PA’s gab, die Leute auf der Bühne standen und so taten, als würden sie Keyboards spielen, das war lukrativ. Aber da bin ich nie hingegangen, wir haben einfach jemanden auf die Bühne gestellt und so tun lassen, als wäre er Omni Trio. Das war lustig. Wenn man zu Metalheadz geht, oder Promised Land oder wohin auch immer, und wenn dann Blame oder Bukem oder wer auch immer auflegen und die Leute tanzen, dann ist das für mich das perfekte Livesetting für Drum and Bass. Die Leute sind dann eben nicht wie Schafe, die auf die Bühne starren. Alle machen einfach ihr Ding und das sollte man nicht ändern. Vielleicht ist es zu subversiv, diese Szene für uns zu haben. Vielleicht machen wir nicht genug Geld. Aber ich rede zuviel drüber. DE:BUG: Und einen Underground wird es immer geben. RH: Ja. Es wird mutieren. Wenn man glaubt, es würde Mainstream, dann braucht man sich nur besser umzusehen. DE:BUG: Wirst du in zehn Jahren noch arbeiten, auch wenn du nicht versuchst, mehr Platten zu verkaufen? RH: Versteh mich nicht falsch, ich möchte so viele Platten verkaufen, wie es eben geht. Es gibt halt nur Dinge, die ich nicht dafür machen würde. Ich werde immer Musik machen. Egal was es ist und unter welchem Namen auch immer. Der Gedanke, daß ich es nicht machen würde, ist grauenvoll. Ich hab genügend Leute gesehen, die viele Dollar bekommen haben, aber dann verschwunden sind. DE:BUG: Wie siehst du die Entwicklung von Drum and Bass zur Zeit? RH: Ich denke, daß die Entwicklung von Drum and Bass langsamer geworden ist. Daß die Sprache, die sich langsam entwickelt hat, die Sprache, die nie zu streng werden darf, weil man sonst nicht mehr experimentieren kann, seit 92, als alles wie eine Art freier Fall war, alles verfeinert hat, definierter wurde. Man will nicht, daß es eine Art Gesetzbuch wird, aber eine Sprache muß das in gewisser Weise sein. Das ist so ein Catch 22. Man muß etwas riskieren, aber gewisse Regeln dalassen. Manchmal höre ich neue Drum and Bass Sachen und habe das Gefühl, daß es nicht mehr so viel Aufregung verursacht wie am Anfang. Man sieht zurück und denkt: Wow. Man kann nicht zurückgehen, aber man darf dieses Gefühl auch nicht vergessen. Man muß versuchen, eine 97er, 98er Version davon zu machen. Ich langweile mich zur Zeit etwas mit diesem Twostepbeat, der alles dominiert. Ich versuche zurückzugehen zu den rauhen, intensiveren Beats, aber so sehr man sie auch schneidet, man braucht Stunden, um einen Breakbeat so hinzubekommen, daß er richtig klingt. Und selbst dann. Es ist uns allen so bewußt, welche Beats man nicht benutzen kann. Wenn man seine eigenen Breaks bastelt, dann führt das unweigerlich zu diesem Twostep Ding. Es ist irre schwierig, einen Break zu finden, der sehr intensiv ist und nicht Twostep. Ich versuche, ein Amalgam zu finden. Ich berühre überhaupt keine Sounds zur Zeit, fasse keine Keyboards an, sondern suche einfach nur einen neuen Weg für die Breaks, das kann dauern. Energetisch intensive klassische Breaks klingen auf 170 ja auch blöd, das macht es nicht besser. Ich denke, eine der wirklich großen Aufgaben für Drum and Bass zur Zeit ist, einfach die Energie der alten Breaks mit ganz neuen Sounds hinzubekommen. DE:BUG: Hat eins deiner Kinder die Bilder auf der LP gemalt? RH: Ja, Saul. Er malt immer und er hat eine riesige Serie davon gemacht. Das ist ganz interessant, ich hatte Angst, daß es irgendwie albern aussehen könnte, wenn man die Bilder seiner Kinder benutzt, aber es kommt ganz gut. Sie sind seltsam. Das ist so eine Art Tellytubbys. Das ist hier ein Phänomen, alle Kids sehen sich das an. Ich nenne sie Skellytubbys. Die sind so fett und sehen aus als hätten sie Bandagen an. DE:BUG: Der Titel kommt aber nicht daher, oder? RH: Nein, das hatte ich vorher schon. Es ist eine Beschreibung der Art wie ich gearbeitet habe. Ich habe viel Information gesammelt, irre viel passierte in den Tracks, in dem was ich vorher so als Modul für Tracks zusammengestellt hatte und dann mußte alles wieder reduziert werden. Stripped to the bone, wie man so sagt. Es sollte nichts überflüssiges mehr übrigbleiben. Man hält mir manchmal vor, etwas minimal zu sein. Ich denke aber, die Tracks haben immer noch die Information, die ich vermitteln wollte.

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