Dan Lopatin mit neuem Album auf Warp
Text: Bjørn Schaeffner aus De:Bug 175

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Wenn Synapsen Purzelbäume schlagen: Der Brooklyner Synth-Wizard Oneohtrix Point Never hat sich mit seiner neuen Platte ein Denkmal gesetzt. “R Plus Seven” ist Kirchenmusik für Ironiker, retromanische Japanreise und Frequenzgewitter zugleich: Auf den Hörer warten verwinkelte Gänge, die einen beduselt ins Licht taumeln lassen.

So muss sich Gänsehaut im Kopf anfühlen: kribbelnd, warm und angenehm, aus der Mitte des Scheitels strahlend. Ein Gefühl, das sich jedes Mal zuverlässig einstellt, wenn sich der Schreibende Oneohtrix Point Nevers “R Plus Seven” anhört. Ein Hochgefühl, buchstäblich, scheinbar auf Knopfdruck abrufbar. Die Frage ist, wie und was da angetriggert wird. War das geplant, diese induzierbare Körperlichkeit? Der New Yorker Produzent Dan Lopatin antwortet lakonisch-verschmitzt: “Mein Sound-Ingenieur hatte so etwas im Sinn. Er ist ziemlich speziell.”

“R Plus Seven” ist eine Gehirnwäsche, der man sich gerne unterzieht. Ein vierzigminütiger Rauschzustand, weniger hypnotisch loop-basiert als beeinflusst vom Frequenzgewitter, das Lopatin auf einen einprasseln lässt. Es ist Kopfmusik der physischsten Sorte. Selten fand man Karl-Heinz Stockhausens Diktum zutreffender, dass uns Sound verändert. Aber vielleicht ist es auch so: Als Hörer wird man selbst ein wenig zu diesem Unikum, wandelt sich an. Man sitzt im Cockpit eines Flugobjekts, das das Design einer gotischen Kathedrale haben muss, aber von Hayao Miyazaki erträumt wurde. Und saust dann mit Volldampf ins Kaninchenloch.

31 Jahre und plötzlich Songwriter
Die Skype-Verbindung nach Boston ist schepperig. Dan Lopatin spricht ins Handy, es ist schwer zu verstehen, was er sagt – die digitale Leitung verschluckt jedes fünfte Wort. Kommt hinzu, dass Lopatin, der tags zuvor 31 Jahre alt geworden ist, zum Teil sehr rätselhafte Sätze in den Hörer nuschelt. Wir reden immer noch von der Wirkung seines Albums, und da sagt er: “Genau, darum geht es: die Trägheit, die Schwere, die Schwere des Clichés. Nicht um die Geschichte. Sondern darum, wie es sich anfühlt.”

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Wie es sich anfühlt? Großartig fühlt es sich an, das Album. Great! Dafür möchte man Lopatin ein High-five entgegenschmettern, diesem so talentierten Musiker, der immer wieder von sich selbst gesagt hat, er sei kein Musiker. Aber eben, man kann ihm nicht mal im Videofenster zuwinken, weil da nur die brüchige Skype-Leitung auf seinem Handy ist. In musikalischer Hinsicht stellt “R Plus Seven” eine Neuorientierung dar, zumal Oneohtrix Point Never hier erstmals so etwas wie Songwriting vollzieht. “Ich wollte intuitiv vorgehen, einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss bauen. In dieser Hinsicht ist das Album schon anders. Meine Methode ist strukturell, weniger systemisch als in meinem letzten Album ‘Replica’.”

Die Methode fängt beim Cover an. Gemacht hat es Lopatins langjähriger graphischer Kompagnon Robert Beatty. Der hat dafür den Zeichentrickfilm “Le Ravissement de Frank N. Stein” des Schweizers Georges Schwizgebel aus dem Jahr 1982 adaptiert. In diesem Gothic Short gleitet die Kamera durch eine schier endlose Abfolge von hintereinander liegenden Türen. Dazu erklingen psychotisch geartete Modulationen. Ein Raum hinter einem Raum hinter einem Raum.

Als Kid wollte Lopatin zum Film. Doch dann glückte die Aufnahme an der Uni nicht, der NYU in Harlem. Dem Londoner Magazin The Wire sagte er diesen Frühling: “Alles, was ich vom Kino weiß, kann ich in meiner Musik auf allegorische oder strukturelle Weise wieder verwenden.” Von Quentin Tarantino inspiriert sind etwa die hard cuts, die zum Teil heftigen Stimmungswechsel, die sich auch in “R Plus Seven” in Fülle wiederfinden. Fast jedes Stück changiert ständig – als kleines Abenteuer zwischen Gregorianik und Fernost, kinematischem Ambient oder gleißend-hingestanzten Synths. Fast jedes Stück funktioniert auch als Mikro-Album: pars pro toto. Ein Raum hinter einem Raum hinter einem Raum.

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Der Synthesizer im japanischen Nebel
Der erste Raum, durch den wir taumeln, heißt “Boring Angel”. Die Musik beginnt mit einem sanft schlingernden Orgelakkord. Im Hintergrund klöppelt es. Noch ein Akkord. Dann ein Arpeggioloop, losschraubend. Wirblige Stimmschnipsel gesellen sich dazu. Wieder barocke Orgeln. Zweites Stück, “Americans”: Eine japanisierte Stimmung breitet sich aus, dann eine Modulationssequenz, Stimmgehäcksel, eine Frauenstimme sagt “Cliché”. Auf einmal meint man im Urwald zu wandeln. Und erneut schiebt sich eine sakrale Fläche rein, engelhaftes Seufzen erklingt. Zum Schluss tänzelt eine Marimbafigur rein, wiederum fernöstlich gestimmt.

“Es sollte eine Platte werden, die nebulös ist. Wie ein Puzzle,” sagt Lopatin. Er reicht dann selbst ein Puzzlestück hinterher, obschon auch dieses erst kryptisch bleibt: Eine große Inspiration seien diese Japaner gewesen. Deren Namen sind auf der verwaschenen Digitalleitung unmöglich zu verstehen. Später schickt Dan Lopatin einen Discogs- Link zu Geinoh Yamashirogumi und deren Album “Ecophony Rinne” aus dem Jahre 1986. Das mit globalen Folk-Einflüssen experimentierende und aus Hunderten von Mitgliedern bestehende Musikkollektiv ließ sich damals erstmals auf Synthesizer ein.
Viel von der Atmosphäre in “Ecophony Rinne” taucht als Echo in “R Plus Seven” wieder auf: die sakralen Stimmen, die Flächen, das Orchestrale, das Orientalische. In einem Paralleluniversum wäre Geinoh Yamashirogumi wohl ein Haufen Ronins, die dem Westler Oneohtrix Point Never die Kunst der Versenkung vor der Schlacht beigebracht haben. “Ich bin von der Persönlichkeit her sehr mimetisch veranlagt”, sagt er einmal im Gespräch. “Ich höre erst zu und komponiere dann.”

Zusammen mit Sofia Coppolas Hauskomponist Brian Reitzell hat Dan Lopatin kürzlich am Soundtrack von Coppolas Teenager-Porträt “The Bling Ring” mitgewirkt, der aktuell in den Kinos läuft. “Unser gemeinsamer Beitrag ‘The Bling Ring Suite’ ist natürlich schon ziemlich Air-mäßig geworden, hat also diesen Sofia-Coppola-Vibe. Schließlich war Brian Drummer bei Air und ist überhaupt ein großes Vorbild von mir.” Mit “Ourobouros” befindet sich auch ein Track aus Oneohtrix Point Nevers Album “Returnal” auf dem Soundtrack. Gemeinsam mit 2 Chainz, Azealia Banks, M.I.A., Kanye West, aber vor allem gemeinsam mit Klaus Schulze und Can. Denn hier darf man sagen: unter Seinesgleichen.

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Digitale Dominanz
Als Kind hatte Lopatin im Keller des russischen Elternhauses in Boston auf Synthesizern erste Gehversuche unternommen. Diese gehörten seinem Vater, einem Ingenieur aus der Sowjetunion, der einst in einer Punkrockband namens “The Flying Dutchmen” gespielt hatte. Für “R Plus Seven” hat Lopatin erstmals auf sein Trademark-Instrument verzichtet, den Roland Juno-60, den er “Judy” nennt. Stattdessen verfolgte Oneohtrix Point Never einen Ansatz “digitaler Plastizität”: “Ich habe mit einer Menge digitaler Synthesizer gearbeitet. Kommerzielle Preset-Sounds wurden manipuliert, zwischen den verschiedenen Programmen hin und her geswappt, Schichten vermorpht.”
Irgendwann sei das Digitale zu dominant geworden. Schier überlebensgroß. “Man will ja keinen Sound, der klingt, wie in einem Plastikbehälter, mit dem man Essen im Kühlschrank aufbewahrt. Dann doch lieber einen Raum aus Mahagony.” Mit seinem Tontechniker Paul Corley stellte er das Album in Valgeir Sigurdssons Bedroom-Community-Studio in Island fertig. An einem analogen Mischpult. “Es war mir wichtig, die Raumfarbe zu ändern. Insofern ist am Ende dann doch ein ambivalentes Produkt entstanden.”

Ambivalenz ist überhaupt der schillernde Stoff, in den sich Oneohtrix Point Nevers Sound-Gestalten kleiden. Die sakrale, himmelhochjauchzende Grundstimmung des Albums ist auch deswegen so reizvoll, weil sie liebevoll ironisiert wird. Und da alles so fesselnd arrangiert ist, schrumpft beim Zuhören von “R Plus Seven” die Zeit. Und das freut Dan Lopatin besonders, als man darauf zu sprechen kommt. “Great!”, schallt es in Boston in den Handyhörer, und scheppernd, akustisch verpixelt, kommt es am anderen Ende wieder heraus.

Oneohtrix Point Never, R Plus Seven, ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.