Vadim knüpft sein soziales Netz immer enger. Seine Musik wird dadurch immer lockerer. Schön für ihn und uns.
Text: Jan Simon aus De:Bug 92

Hiphop

Im HipHop-Hotel
One Self

Als ich in einem Hotel am Berliner Ostbahnhof auf das Trio von One Self treffe, diskutieren MC Blu Rum 13 und DJ Vadim gerade, ob es im Deutschen ein Wort für “Herbal Tea“ gibt, den Begriff, der im Englischen Teesorten wie Kamillentee, Pfefferminztee und Ähnliches zusammenfasst. Während die beiden noch über die unterschiedlichen regionalen Getränkepräferenzen sinnieren (“I know – here it is all about beer“, ja ja…), hilft mir Vadims Ehefrau Yarah, eine Steckdose für meinen MD-Rekorder zu finden. Die Stimmung ist von vornherein entspannt, auch wenn James (Blu Rum) schnell bemerkt, dass die Teefrage in Deutschland keine vergleichbare Resonanz auslöst.

“One Self“ ist ein Paradebeispiel für das, “was HipHop leisten kann“: Die Verbindung von Menschen mit verschiedensten Wurzeln aus unterschiedlichsten Teilen der Welt. DJ Vadim wurde in St. Petersburg geboren und zog dann mit seinen Eltern nach London. Blu Rum 13 ist Amerikaner, lebte lange in New York und gibt zurzeit Washington DC als Wohnort an. Yarah Bravo wiederum hat chilenisch/brasilianische Eltern und wurde in Schweden groß. Vadim und Yarah lernten sich vor einigen Jahren über den gemeinsamen Bekannten Skinny Man kennen: “Als ich nach London zog, war er mein Nachbar und schwärmte mir immer von Vadims Produktionen vor. Irgendwann standen Vadim und ich dann in einem Club nebeneinander, als ´Terrorist´ [eine der Singles des 99er Ninja-Tune-Albums ‘USSR – Life from the Other Side’] lief. Ich sagte: ´Das ist ein fetter Track.´ Er grinste nur und meinte, danke. Ich wusste bis dahin nicht, dass das sein Song war – es war mir so peinlich, dass ich erst mal weggelaufen bin“, erzählt sie nicht ohne Schmunzeln. Ob er sich gerade in diesem Moment in sie verliebt hat, ist schwer zu sagen. Dass er es jetzt noch über beide Ohren ist und die zwei zu einer unzertrennlichen Einheit wurden, strahlt ihr Umgang miteinander unmissverständlich aus. Vor drei Jahren wurde schließlich in einer schwedischen Kirche geheiratet, wo Kila Kella den Hochzeitsmarsch beatboxte und Mr. Thing von den Scratch Perverts die Gemeinde anschließend an den Turntables unterhielt.

Nachdem Vadim während der 90er noch am Londoner Stadtrand bei seiner Mutter unterm Dach produziert hatte, war die Zeit nach der Hochzeit für einen Umzug reif. Gemeinsam bezog er mit Yarah im Londoner Stadtteil East Ham ein Haus, in dessen Keller er sein neues Studio einrichtete. Da hier quasi ständig aufgenommen wird und immer Freunde aus der Szene anwesend sind, sprechen die beiden auch gerne von ihrem “HipHop-Hotel“. Auch sämtliche Aufnahmen zum nun auf Ninja Tune erscheinenden One-Self-Album “Children Of Possibility“ wurden hier gemacht, wobei sich aber erst nach und nach herauskristallisierte, dass eigentlich ein neues Projekt im Entstehen begriffen war, wie Blu Rum erklärt:
“Vom ersten Song, den ich mit Vadim letztes Jahr im Januar aufgenommen habe, dachte ich anfangs, er käme einfach auf Vadims nächstes Album. Erst im Sommer 2004 haben wir dann gemerkt, dass hier eigentlich Material für ein eigenes Album entsteht.“

“One Self“ als Projekt ist letztlich eine Fortführung von “Russian Percussian“ in konzentrierterer Form, das von Vadim vor vielen Jahren ursprünglich als reines Live-Projekt ins Leben gerufen wurde. Je nach Möglichkeit integrierte er Künstler wie DJ Woody, DJ Mr. Thing, Kila Kella sowie den Cinematic Orchestra Keyboarder John Ellis in ein Set, durch welches zunächst Blu Rum 13 als MC führte. Gemeinsam spielte man rund um den Globus mehrere hundert Konzerte und wurde schließlich um Yarah ergänzt. “Vadim wollte schon immer eine Gruppe haben, mit der er auch im Studio arbeitet – er wollte schon immer diese Einheit. Er hat nur nicht realisiert, dass sie quasi schon direkt vor ihm stand“, meint Yarah.

Mit “Children Of Possibility“ ist unter Mitarbeit von John Ellis nun ein Longplayer entstanden, der stärker als jedes frühere Vadim-Album auf Soul setzt. Warme Keys, großartige Basslines, gepitchte Frauenstimmen und ausgedehnte Gesangspassagen machen das Album zu einem Ohrmuschelschmeichler, den Vadim vor fünf, sechs Jahren in dieser Zugänglichkeit nicht viele zugetraut haben dürften. Insofern spricht auch die Tatsache Bände, dass auf der ersten 12-Inch des Albums (“Be Your Own“) gleich zwei Remixe des Keyboarders Amp Fiddler aus Detroit enthalten sind, der in den 80ern bereits an der Seite von George Clinton spielte. Wer Vadims Alben nacheinander hört, sieht trotzdem eine in sich schlüssige Entwicklung, die der Londoner auch selbst reflektiert: “Auf meinem ersten Album [USSR ‘Repertoire’, Ninja Tune 1996] gab es keinen Rap – es war eine kühle, abstrakte Platte, die rauskam, als DJ Krush und DJ Shadow veröffentlichten, und die entsprechend in dieses Fach geschoben wurde. Dann kam ‘Life From The Other Side’ und vor drei Jahren schließlich ‘The Art Of Listening’ (Ninja Tune 2002) – auf beiden Alben waren sehr viele verschiedene MCs. Dieses Album basiert nun auf dieser Gruppe und noch stärker auf Vocals, auch wegen einzelner Gesangspassagen. Dem musste der Sound Rechnung tragen. Wenn man es aber auf die Musik runterbricht und sich ansieht, welche Einflüsse mich bewegt haben, dann ist das gar kein so großer Unterschied zur Ausgangssituation. Ich höre genau dieselbe Musik wie damals. Diese Platte wurde durch Reggae, Soul, Jazz und Funk inspiriert. Wenn du dir alle Platten gemeinsam ansiehst und auf die Rhythmen achtest, stellst du auch fest, dass alles sehr rhythmisch ist. Es ging immer um Rhythmen und um das Funk- und Soulfeeling, auch wenn es teilweise Instrumentals waren, die ein paar strange Sounds hatten.“

Mit Blu Rum und Yarah werden auf Vadims Kompositionen nun zwei absolut einzigartige Stimmen kombiniert, die perfekt harmonieren und im Sinne von “Children Of Possibility“ daür kämpfen, die eigenen Möglichkeiten zu sehen und davon Gebrauch zu machen. Wie üblich wird hier Substanz geliefert, die auf angenehme Weise zum Nachdenken und Entspannen anregt. Eine große Platte.

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Elektronische Lebensaspekte.

Vadim knüpft sein soziales Netz immer enger. Seine Musik wird dadurch immer lockerer. Schön für ihn und uns.
Text: Jan Simon aus De:Bug 92

Im HipHop-Hotel
One Self

Als ich in einem Hotel am Berliner Ostbahnhof auf das Trio von One Self treffe, diskutieren MC Blu Rum 13 und DJ Vadim gerade, ob es im Deutschen ein Wort für “Herbal Tea“ gibt, den Begriff, der im Englischen Teesorten wie Kamillentee, Pfefferminztee und Ähnliches zusammenfasst. Während die beiden noch über die unterschiedlichen regionalen Getränkepräferenzen sinnieren (“I know – here it is all about beer“, ja ja…), hilft mir Vadims Ehefrau Yarah, eine Steckdose für meinen MD-Rekorder zu finden. Die Stimmung ist von vornherein entspannt, auch wenn James (Blu Rum) schnell bemerkt, dass die Teefrage in Deutschland keine vergleichbare Resonanz auslöst.

“One Self“ ist ein Paradebeispiel für das, “was HipHop leisten kann“: Die Verbindung von Menschen mit verschiedensten Wurzeln aus unterschiedlichsten Teilen der Welt. DJ Vadim wurde in St. Petersburg geboren und zog dann mit seinen Eltern nach London. Blu Rum 13 ist Amerikaner, lebte lange in New York und gibt zurzeit Washington DC als Wohnort an. Yarah Bravo wiederum hat chilenisch/brasilianische Eltern und wurde in Schweden groß. Vadim und Yarah lernten sich vor einigen Jahren über den gemeinsamen Bekannten Skinny Man kennen: “Als ich nach London zog, war er mein Nachbar und schwärmte mir immer von Vadims Produktionen vor. Irgendwann standen Vadim und ich dann in einem Club nebeneinander, als ´Terrorist´ [eine der Singles des 99er Ninja-Tune-Albums ‘USSR – Life from the Other Side’] lief. Ich sagte: ´Das ist ein fetter Track.´ Er grinste nur und meinte, danke. Ich wusste bis dahin nicht, dass das sein Song war – es war mir so peinlich, dass ich erst mal weggelaufen bin“, erzählt sie nicht ohne Schmunzeln. Ob er sich gerade in diesem Moment in sie verliebt hat, ist schwer zu sagen. Dass er es jetzt noch über beide Ohren ist und die zwei zu einer unzertrennlichen Einheit wurden, strahlt ihr Umgang miteinander unmissverständlich aus. Vor drei Jahren wurde schließlich in einer schwedischen Kirche geheiratet, wo Kila Kella den Hochzeitsmarsch beatboxte und Mr. Thing von den Scratch Perverts die Gemeinde anschließend an den Turntables unterhielt.

Nachdem Vadim während der 90er noch am Londoner Stadtrand bei seiner Mutter unterm Dach produziert hatte, war die Zeit nach der Hochzeit für einen Umzug reif. Gemeinsam bezog er mit Yarah im Londoner Stadtteil East Ham ein Haus, in dessen Keller er sein neues Studio einrichtete. Da hier quasi ständig aufgenommen wird und immer Freunde aus der Szene anwesend sind, sprechen die beiden auch gerne von ihrem “HipHop-Hotel“. Auch sämtliche Aufnahmen zum nun auf Ninja Tune erscheinenden One-Self-Album “Children Of Possibility“ wurden hier gemacht, wobei sich aber erst nach und nach herauskristallisierte, dass eigentlich ein neues Projekt im Entstehen begriffen war, wie Blu Rum erklärt:
“Vom ersten Song, den ich mit Vadim letztes Jahr im Januar aufgenommen habe, dachte ich anfangs, er käme einfach auf Vadims nächstes Album. Erst im Sommer 2004 haben wir dann gemerkt, dass hier eigentlich Material für ein eigenes Album entsteht.“

“One Self“ als Projekt ist letztlich eine Fortführung von “Russian Percussian“ in konzentrierterer Form, das von Vadim vor vielen Jahren ursprünglich als reines Live-Projekt ins Leben gerufen wurde. Je nach Möglichkeit integrierte er Künstler wie DJ Woody, DJ Mr. Thing, Kila Kella sowie den Cinematic Orchestra Keyboarder John Ellis in ein Set, durch welches zunächst Blu Rum 13 als MC führte. Gemeinsam spielte man rund um den Globus mehrere hundert Konzerte und wurde schließlich um Yarah ergänzt. “Vadim wollte schon immer eine Gruppe haben, mit der er auch im Studio arbeitet – er wollte schon immer diese Einheit. Er hat nur nicht realisiert, dass sie quasi schon direkt vor ihm stand“, meint Yarah.

Mit “Children Of Possibility“ ist unter Mitarbeit von John Ellis nun ein Longplayer entstanden, der stärker als jedes frühere Vadim-Album auf Soul setzt. Warme Keys, großartige Basslines, gepitchte Frauenstimmen und ausgedehnte Gesangspassagen machen das Album zu einem Ohrmuschelschmeichler, den Vadim vor fünf, sechs Jahren in dieser Zugänglichkeit nicht viele zugetraut haben dürften. Insofern spricht auch die Tatsache Bände, dass auf der ersten 12-Inch des Albums (“Be Your Own“) gleich zwei Remixe des Keyboarders Amp Fiddler aus Detroit enthalten sind, der in den 80ern bereits an der Seite von George Clinton spielte. Wer Vadims Alben nacheinander hört, sieht trotzdem eine in sich schlüssige Entwicklung, die der Londoner auch selbst reflektiert: “Auf meinem ersten Album [USSR ‘Repertoire’, Ninja Tune 1996] gab es keinen Rap – es war eine kühle, abstrakte Platte, die rauskam, als DJ Krush und DJ Shadow veröffentlichten, und die entsprechend in dieses Fach geschoben wurde. Dann kam ‘Life From The Other Side’ und vor drei Jahren schließlich ‘The Art Of Listening’ (Ninja Tune 2002) – auf beiden Alben waren sehr viele verschiedene MCs. Dieses Album basiert nun auf dieser Gruppe und noch stärker auf Vocals, auch wegen einzelner Gesangspassagen. Dem musste der Sound Rechnung tragen. Wenn man es aber auf die Musik runterbricht und sich ansieht, welche Einflüsse mich bewegt haben, dann ist das gar kein so großer Unterschied zur Ausgangssituation. Ich höre genau dieselbe Musik wie damals. Diese Platte wurde durch Reggae, Soul, Jazz und Funk inspiriert. Wenn du dir alle Platten gemeinsam ansiehst und auf die Rhythmen achtest, stellst du auch fest, dass alles sehr rhythmisch ist. Es ging immer um Rhythmen und um das Funk- und Soulfeeling, auch wenn es teilweise Instrumentals waren, die ein paar strange Sounds hatten.“

Mit Blu Rum und Yarah werden auf Vadims Kompositionen nun zwei absolut einzigartige Stimmen kombiniert, die perfekt harmonieren und im Sinne von “Children Of Possibility“ daür kämpfen, die eigenen Möglichkeiten zu sehen und davon Gebrauch zu machen. Wie üblich wird hier Substanz geliefert, die auf angenehme Weise zum Nachdenken und Entspannen anregt. Eine große Platte.

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