Das Stuttgarter Label Oni.tor organisiert sich als Alma Mater der elektronischen Musik. Es gibt verschiedene Fakultäten von Minimaltechno, Knispeldub bis irgendwas mit Gitarren, das Rektorentriumphirat sorgt für die Qualität des Lehrkörpers.
Text: Felix Denk aus De:Bug 42

Mitteilungsbedürfnis ohne Geltungsdrang
Oni.tor

“Ich finde, ein Label sollte wie ein Bekannter sein, der einem Platten empfiehlt, die er selbst gut findet.” sagt Jörg Koch, der zusammen mit Thomas Venker und Markus Koch das Label Oni.tor betreibt. Ein schöner Gedanke. Sich über Musik austauschen ist schließlich fast genauso wichtig wie Musik hören, und der richtige Plattentip zur rechten Zeit kann möglicherweise Leben retten, mindestens jedoch deutlich verschönern. Ein verschwörerisch zugerauntes “Kennste die schon?” hat einem schon so manche Lieblingsplatte beschert, die einem sonst vielleicht nie aufgefallen wäre. An verregneten Dienstagnachmittagen mutiert der Plattenladen in eine Welt voller Wunder.

Empfehlungen von Oni.tor kann der geneigte Hörer nunmehr seit knapp zwei Jahren entgegennehmen. Dabei füllt Oni.tor eine Lücke, da der Raum Stuttgart zwar nicht mit hochkarätigen Produzenten, dafür aber mit adäquaten Labels bisher eher unterversorgt war. Jörg Koch, Markus Koch und Thomas Venker waren ursprünglich in das Stuttgarter Fanzine Harakiri involviert. In diesem Rahmen begann man Parties zu veranstalten, deren Beschallung man mit dem erweiterten Freundeskreis selbst übernahm. Und irgendwann ergab sich aus diesem Dunstkreis das Bedürfnis nach einer geeigneten Plattform, um die produzierte Musik zu veröffentlichen, und man gründete Oni.tor. Die ersten beiden Releases stammten mit Ma Cherie for Painting und Jörg Kochs Projekt Solovyev noch aus den eigenen Reihen. Dann begann man die Fühler nach anderen Produzenten auszustrecken, dies allerdings nach wie vor eher vor der eigenen Haustüre, was im Fall von Oni.tor Stuttgart und Köln ist.

Oni.tor ist nicht das hochspezialisierte Dance Label, das extrem konzentriert an einem konkreten Musikentwurf feilt. Stringenz ist, wenn überhaupt, nur eine Sekundärtugend. Vielfalt rulet, die Release spiegeln die Vorlieben der Betreiber wider, die seit immer schon Musikaktivisten auf verschiedenen Plattformen waren. Das Label selbst verhält sich dabei wie die gütige Alma Mater, die verschiedenste Fakultäten unter einem Dach vereint, ohne sich wichtigtuerisch in den Vordergrund zu drängen. Das wirkt manchmal schon fast ungewöhnlich in Zeiten, wo oft nicht der Künstler, sondern das Label der Star sein will.

Es ist nicht das Ziel von Oni.tor, einen wie auch immer eng definierten Labelsound zu kreieren. Als Bezugsrahmen darf der Club genauso hergenommen werden wie der heimische Ohrensessel, die Küche oder wo man eben sonst so ist. Schließlich gibt es genug Räume, die mit Musik gefüllt werden müssen. “Im Prinzip ist die Unterscheidung zwischen funktional und experimentell genauso albern wie die zwischen Indie vs. Elektronik, die man vor ein paar Jahren hatte.” drückt Jörg sein Unbehagen gegen Abgrenzungen aus, die ohnehin an der Realität vorbeigehen. Veröffentlicht wird, was gefällt. Auch wenn da mal Sachen aus dem Rahmen fallen. Entsprechend breit gefächert ist der bisherige Labelkatalog, was man an der kürzlich erschienenen Compilation “Von uns” nachvollziehen kann. Mit Joachim Spieth, der auch schon auf Kompakt veröffentlichte, und Malte Tinnus, ebenfalls Stuttgarter mit Vorliebe für lautmalerische Tracktitel, hat man die minimale, tief floatende Kölner Schule im Programm. Hagedorn, 50% der Computerjockeys, zeigt solo die funkigere Variante des Domstyles. Mit Daniel Varga und Michael Baumann hat man noch zwei Produzenten vor der eigenen Haustüre getroffen, deren Diskographie sich von Italic über Dessous, Playhouse, Perlon, Frisbee, Stir15 bis zu Harthouse zieht. Eine Etage tiefer findet man Solovyev, das Projekt von Jörg Koch, mit submarinen Dub mit viel knispeligem Klangforschungsappeal. Ebenfalls weit unten, weil gut abgehangen, sind Checksum aus San Francisco, die bereits mit verschiedenen Projekten auf SSR released haben und eher aus der Gitarrenschule kommen.

Die nächste Veröffentlichung stammt von Fred Bigot aka Electronicat. “Chain Reaction trifft auf Suicide” beschreibt Thomas den noisigen Stil des Franzosen, der auch liberale Hörgewohnheiten auf eine Belastungsprobe stellt. “Ich fand die Platte super, weil sie nach zwei Minimaltechnosachen – Tinnus und Spieth – auch klarstellt, dass das Label nicht nur in eine Richtung geht, sondern recht offen ist, für vieles”, freut sich Thomas Venker, und Jörg Koch stimmt mit ein: “Es muss ja nicht alles jedem gefallen. Aber so ein Label, das immer so die Fahne nach dem Wind hängt, immer nach den Hits fahndet, das ist ja auch albern. Andererseits Label, die jetzt einen Sound haben und damit recht uniform daherkommen, möchte ich nicht machen.”

Allzuviel Uniformität wird Oni.tor schon deshalb nicht hinbekommen, da es ein sehr künstlerfixiertes Label ist, das bislang nur LPs herausgebracht hat. LPs? Als eingefleischter Bedroom Dj und elektronische Musik Vinyljunkie, der die präelektronische Ära eher so vom Hörensagen kennt und demnach im hohen Masse 12″sozialisiert ist, erkennt man dieses Medium in der Regel daran, dass zwei Platten in der Hülle stecken. Nicht so bei Oni.tor. Da gibt es zwar viel Musik, aber nur eine Platte. Ein Zwitterformat?

“Das ist komisch, dass die meisten Leute das so auffassen. Eigentlich haben wir das als LP Format für uns gelesen. Die Platten haben ja meistens so um die vierzig Minuten. Eigentlich ist das ja schon ziemlich lang für eine Ep. Vielleicht hat das damit zu tun, dass es meistens 6 Tracks sind. Am Anfang war klar, dass Ma Cherie for Painting und Solovjev keine Maxi-Dinger sind, und bei Hagedorn gabs die Überlegung, aber das war im Budget nicht drin. Das einzige Argument dagegen ist ja das Auflegen, dass Djs gerne Doppelvinyl haben, wobei da der Grad zwischen Abzocke und Klangberechtigung schmal ist. Manchmal wird da was so künstlich auf 2 Platten gezogen und da frage ich mich, wer braucht das wirklich.”
Oni.tor Produkte sind also obendrein noch fair gehandelt. Aber erwartet man ernsthaft etwas anderes von einem Bekannten, der so gute Platten empfiehlt?

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Elektronische Lebensaspekte.