2003 waren sie plötzlich da: Die Retrosneaker von Onitsuka Tiger. Nachdem sie jetzt, 50 Jahre nach Firmengründung, Klassikerstatus erreicht haben, überrascht Onitsuka mit einer aufwändigen Cultureclash-Kleiderlinie.
Text: jan joswig aus De:Bug 90

Zurückhaltende Klarsicht
Onitsuka Tiger

Sneaker in japanischem Design, das wäre die Krönung. Was transportiert mehr aufgeräumt hygienische Drahtigkeit als das klassische japanische Design. Tatami-Matten, unübertroffen. Diese Aura bräuchten auch deutsche Sneaker. Dann würden sie nicht mehr so aussehen, als hätte man den ersten Platz im Sportwettkampf nur aus verbissener Anstrengung erreicht, sondern in geradezu schlafwandlerischer Eleganz. Adidas setzt auf Yoshi Yamamoto, Puma auf Yasuhiro Mihara. Das ist wirkungsvoll. Aber es ist adaptiert aus der Ferne. Wie kühl überlegen muss erst ein Sneaker wirken, der seinen tiefsten Ursprung in Japan hat?
Auf diese bange Frage gab es 2003 in Europa die attraktive Antwort: Japans alteingesessene Sneaker-Marke Onitsuka Tiger platzte mit einem gigantischen Padauz in die allgemeine Retro-Welle. Die knöchelhohen Ringerstiefeletten mit hauchdünner Sohle und Mesh/Wildlederkombination in pastelligen Farben wie Hellblau/Mittelblau/Weiß oder Orange/Gelb setzten Onitsuka Tiger auf Platz eins der Hipster-Begehrlichkeiten – gut eine Saison, bevor Tarrantino Uma Thurmans Füße bei Kill Bill in gelbe Onitsukas steckte (ohne jegliche Productplacement-Absprache zwischen Tarrantino und Onitsuka, übrigens). Die wieder aufgelegten Schuhe der Marke, die 1949 von Kihachiro Onitsuka in Japan gegründet wurde, verkörperten passgenau die Vorstellung von japanisch schlafwandlerischer Eleganz. Der Mexiko 66 setzte sich mehr als 35 Jahre nach seiner Einführung endlich auch in Europa als Klassiker durch. Wenn jetzt noch anerkannt würde, dass der Onitsuka Corsair parallel zum Nike Cortez entwickelt wurde und mitnichten eine nachgereichte Kopie ist, wäre eigentlich alles erreicht und die Geschichte gerecht.
Aber darauf würde sich Onitsuka nie ausruhen. Das wäre ja piefig. Also starten sie im Herbst 2005 eine neue Kleiderkollektion, die der Welt das zurückgibt, was Onitsuka der Welt danken möchte. Unsere Schuhe sind in der Sportswear-Welt so beliebt, weil ihr japanisches Erbe offensichtlich ist? Dann entwerfen wir eine Kleiderlinie, die das westliche Sportswear-Erbe ernst nimmt, es aber mit japanischen Traditionen auflädt. Du denkst, du siehst einen gewöhnlichen Sportsblouson? Schau genau. Im Ton-in-Ton-Stoffmuster verbergen sich aufwändigste Intarsien und Applikationen. Das wird handgemacht, aber nicht rausgehängt, wie es das Geheimnis der japanisch schlafwandlerischen Eleganz seit der Kunst der Kimono-Stoffherstellung ist. Gereifte Slacker, die die Sorgfalt echter Schneiderkunst zu schätzen gelernt haben, aber ihr legeres Sportswear-Auftreten trotzdem nicht aufgeben wollen, sind ab Herbst 2005 alle Sorgen los. Wir haben Kevin Smiths “Clerks” geliebt, aber freiwillig bleibt in der Vorort-Hängernische niemand stecken. Die Onitsuka-Klamottenlinie rettet uns mit vollem Anstand daraus. Moralisch und ästhetisch überlegen dank japanisch zurückhaltender Klarsicht im Bambusdickicht der Eitelkeiten.

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Elektronische Lebensaspekte.