Die Geschichte der Musikindustrie in digitalen Zeiten ist durch ausdauerndes Versemmeln geprägt. Von der CD-Preisgestaltung über das Nichtkapieren des Internets bis hin zu den aktionistischen, im Resultat aber völlig belanglosen Kampagnen gegen die bösen Piraten. Und wie steht's um das Erfolgsmodell "iTunes Music Store"?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 79

Echtes Geld und digitale Musik / Wie jetzt?

Obwohl es seit vier Jahren als Branchen-Binsenweisheit gilt, dass die – damals noch fünf, heute vier – großen Player sich kluge neue Vertriebsmodelle im Netz ausdenken müssen, ist rein gar nichts passiert. Richten musste es wieder mal Apple, das seinen Namen wohl nicht ganz umsonst mit dem Beatles-Label teilt: Mit seinem “iTunes Music Store” verkauften der Computer-Hersteller 2003 erstmals wirklich massenhaft Musik im Netz und gab auch gleich das Geschäftsmodell für die nähere Zukunft vor: Der Betrieb von Download-Plattformen selbst bleibt auf absehbare Zeit eher unprofitabel, Gewinne entstehen über Umwege durch Hardware-Verkäufe oder Marketing-Effekte. Gleichzeitig kann die Musikindustrie allerdings den Großteil der Online-Umsätze als Lizenzgebühren einstreichen – ganz ohne Risiko und eigenes Zutun. Dass Universal, Sony/BMG, EMI und Warner dabei nicht sofort auf den Status von Kugelschreiber-Herstellern reduziert werden, auf deren Produkte Werbung aufgedruckt wird, haben sie eigentlich nur ihren üppigen Back-Katalogen zu verdanken.

Musik macht Brause cool
Der “iTunes Music Store” hat vor allem eins gezeigt: Der Preis, zu dem Nutzer bereit sind, Musik online zu erwerben, ist so niedrig, dass sich der Vertrieb nicht rechnet, weil die Lizenzgebühren bis zu 90 Prozent der Einnahmen ausmachen. Apple hat demnach trotz 30 Mio. verkauften Liedern mit seiner Download-Plattform keine Gewinne erzielt und auch wenn es gut läuft, kann das Geschäft höchstens ein Nullsummenspiel werden. Richtigen Profit macht Apple dagegen mit seinen “iPod”-Musik-Playern, deren Absatz durch den “iTunes-Store” ordentlich angekurbelt wird: Schon im dritten Quartal 2003 zeichnete der iPod für sieben Prozent des Konzern-Umsatzes verantwortlich. Logisch, dass da die übliche Konkurrenz in den Startlöchern steht: Hewlett Packard, Dell und selbstredend das notorische Microsoft haben angekündigt, das Geschäftsmodell zu kopieren und eigene Player mit den passenden Download-Services als Umsatzantrieb zu bringen. Aber auch der Brause- und Marketing-Chef Coca-Cola will in Internet-Musik machen, um noch mehr Blubber-Wasser zu verkaufen: Der Konzern bringt derzeit in Großbritannien ein eigenes kostenpflichtiges Angebot zum Herunterladen von Musik an den Start. Coca-Cola ist schon Sponsor der offiziellen britischen Charts und will nach dem Launch seines Download-Services auch noch Werbepartner der kommenden Download-Charts werden. Erzrivale Pepsi kooperiert unterdessen mit Apple: Jede dritte in den USA verkaufte Pepsi-Flasche soll ab Februar über einen aufgedruckten Code verfügen, der zu einem kostenlosen Download via “iTunes Music Store” berechtigt.

Dot-Com-Fantasien
Microsoft scheint der digitale Musik-Marketing-Mix sogar zu einer richtigen Dot-Com-Fantasie angeregt zu haben. Der Konzern will von dem erwarteten Boom vor allem als Infrastruktur-Anbieter profitieren und dafür zusammen mit Loudeye maßgeschneiderte, “schlüsselfertige” Musik-Shops anbieten, um den Anbietern den Einstieg zu erleichtern und die Kosten niedrig zu halten. Von Loudeye soll dabei die Infrastruktur kommen, Microsoft bringt seine Kopierschutztechnologie (DRM, Digital Rights Management) und seine Windows-Media-9-Plattform in die Kooperation ein. Der Service zielt explizit auf Kunden, die mit den Musik-Downloads selbst keine Gewinne, sondern weitergehende Marketingeffekte erzielen wollen. Als dickes und typisches Ende scheint ausgerechnet die Musikindustrie selbst der neuen Entwicklung noch naserümpfend skeptisch gegenüber zu stehen. So warnte Tim Renner, Deutschland-Chef von Universal Music, im Dezember noch vor einer Dominanz Apples im digitalisierten Musikgeschäft: Der Konzern sei im Moment ein Quasi-Monopolist und das macht Renner irgendwie Angst. Phonoline, die erste legale und gemeinsame Internet-Plattform aller Musikkonzerne in Deutschland, lässt sich bezeichnenderweise aber weiter Zeit mit ihrem Launch und soll jetzt zur CeBIT starten – darauf haben wir dann alle gewartet.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.