Die Wollmilchsau für Produzenten
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 123


Bis jetzt war es für Produzenten sehr schwierig, ihre Musik-Files übers Internet zu tauschen. Die Plattform Soundcloud springt nicht nur genau da ein, sondern animiert auch zur gegenseitigen Kommunikation. Weltweiter Produzenten-Talk auf höchstem Niveau über kleinste Sound-Einheiten. So sieht die Zukunft aus.

Die Macher von Soundcloud, einer der im Augenblick ambitioniertesten Musik2.0-Plattformen im Internet, sind in ihrer Liga so etwas wie die Posterboys der Szene oder die Superband unter den Netz-StartUps. Um Alex Ljung, Soundddesigner aus Stockholm und Begründer, scharen sich neben anderen Eric Wahlforss, der als Forss auf Sonar Kollektiv veröffentlichte, und Yanneck Salvo, der als Quarion im Drumpoet-Netzwerk gerade um den Globus reist, um die Seele in den Techno zurückzubringen. Entwickler Sean wiederum ist aus den USA.

Es ist also ein internationales Unternehmen, ansässig unter den Dächern des ehemaligen Postfuhramts an der Oranienburgerstraße in Berlin-Mitte, für eine so junge Firma prominent platziert. Gesprochen wird intern natürlich nur Englisch und es stellt sich die Frage, wieso man heute noch auf die Idee kommen mag, in Berlin ein StartUp zu gründen, wo selbst die australische Reisegruppe vor der Synagoge, einen Steinwurf entfernt, allesamt einen Umhänger tragen mit der Aufschrift: “Berlin, poor but sexy“.

Wowereits bierseliges Self-Statement zur Bundeshauptstadt hatte offensichtlich das Potential, sein urbanes Schäfchen auch international für Standardtouristen zu branden. Früher wurde zentral von hier aus unterirdisch die Rohrpostdistribution für Berlin bewerkstelligt. Soundcloud schicken anstatt Rohrpost Tracks in den Äther des Netzes. Hierbei geht es einerseits um die Vereinfachung des Austauschs von Tracks, aber auch um neue Kommunikationsformen über Musik selbst.


Soundcloud-Crew

Zielgruppe sind hier nicht wie bei MySpace oder Last.Fm die Fans, sondern die Musiker und die Produzenten selbst. Bei Soundcloud haben wir es nicht nur mit einem der slickesten Interfaces zu tun, sondern auch eventuell mit der bestklingenden Musikseite im Internet.

De:Bug: Ihr seid für Soundcloud von Stockholm nach Berlin gezogen, wieso ausgerechnet hier?

Alex: Erst mal wollten wir sicher gehen, dass die Sache keine rein schwedische Angelegenheit wird. Hätten wir es in Stockholm gemacht, wäre das auch unbewusst zu 90% schwedisch geworden. Der internationale Fokus war uns wichtig. Außerdem kommen wir fast alle aus der elektronischen Musik und daher lag der Umzug nach Berlin auf der Hand, da hier momentan einfach mehr passiert als anderswo. Eric war sowieso schon hier und vielleicht ist es einfach der beste Ort, um eine Webfirma zu gründen, auch wenn es extrem schwierig ist, hier DSL zu bekommen.

De:Bug: Was ist die Hauptidee hinter Soundcloud?

Eric: Eigentlich war es gar nicht als Geschäftsidee gedacht, aber eigene Tracks auszutauschen, war bis jetzt recht kompliziert. Entweder musste man sich durch Werbewüsten auf Seiten durchklicken oder YouSendIt-Links verschicken. Wir wollten es erst mal vereinfachen, Tracks privat auszutauschen, zu kommentieren, zu hören, sich darüber eine Meinungen zu bilden. Als das möglich wurde, wuchs es immer mehr zu einer Art Audio-Plattform mit verschiedenen Online-basierten Diensten. Jetzt kann auch der Vertrieb persönlich kontrolliert werden, ob du nun deinen Track an eine Person, Presse, viele Freunde auf einmal oder an mehrere Labels schicken willst.

De:Bug: Im Vergleich zu anderen 2.0-Plattformen für Musik … Wo seht ihr die Unterschiede?

Alex: Der Hauptunterschied ist der Fokus auf die Produzenten. Sie sollen die Seite bestimmen und nicht, wie bei Last.Fm, die Fans, die sich einloggen, um Musik zu hören.

Eric: Am ehesten lässt sich Soundcloud mit flickr vergleichen. Dort kannst du als Fotograf auch ein Masterfile hochladen, das auch mal bis zu 100MB groß sein kann. Da wollten wir keine Limitierungen vorschreiben. So soll auf Soundcloud auch ermöglicht werden, eine Original-Wavedatei zu Verfügung zu stellen, um über die gesamte Produktion reden zu können. Wenn es einmal auf der Seite ist, dann ist es für jegliche Kommunikation zugänglich. Nicht wie bei konventionellen Plattformen, wo ein trashiges MP3 hochgeladen wird und du nicht weißt, was damit passiert, es häufig schwierige rechtliche Situationen sind, mit denen du konfrontiert bist, und du selber als Produzent die Kontrolle darüber nicht mehr hast. Hier hast du dein eigenes Forum, um deine Musik fokussiert zu vertreiben und zu schauen, was die Leute davon halten, Kontakt und Feedback inklusive.

Alex: Bei YouSendIt oder vergleichbaren Anbietern ist es die Fire-and-forget-Haltung, es hat nichts konkret mit Musik zu tun. Da herrscht eine Verbindung zu Dateien, wir wollten hingegen einen Bezug zu Musik schaffen.


Soundcloud-Office-Party

De:Bug: Neben dem brillanten Klang ist eine Besonderheit, dass bei euch Wellenformen in der Timeline kommentiert werden können. Habt ihr die Erfahrung gemacht, dass diese Funktion Pre-Masters oder Rough-Mixe konstruktiv beeinflusst hat?

Eric: Ich habe bei den Tracks, die ich privat gesharet habe, gute Erfahrungen gemacht. Vor kurzem hatte ich Fragen zu einem Jazzchord und dann bekommst du Ratschläge aus San Francisco, Göteborg oder Tokyo. Die Leute sagen dir, was du zu verbessern hast, um den Track harmonisch abzustimmen. Sonst hatte man immer den ewig langen E-Mail-Verkehr, und du weißt nach einer Zeit nicht mehr, wer was gesagt hat.

Alex: Vor allem weiß man anhand dessen auch, welche Stellen gemeint sind, sonst hattest du einen langen Thread an Kommentaren ohne jeglichen Bezug zur Musik. Jetzt siehst du die Leute sich darüber unterhalten, wie z.B. eine einzelne HiHat klingt. Und selbst ein “Yeah!“ ist hier weitaus konkreter als bei YouTube, da es auf eine bestimmte Stelle verweist.

De:Bug: Warum seid ihr noch immer in der geschlossenen Beta-Phase?

Alex: Wir wollten sicherstellen, dass wir eine qualitativ hochwertige Basis schaffen. Wir werden die Seite in Zukunft aber ein bisschen mehr öffnen.

De:Bug: Wie ist dann das Verhältnis zwischen denen, die aktiv als Produzenten partizipieren, und “normalen“ Musikfans?

Sean: Ungefähr 36% haben bislang aktiv Tracks hochgeladen. Der Rest können auch Labels, Journalisten oder passive Teilnehmer wie z.B. Richie Hawtin sein.


Soundcloud-Office-Party

De:Bug: Wenn ihr schon Richie Hawtin nennt, welche bekannten Produzenten sind denn besonders aktiv und nutzen Soundcloud regelmäßig?

Alex: Wie bei Richie oder auch Dixon haben wir einige Namen, die aber nicht unbedingt etwas hochgeladen haben, bzw. nur kommentieren …

Eric: Howie B ist seit einiger Zeit dabei und der ist wirklich sehr aktiv. Christian Prommer, Crowdpleaser, Fabrice Lig, A Guy Called Gerald, Peter Kruder, aber auch Deetron oder Luke Solomon haben Tracks hochgeladen und nutzen unsere Plattform aktiver.

Alex: Größere Namen wären da wohl Louie Vega oder aber Dimitri from Paris.

Eric: Michelle Owen hatte mal einen Mix bei uns und Yanneck (Quarion) hatte den irgendwann entdeckt und einen Kommentar hinterlegt. Der Mix war bereits eine Woche online, aber auf einmal wurde der Mix in zwei Stunden fast 100 mal gehört und wie wild kommentiert und da waren all die bekannten DJs und Produzenten dabei. Das war wirklich cool. So haben wir es uns erhofft. Mit all den gleichgesinnten Leuten kommunizieren zu können und so prominentes und renommiertes Feedback zu erhalten. Der Schneeballeffekt war beeindruckend.

De:Bug: Werdet ihr dann so eure eigenen Hits generieren?

Sean: Wir sind dran, Tracks nach Bedarf auch für Traktor oder andere Software direkt kompatibel zu machen, wir wollen auch PlugIns anbieten, wo du aus deinem Sequenzer heraus Tracks auf Soundcloud hochladen kannst oder vice versa. Wir wollen auf jeden Fall, dass DJs auf der Seite auf Tracks stoßen und am Abend im Club mixen und auflegen.

Eric: Wichtig ist, die volle Kontrolle des Produzenten über seine Tracks sicherzustellen. Aber so kann natürlich ein DJ seine Tracks viel besser bei anderen befreundeten DJs promoten.

Alex: Irgendwann werden wir hoffentlich eine Art MIDI für das Web hinbekommen, so dass auch einzelne Spuren getauscht werden können.

Eric: Der Vorteil ist, dass wir mit den ganzen Producern reden können und schauen können, was für Ideen und Bedürfnisse sie haben, und im Umkehrschluss so gut es geht darauf einzugehen.

De:Bug: Klingt ja so, als würde der kollaborative Ansatz auch dazu führen, kollektiv Tracks zu basteln. Wie sieht es da mit dem einzelnen Künstler und seiner Autorschaft aus?

Eric: Wir respektieren grundsätzlich den Künstler und seine Produktionen. Wie gesagt, es kann jeder entscheiden, was mit seiner Musik passieren soll, aber da könnten bestimmt andere Levels erreicht werden. Eine Art von Multitrack könnten wir uns schon sehr gut vorstellen. Es gab Leute, die nur eine Bassline hochgeladen haben, um über die zu diskutieren.

Alex: Die User gehen sehr detailliert an die Tracks ran und Kollaboration ist durchaus eine Sache, die von einigen Teilnehmern angestrebt wird. Es hat ja jeder Produzent seine individuelle Herangehensweise an das Musikmachen, aber mit einem Online-basierten Konsens würden sich da viele Möglichkeiten offenbaren.

De:Bug: Ihr seid ja offenbar Visionäre. In welche Richtung geht die ganze Musikgeschichte denn weiter?

Eric: Ich finde es ausgesprochen schade, dass das Prinzip, MP3s zu verkaufen, noch immer als primärer und notwendiger Ansatz gesehen wird. Es ist ein veraltetes Konzept und große Mobile-Firmen geben Millionen dafür aus, Musik zu lizenzieren. Das Geld wäre in fortschrittliche Projekte weitaus besser investiert. Es ist nichts Verwerfliches darin zu sehen, Musik frei zugänglich zu machen.

Sean: Wir sehen auch, dass selbst die Festplatte immer mehr durch eine Art Online-Harddrive ersetzt wird. Der Zugang ist ja jetzt schon weitaus wichtiger als das Bevorraten von Dateien. Da müssen wir natürlich auch mit Soundcloud schauen, Lösungsansätze zu liefern. Vor allem sehen wir, dass die Timeline sich verändert, in der Musik gemacht wird, der Weg vom Konzept hin zur Realisierung entwickelt sich in eine andere Richtung als es bislang der Fall gewesen ist, das wird auch die Produktionen beeinflussen.
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Elektronische Lebensaspekte.

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