Der Spielfilm "On_Line" von Jed Weintraub dramatisiert nicht nur die Eigenarten von Sex vor Webcams, er versucht gleichzeitig dessen spezifische Ästhetik eins zu eins umzusetzen und den Kinozuschauer so zum Desktopvoyeur zu machen.
Text: verena dauerer aus De:Bug 58

Der New Yorker Jed Weintrob saß bisher arbeitstechnisch zwischen Konsole und Fernsehsessel. Als Atari-Kid mit eigener Firma stellte er Videospiele mit integrierten Filmen bzw. Filme mit passenden Unterhaltungssites her. Die Schnittstelle von Technologie und menschlichen Beziehungen reizte ihn schließlich für einen Feature-Film. Seine Komödie “On_line” streift die Themen Sex im Internet, Exhibitionismus/Voyeurismus und Cyber Communities. Aber auch stilistisch orientiert sich der Film an der Schnittstelle und ist in der Ästhetik einer Desktop Oberfläche gefilmt: haufenweise Bilder von Webcams und Schauspielern, deren Körper oft nur im Browserfenster zu sehen sind. “Wann immer es eine neue Technologie gibt, loten wir offensichtlich ihren sexuellen Gehalt aus, wie man an der Popularität der Webcams sehen kann. Hier war die Frage: Wie fühlt es sich an, im Netz zu sein? Einerseits sollen sich Computer-Screen und Filmleinwand miteinander verbinden und andererseits der Zuschauer das Gefühl des Online- und Voyeur-Seins haben, indem wir ihm mit Split Screens mehrere Bilder zur Auswahl geben”, sagt Weintrob. Zugang soll der Zuschauer über eine mainstreamkompatible Komödie finden und nicht einen düsteren Kunstfilm über kontaktgestörte Surf-Junkies vorgesetzt bekommen, wie er sagt.
Die Story ist einfach gestrickt und handelt von einsamen Menschen in New York, die Anschluss suchen: John (Josh Hamilton), verlassen von seiner Verlobten, verkriecht sich vor dem PC und guckt fortan einem Camgirl namens Angel ins Schlafzimmer. Mit seinem Kumpel Moe gründet er die Sex-Website “Intercon-X”, bei der sich die Kunden zu erotischen Video-Chat-Sessions mit heimischen Sexarbeitern, also College Girls, Männern oder Hausfrauen einloggen und einen Strip, Masturbation oder ähnliches vor der Wohnzimmerpalme hingelegt bekommen. John wagt sich an ein echtes Date mit seiner Sexarbeiterin Jordan, die gleich bei Moe landet. Der anschließende Beziehungsknatsch wird mit Moes Freundin über diverse Chatrooms bis hin zu einer Selbstmord-Website ausgetragen. Dann ist da noch Al, einsamer schwuler Sexarbeiter und einziger Anlaufpunkt für den verzweifelten Jungen Ed aus der Pampa.
Als Vorlage für die Charaktere verwurstete Weintrob seine Netzerfahrungen der letzten Jahre: “Die Figur des älteren Sexarbeiters Al basiert auf einem New Yorker Freund. Nach einer gescheiterten Beziehung trieb er sich nur noch in Video-Chatrooms herum. Dort traf er einen Typ, sie mailten sich und hatten am Schluss Sex über ihre Webcams, d.h., es lief aufs Masturbieren raus. Danach haben sie erst miteinander telefoniert und er lud ihn zu sich ein. Als der vor seiner Tür stand, hatte er ihn schon an seinen Schritten erkannt, wie er sagte, denn er schien ihn so gut zu kennen, physisch.”
Außergewöhnlich ist bei “On_line” vor allem die Darstellung der Beziehungen übers Web und dem Web-Sex, denn der Film passt sich deren Modalitäten in seinem Making-of an, d.h. die Umgebung wird nachgestellt. Jed erzählt: “Bei allen Szenen, in denen die Figuren miteinander über Webcams reden, verteilten wir die Schauspieler auf zwei Apartments, die wir über ein lokales Netzwerk verbanden und damit eine Internet-Umgebung kreierten. Im einen war die Filmcrew, im anderen waren ein paar festinstallierte Kameras. Die Dialoge wurden nacheinander aus der Sicht beider Personen mit zwei Webcams und vier DV-Kameras gefilmt. Das machte es ziemlich komplex.” Schon das Casting geschah via Webcam. So forstete Weintrob für die Darstellerin der Angel die Seiten von Camgirls ab, schließlich basierte die Figur lose auf Jennifer Ringley, der Jennicam.org. Er fand die Seite eines Mädchens aus Ohio und hielt mit ihr die Audition über Webcam ab. Als später nach dem Dreh zusätzliches Material gebraucht wurde, mailte sie ihm einfach ein von ihr mit der Webcam aufgenommenes File zu.
Eine Übertragung des Themas auf die Produktionsweise und Ästhetik von “On_Line” liegt da offensichtlich vor den Füßen. Schließlich stellt Jed den Kommunikationsalltag übers Web in einem Medium nach, das eine Weile schon den veränderten Lifestyle gerne authentisch reflektieren möchte. Der Film tut sich aber wegen seiner effektheischenden Konventionen etwas schwer.

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Elektronische Lebensaspekte.