Japan Noise ist eigentlich nur was für Leute, die von kindischem Anarchohumor und einer moralischen Verpflichtung gegenüber Kakophonien getrieben werden. Aber mit ihrem Projekt ooioo geht Boredoms- und Psychobaba-Musikerin Yoshimi in psychedelische Improv-Verpeilungen, die sogar Testosteron-selbstbewusste Proletarierbühnen in England zum Schmelzen bringen - und unseren Autor an die Pforte des magischen Unterbewussten.
Text: Paul Paulun aus De:Bug 83

Indietronics

High auf O2
ooioo

In den wenigen Stunden Schlaf vor dem frühmorgendlichen Abflug zum ATP-Festival in Sussex, wo das Interview mit der japanischen Band ooioo stattfinden sollte, sah ich mich mit der merkwürdigen Erkenntnis konfrontiert, dass Yoshimi, die Bandleaderin, Sängerin und Multiinstrumentalistin, ansonsten ja nicht nur bei den Boredoms trommelt, sondern auch noch bei Melt Banana singt. Heh? Als ich den vier Damen von ooioo später von diesem Traum erzähle, müssen sie erst einmal herzlich lachen, denn außer, dass beide Bands aus Japan kommen, gibt es natürlich kaum Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Im Gegensatz zu Melt Bananas Hochgeschwindigkeitsorgien geht es ooioo eher um einen besonderen Umgang mit Melodien und Strangeness und spezielle Ausweitungen davon. Allein die Präzision, mit der beide mittlerweile an ihre Musik herangehen, verbindet sie.

Members & Guests

ooioo ist ein Projekt von Yoshimi P-we, die neben den Boredoms, oder besser V?rdoms (… die Geschichte mit dem Stylus und den beiden Platten, die eine andere ist als diese hier …) eben nicht bei Melt Banana, sondern bei Psychobaba spielt. Dort gilt es, indischen traditionellen Wurzeln nachzuspüren und Sitar- und Tablaspiel mit der eigenen Geschichte zu verknüpfen. ooioo ist dagegen komplexer und diverser, was nicht zuletzt daran liegt, dass Yoshimi das einzige ständige Mitglied ist. Was 1996 zunächst als Fakeband für ein Fotoshooting begann, fand seinen musikalischen Anfang, als sie in dieser Konstellation auf einmal begannen, Instrumente zu spielen, die zumindest Yoshimis Freundinnen bis dahin nur vom Hören und Sehen kannten. Das Ergebnis erinnerte manchen eigenartigerweise – oder folgerichtig – an eine frühe Scheibe von “The Fall”. Yoshimi mag allerdings keine Wiederholungen und daher findet sich für jeden Release auch ein neues soziales Gefüge zusammen. Eine Maßnahme, mit der sie ihren eigenen persönlichen Veränderungen adäquat begegnen möchte und die zudem ständig für neue Herausforderungen sorgt. Kriterium für eine befristete Mitgliedschaft ist neben der Grundvoraussetzung “Frau”, dass etwas “klick” macht bei Yoshimi. Manchmal kann das schon allein das Outfit sein oder die Art, wie eine ihr Instrument spielt. Im Gegensatz zur hiesigen Musiklandschaft ist es in Japan nicht ungewöhnlich, wenn Frauen Musik machen. Kayan, die Gitarristin der aktuellen CD “kilakilakila” spielte beispielsweise schon in fünf anderen Bands und legt nebenbei auch noch auf. Außer der temporären Mitgliedschaft gibt es noch eine flüchtigere Form der Teilnahme am Projekt ooioo – und zwar als Gast. Gäste werden eingeladen, wenn man sich bei einem Stück von einer bestimmten Person eine zusätzliche Komponente verspricht – bei Konzerten spielen sie allerdings nicht mit.

1-2-3-4

Obwohl ihnen das Zusammenspielen wichtig ist, sind Auftritte von ooioo ein rares Gut. Neben dem obersten Gebot der Routinevermeidung und den vielen anderen Aktivitäten von Yoshimi und ihren Gespielinnen liegt das auch daran, dass ihnen intensives Touren zu anstrengend ist. Jeder Gig soll etwas Besonderes haben, den Kontakt zum Publikum eingeschlossen. Die große Bühne der 2000-Leute-Halle dieses in den 60er Jahren für die englische Arbeiterklasse konzipierten Ferienressorts an der Küste von Sussex ist dafür sicherlich nicht der ideale Ort, dennoch macht die spielerische Art, mit der sie sich aufeinander einlassen und miteinander umgehen, allen Beteiligten großen Spaß. Ayas Bassspiel erinnert an das hingebungsvolle Zupfen einer Harfe und auch Yuka Yoshimuras Trommeln und das, was Kayan an der Gitarre macht, sind weit entfernt vom üblicherweise testosterongeschwängerten Umgang mit diesen Instrumenten. Was nicht heißt, dass hier Kuschelrock produziert würde. Vielmehr entwickelt sich eine eigenartige Mischung aus gelegentlich improvisiert wirkenden, leicht psychedelischen Klängen mit vereinzelten jazzigen Anleihen, die immer wieder von Melodien aufgefangen und getragen werden. Das Nebeneinander dieser Elemente lässt genau den Grad an Reibung entstehen, der Schönheit erst möglich macht. Über das Kitschlevel dieser Konstrukte lässt sich sicherlich genauso streiten wie über die These, dass ooioo wie Bongwater ohne Bong klingen. Ihre Musik ist jedenfalls frisch wie ein Bach in den Bergen, wo man ohnehin high auf Sauerstoff und Höhenmetern ist. Auf die besondere Qualität einer Band nur aus Frauen angesprochen, hält Yoshimi den Ball flach. In all ihre Projekte fließt ein anderer Teil ihrer Persönlichkeit ein. Das sei bei ooioo nicht anders als etwa bei einer Zusammenarbeit mit Jim O’Rourke oder Kim Gordon, bei der für sie auch nicht das Aufeinandertreffen östlicher und westlicher Kultur im Zentrum stehe, sondern das Miteinander unterschiedlicher Persönlichkeiten. Präzisieren mag sie das nicht weiter. Wozu auch? Wir haben ja schließlich Ohren.

Earth, Wind & Fire

Im Gegensatz zu den rougheren Liveversionen der Stücke des aktuellen Albums “kilakilakila” wirken die Aufnahmen der CD ziemlich reif und fast schon komponiert – ganz so entspannt, als wäre da jemand in einem neuen Lebensabschnitt angekommen, der sich richtig gut anfühlt. Beim Hören habe ich mich einmal bei dem Gedanken ertappt, dass ein Familienleben mit Kindern schön wäre und nichts, wovor man sich fürchten müsse. Bislang befremdliche Gedanken aus einem Paralleluniversum. Umso überraschender, dass Yoshimi während der Aufnahmen und dem Mixen des Albums tatsächlich schwanger war und einem Familienleben nunmehr freudig entgegensieht. ooioo ermöglichen Begegnungen unter einem extrem weiten Horizont: Stücke, deren stellenweise sehr private Passagen sich mit expressiven Eskapaden abwechseln, die einem förmlich ins Gesicht springen und schaudern lassen, aber vielleicht erst in der Zukunft ihren Weg zum Herzen finden. Musik, die einem das Gefühl gibt, zum Medium werden zu können und den toten Augen der Umgebung quasi reikimäßig mit einer entgegengesetzten Energie zu begegnen. Ein Gemisch aus Hawaiianisch und Japanisch, Trompete, Kaosspad und Tablas. – Wo kommt das eigentlich alles her? Yellow Magic Orchestra? Ryuichi Sakamoto? Zu selbstverständlich, wenn man in Japan aufwächst. Hanatarashi? Auch schon viel zu lange her … Nein, “Earth, Wind and Fire” müssen als Inspirationsquelle herhalten. Und nicht nur diese Elemente, auch Getiersgetue wie das Blöken von Schafen oder Froschquaken werden von den Damen Musikerinnen als Erklärungsmodell herbeizitiert. Hm, unweigerlich fühlt man sich an Wolfgang Müllers Versuch erinnert, einem anderen, großen Psychedeliker nachzuspüren, als er in Norwegen die Gesänge von Staren aufnahm, die ihn an Kurt Schwitters Ursonate erinnerten.

Space is the Place

Die erste Begegnung mit der Musik von “kilakilakila” hatte ich eigenartigerweise auf einem großen Flughafen und plötzlich machte sich ein richtig kleines Reisefieber breit. Solide Endorphinausschüttung sorgte für eine positive Grundstimmung kurz vor diesem In-eine-neue-Situation-Katapultiertwerden: “I’m so fly!” Daran gekoppelt die unvermeidliche Frage, wie es wohl wäre, wenn das jetzt alle hören würden und was für Musik an bestimmten Orten eigentlich eine okaye Grundstimmung erzeugen könnte. An welchen Orten empfinden ooioo selbst ihre Musik wohl als gut aufgehoben? Yoshimi sieht die Musik ihrer Band nicht unbedingt als eine für private Orte, sondern glaubt sie in der Öffentlichkeit ganz gut aufgehoben. Bei ihrer Rückkehr nach Japan steht denn auch als nächstes Projekt die Gestaltung von Fahrstuhlmusik für ein französisches Regierungsbüro an. Da ist wohl jemand tatsächlich angekommen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.