Text: pit schulz aus De:Bug 26

Helden des Wissens: Der Gitarrist und der DJ Versucht man dem Urheberrecht in der elektronischen Musik auf die Spur zu kommen, dann kommt man heute an der Figur des Diskjockeys nicht vorbei. Ihm an die Seite soll hier versuchsweise sein historischer Vorgänger gestellt werden: der Gitarrist. Sowohl der DJ wie auch der Gitarrist sind mit den Regeln von Klang-Kreisläufen befasst. Was dem Gitarrenheld Gitarre und Verstärker waren, sind dem DJ der Plattenteller und das Soundsystem. Beiden geht es darum, das Publikum mit Hilfe ihrer Instrumente zu ver- und entführen und zu einer Masse aus Gleichen zu machen. Ob im Rockkonzert oder auf dem Tanzboden: Ziel ist das Erreichen von Extasen. Die Zugriffsform ist dabei nicht die Esoterik erlesener Codes, sondern die Open Source öffentlicher Massendarbietungen. Ohne Community kein Priester, ohne Party kein Pop, ohne Folklore keine elektronische Musik. Der Unterschied zwischen Gitarrist und DJ ist, dass sie verschiedenartige Ströme modulieren, weshalb sich ihre Performanzen grundlegend unterscheiden. Der Gitarrist ist ein Held der Energie, er reitet auf den Feedbacks und kitzelt virtuos die Elektro-Gitarre. In seinen Soli meistert er die Elektrizität als symbolischen Träger von Sex und industrialisierter Kraft. Dem Gitarristen beigestellt sind der Motor, die Geschwindigkeit und – klischeehaft – das Motorradfahren (“Born to be Wild”). Seine Macht liegt im “Gewusst wie”, welches ihn genau an der richtigen Stelle den richtigen Ton spielen lässt. Der Gitarrist ist zwar nicht unbedingt der Urheber seiner eigenen Musik, aber er ist ein begnadeter Musikant, der viele Spielarten im Schlaf beherrscht. Es sind seine Spielweise und sein Klang, die ihn zu einem grossen Einzelnen machen. Der DJ ist ein Held der Information, er bewegt sich im Reich der Überproduktion und Datenflut. Kennerhaft folgt er den Strömen mutierender Spielarten. Der DJ ist ein Gitarrist dritter Ordnung, denn er spielt mit den Tonträgern, nicht mit den Tongeneratoren. Introvertiert selektiert er aus der erschreckenden Fülle der Releases. Seine Macht besteht in dem Wissen, das ihn die richtige Platte auflegen lässt. Der DJ ist ein Produkt der Symbiose von Plattenindustrie und Plattenkritik, er nimmt Stellung durch die Art seiner Wahl. Während der Gitarrist der Direktheit der elektrifizierten Produktion huldigt, ist jeder DJ ein fortgeschrittener Konsument und Plattensammler. Er selektiert die Produktionen und tritt somit in das Feld der Dienstleistung ein. Im Feedback-Kreislauf von Tonrille, Nadel, Plattenspieler, Mixer, Soundsystem und Crowd wird der DJ zum heidnischen Hohepriester, der Spannungsbögen, Intensitäten, Körper, Frequenzen und Rhythmen organisiert. Der Code ist hierbei energetisch-körperlich: Der DJ entlockt den Tonträgern immer wieder aufs Neue ihre aufgespeicherte Energie und reizt so unsere Psychomotorik. Der Prozess ist transparent, alles ist sichtbar und exponiert. Rätselhaft bleiben lediglich die Fülle des Archivs und die Unendlichkeit der Kombinationsmöglichkeiten. Der DJ entkam der Informationsflut im Plattengeschäft, jedoch nicht um ein grosser Autor, sondern um ein grosser einzelner Produzent-Konsument zu werden: Indem er Unterschiede macht und Informationen in der Linearität des DJ-Sets immer wieder neu verkettet, erschafft er seinen eigenen unverkennbaren Klang. 12″es für Schumi! Als Bindeglied zwischen bestehender analoger und entstehender digitaler Populärkultur bildet der DJ den Übergang von Tonträgertum zum trägerunabhängigen Datenfluss. Der DJ fokussiert das Wissen von den richtigen Track-Lists und Übergängen. So entsteht ein spezialisierter Plattenmarkt, der eigentlich nur noch DJs als Käufer kennt, ob nun angehende, in Clubs auflegende oder im Bedroom praktizierende. Der Grossteil der Konsumenten ist dankbar, die Platten nicht nur nicht kaufen, sondern auch nicht kennen zu müssen, und bezahlt den DJ genau für diese Filterleistung. Der DJ ordnet das Archiv, von dem “wir Raver und Clubber” gar nichts wissen wollen. Wir merken uns allerhöchstens die Namen der DJs. Das zentrale Medium elektronischer Musik ist somit nicht die Platte (oder das Radio und MTV), sondern der Club beziehungsweise der Rave. Und aus genau diesem Grund werden sie zelebriert. Manchmal wird ein DJ auch zum Produzenten oder zum Remixer. Selten wird er zum Urheber, da es immer schon jemanden gibt, der bereits etwas Ähnliches gemacht hat. Wie beim volkstümlichen Musikantentum ist es der DJ, der die beliebten Rhythmen, Themen, Sounds und Tracks gut zu interpretieren, selektieren, reproduzieren, remixen und imitieren weiss. Die 12” ist hierbei ein Instrument der Verlangsamung einer überbordenen Musizierkraft, also weniger ein Aufschreibesystem als vielmehr ein Bremsapparat, mit dem die sonst ins Leere laufende Release-Lawine kontrolliert werden kann. Denn elektronische Tanzmusik hat die Eigenart, sich auch ohne Archivierungs- und Notationssysteme auszubreiten. Wie anderes populäres Wissen verbreitet sie sich ausserhalb intellektueller Eigentumsverhältnisse. Das heisst nicht, dass sich dieses Wissen der Kommerzialisierung kategorisch widersetzt, es ändert sich nur zu schnell und in zu feinen Abstufungen, um in all seinen Aspekten in Geldwert umrechenbar zu sein. An den Schnittstellen existieren darum Stationen wie beispielsweise der Club, in denen dann über Bierverkauf und Eintritt die DJs und deren Plattensammlungen finanziert werden. Mythen in DJ-Taschen Die Ökonomie elektronischer Musik ist geheimnisvoll, ein Grossteil der kleinen Platten-Labels scheint nur zu existieren, damit eine bestimmte Anzahl von Kopien in Umlauf kommt und bestimmte zentrale Namen weiter zirkulieren. Andere Labels reinvestieren ständig in neue Projekte, halten die Zahl der Veröffentlichungen hoch und treiben so die allgemeine Spezialisierung voran. Hinzu kommt ein internationales Netz von Distributoren und Plattenläden: Ein von Selbstreferenz gesättigter Markt, der sich merkwürdigerweise um ein um ein altes und vergleichsweise teures Medium, das Vinyl, dreht. Die gegenwärtig sichtbare Inflation der DJ-Kultur (DJ-Taschen, DJ-Akademien, DJ-Food) steht in direktem Zusammenhang mit der konservatistischen Pflege der verwendeten Instrumente. Der DJ – der Gitarrist der 90er? Es wäre zu einfach, alles auf technische Standards zurückzubiegen. Wo sind die DJs, die ihre Plattensammlung im handlichen Laptop mitschleppen? Wo sind die Labels, die ihre Releases nur noch digital anbieten und dadurch Distribution und Plattenpressen einsparen ? Wo sind die Clubs, die sich zu virtuellen Plattenabhörstationen erweitern? Das grosse Rennen Richtung Netzaudio kann nur schwerlich verbergen, dass es im Internet nichts Vergleichbares zur sogenannten Technokultur und ihren Vernetzungen von Plattenfirmen, DJs und Clubs gibt. Die Mythen, die sich um die Geburt des DJs ranken (Pariser Jazzkeller, Disco, Gay Community etc.), geben Hinweise darauf, dass es mehr braucht als blosse Technik. Manche beklagen, das Netz als solches habe bisher keinen einzigen DJ hervorgebracht, was angeblich daran läge, dass das Netz bisher keinen Raum für soziale Kämpfe biete. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass irgendwo das Internet-MTV bereits existiert, aber zum Glück noch als unansehnliche Website dahinschlummert. Nichtsdestotrotz hat DJ-Kultur mit dem alten Medium der Vinyl-Platte in Ansätzen das vorweggenommen, was mit dem Internet musikalisch möglich wäre. Wo bitte geht es zu Open Music? Analog zu Linux könnte sich ein Musiksystem etablieren, das auf freien Quellen basiert. Die Audio-Information entspräche den Binaries, die Notation zur Ansteuerung der Geräte entspräche dem Source-Code. Jeder, der Musikstücke weiterentwickelt, wäre verpflichtet, seine “Produktionsunterlagen” wiederum frei verfügbar zu machen. Das könnten sein: Multitrack-Informationen der Tonstudios, Midi- oder Mod-Files mit mitgelieferten Instrumentensamples, Tracks mit einer Anleitung, wie man diesen Track produziert hat, Rebirth-Dateien, Acid-Samples etc. etc. Tatsächlich gibt es das alles, dennoch hat sich gerade mal eine “Undergrundkultur” darum herum entwickelt (siehe Trackerscene). Im Gespräch bringen Musiker und DJs immer wieder zum Ausdruck, dass die Musik selbst bereits Open Source sei. Jeder könne ja die Sounds und Patterns heraushören, auf der anderen Seite versuche jeder, anders zu klingen als alle anderen. Es scheint so, als ob die meisten Kopiervorgänge immer noch über das Ohr und damit zwar eher unbewusst aber nicht weniger effektiv verlaufen. Die von Atom Heart unterstützte Initiative MACOS, die sich für freie Kopierbarkeit von Samples einsetzt, und kleinere Initiativen wie “Free Music” oder “GNUSIC”, bleiben Ausnahmen und sind möglicherweise wenig erfolgsversprechend. Der gigantische MP3-Hype kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich meistens um nicht-kommerzielle Releases von Sachen, die einfach keinen anderen Vertrieb gefunden haben, oder um so genannte Piraterie handelt. Letztere setzt aber voraus, dass die Leute genug Zeit haben,sich all diese Stücke downzuloaden und anzuhören. Was knapp ist, sind ja nicht die Tonträger, sondern die Zeit und das Wissen der potientellen Benutzer. Was heute Piraterie genannt wird, kann morgen unter anderem Namen Geld einbringen. Das Besondere ist, dass es so extrem einfach ist, Musik zu produzieren und zu distribuieren, so dass Urheberschaft letztenendes so relevant wird wie die Farbe des Plattencovers. Die Beantwortung der Frage, wie sich Qualität definiert und wie sich diese Defintion etabliert, sollte dabei nicht den Marketing-Abteilungen überlassen werden. Dem Tonträger leise “Servus” sagen Dabei ist die Zeitersparnis ebenso bezahlenswert wie das urheberrechtlich geschützte Produkt. Es fragt sich, ob man Leute nicht gar für das Anhören von Musik bezahlen müsste oder – wie beim Interface-Radio in London – DJs Netcasting-Zeit mieten sollten. Vor allem aber ändern sich beim Verlust der Tonträgerherrschaft jene Instanzen, die als Zwischenhändler auftreten und den Grossteil der Gewinne einstreichen. Vielleicht bedürfte es eines Umdenkens der Urheberrechtsinhaber selbst. Sie könnten einen Teil ihrer Produktion in die Public Domain geben, damit die Files ungehinderter zirkulieren und die Stile sich weiterentwickeln können. Das könnte sich wiederum inspirierend auf die eigene Produktion auswirken. Interessant scheint jedenfalls ein Ansatz, der dem Modell Tonträger selbst “Servus” sagt und sich anderen, ausserhalb des Netzes liegenden Formaten zuwendet. Raus aus dem Plattenladen, rein ins Filtersystem Club, Netz und Radio sind die Bestandteile eines Modells, das den Plattenladen als Kauf- und Objektbasiertes System erweitern könnte. Was bezahlt wird, ist nicht bloss die Musik, die man hört, sondern auch das Wissen derjenigen, die das aussortieren, was man nicht hören will. Ausserdem geht es um ein gemeinsames Erleben von Zeit und Ort in einem Filter-System von Live-Datenströmen. Nicht jeder will ein DJ werden!

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Elektronische Lebensaspekte.