Die mobile-Welt öffnet sich dem OpenSource. Den Global Playern schmeckt der globale Gedanke allerdings nicht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 125


Open Mobile: Das zweite Jahr

In der Welt mobiler Software passieren merkwürdige Dinge, denn wo seit Handy-Gedenken proprietäre Unsitten herrschten, drängt es heute alte und neue Player zu irgendwie offenen Systemen. Gleichzeitig trauen Nokia, Google und Apple richtigem OpenSource natürlich nicht über den Weg.

Geben wir es zu, im Netz würde ohne OpenSource gar nichts laufen. Vom Webserver über die unerbittliche Lernquelle des Sourcecodes von Webseiten, von all den Programmiersprachen, freien Datenbanken bis hin zur Netzneutralität (erweitertes Konzept von Offenheit) brauchen wir offene Standards und Schnittstellen, Software und die Vernichtung von Softwarepatenten im Netz, wie wir in der realen Gegenwelt die Luft zum Atmen brauchen. Es ist noch nicht allzu lange her, da war die Befürchtung groß, dass mit dem Einstieg der Handys ins Netz ein großer Backlash einhergehen würde. Die komplette Mobile-Industrie war lange Zeit so durchseucht von proprietären Maßnahmen auf jeder Ebene, dass jegliche Hoffnung auf einen auch nur halbwegs offenen Markt mobiler Endgeräte eigentlich eher ein Witz war. Inkompatibilität der Peripherie, eigene Steckerchen für jeden erdenklichen Anschluss, freiwillige Selbstverstümmelung von Protokollen auf Herstellerebene, zusätzliche Verkrüppelung durch Provider-“Branding”. Die Liste ist endlos. Wären Mobiles Menschen, dann wäre ihr Sozialsystem ein dichtes Geflecht aus Diskriminierung, Hate Speech, Vergewaltigung, Willkür, Zwangswegsperrung und Polizeistaat, das den dunkelsten menschlichen Greueltaten durchaus das Wasser reichen könnte. Doch langsam, nicht zuletzt durch den Einzug des Netzes auf mobile Engeräte bewegt sich etwas in der freien Mobilfunkmarktwirtschaft, die man vor kurzem eigentlich lieber als Zwangsneurose bezeichnet hätte.

Mobiler Wettbewerb
Nachdem im Computermarkt – zumindest im Privatbereich – mehr oder weniger nur noch drei Betriebssysteme miteinander konkurrieren – nach wie vor völlig von Windows dominiert –, gibt es auf Handys glücklicherweise etwas mehr. Mit Symbian (mit den GUIs S60 und UIQ), OS X (der iPhone-Variante), Windows Mobile, Blackberry und Linux-Mobile-Varianten (wie dem Küken Android, Mobilinux oder auch OpenMoko) haben wir zumindest fünf halbwegs aussichtsreiche Systeme. Dabei ist das traditionsreichste, Symbian (basierend auf Psion), stark von Nokia dominiert (mit Sony Ericsson als zweitem großen Player) und Linux Mobile hat mit Googles Android ein ziemliches Schwergewicht hinter sich, während Microsoft und Apple sich den Rest des harten neuen Marktes der neuen Taschenrechner teilen und Blackberry das Business noch fest im Griff hat.

Obwohl sich der Open-Source-Kampf auch nie mehr als semierfolgreich von den Servern auf Desktops übertragen hat, ist die Hoffnung bei mobilen Geräten skurrilerweise größer. Nicht nur Netbooks kommen immer öfter mit Linux, sondern in der gesamten Mobilfunkindustrie hat Open Source einen anderen Stellenwert, auch weil Nokia als weltweit führender Hersteller von Telefonen Google als Konkurrenz ernst nimmt. Aber die Varianten von Offenheit auf dem Handy (und, bitte hier immer mitgedacht, anderen mobilen Zwittern) sind wieder mal einiges komplexer geworden. Die neu gegründete Symbian Foundation beispielsweise gibt ihre Software zwar lizenzfrei an Mitglieder raus und auch der Mitgliedsbeitrag von 1.500 Dollar im Jahr ist für jeden erschwinglich, der auch nur annähernd so etwas wie ein Player werden will, aber die Entwicklung der Basis, des Betriebssystems Symbian und den dazugehörigen GUIs, ist trotz des Versprechens, innerhalb der nächsten zwei Jahre Open Source unter der Eclipse Public License (Nachfolger der CPL) zu werden, zunächst unantastbar. Und natürlich ist EPL restriktiver als GPL und natürlich sind beide inkompatibel. Zumindest aber Entwickler von Software sollen umsonst Zugang zu den SDKs bekommen.

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Android-Pluspunkte
Auch beim Google-Projekt Android (anders als den völlig freien anderen Linux-Mobile-Distributionen) steckt die Basis noch in den Händen eines Konzerns, hier noch offensichtlicher, um durch die Stabilität eines Entwicklerteams das noch junge Projekt erst einmal überhaupt auf den Weg in die reale Handy-Existenz zu bringen. Open Source (Apache-Lizenz) ist aber auch hier versprochen und der Kernel basiert auf Linux 2.6. Anders als bei Symbian stehen aber seit einer Weile schon die SDKs im Netz und es wird fleißig rings um die Open Handset Alliance entwickelt. Für den Herbst kündigt HTC (klar, die Chinesen (Taiwaner), die hatten schon immer mehr Beef mit Microsoft) das erste Android Handy an. LG, Motorola, Samsung sind hier ebenso mit im Boot wie bei Symbian. Kostet ja nix. Aber die Stoßrichtung scheint bei Android klarer formuliert als bei Symbian. Sämtliche Core-Funktionalitäten sollen Entwicklern über Schnittstellen zur Verfügung stehen, Daten aus dem Netz offen mit eigenen zusammenspielen, kein Unterschied gemacht werden zwischen Software, die zum System gehört (Browser, Adressbuch, etc.), und der von Drittentwicklern (praktisch, wenn einem z.B. das Mail- oder Telefonprogramm absolut nicht zusagt) und Debugger und Emulatoren gibt es auch schon. Ein weiterer Grund, warum Android gegen Symbian unter Umständen diesen Vorsprung zu einem uneinholbaren machen könnte, ist der, dass die Programmierung von Software komplett in Java erfolgt, das auch unter Webentwicklern, speziell der 2.0-Variante, mehr als flüssig gesprochen wird. Und da die meisten der erwartbaren Handy-Anwendungen auf absehbare Zeit zumindest ein Standbein im Netz haben, könnte das einer der Kernpunkte des Erfolges von Android werden.

Apples Wille geschehe
Auch Apple hat auf die Open Handset Alliance reagiert und mit der neuen iPhone-Software nicht nur ein Entwickler-Kit, Emulationssoftware, Performancetools etc. freigegeben, sondern auch einen Shop für Applikationen integriert (in iTunes). Das alles als offen zu bezeichnen, bleibt einem allerdings zurzeit ebenso eher im Hals stecken wie die Ankündigung vor einem Jahr, dass Entwickler doch bitte Web2.0-Applikationen basteln sollen. Um als Entwickler in diesem AppStore präsent zu sein (ja, es gibt auch andere, wenn auch nur halbgare Methoden, seine eigene iPhone-Software zu verteilen), hängt an einer gewissen Willkür von Apple, und selbst kritische Updates nachzuschieben kann quälend lange dauern, was das eigentlich mit der Zentralisierungsidee verwobene Sicherheitsargument teilweise ad Absurdum führt. Und natürlich ist auch der Zugriff auf zentrale Funktionalitäten versagt. Beim iPhone geht für Entwickler nur, was Apple will. Zu hoffen bleibt, dass der Druck von Android, wenn erst mal die ersten Geräte erfolgreich auf dem Markt sind, so groß wird, dass die endlosen Geldreserven zuerst mal in ein schnelleres Handling der Software-Entwickler und danach in eine weitere Öffnung gelegt werden. Die Vorteile einer gewissen Zentralisierung liegen allerdings genauso auf der Hand, denn es gibt kein anderes Telefon, auf dem so leicht selbst der blödeste User neue Software installieren kann. Allerdings spricht auch auf Google-Seite wenig dagegen, ähnlich wie manch andere Open-Source-Entwicklungen, Update- und Software-Zentralen immer userfreundlicher zu gestalten, vor allem aber erhält die Open Handset Alliance aus den anderen Öffnungs-Bewegungen rings um das Google-Haus (OpenSocial, Dataportability und OpenID) einen nicht zu unterschätzenden Rückenwind, der sich rasant schnell in Killerfunktionalitäten umwandeln könnte.

Dynamik erzeugt Offenheit
Einer der Hauptgründe für den Einsatz offener Waffen im Kampf um den mobilen Netzmarkt dürfte nicht zuletzt die Bewegung sein, die noch in ihm steckt. Nach einem Jahr hat das iPhone in den USA satte 71 Prozent am mobilen Browsernutzen. Aber vor allem die Wechselwirkungen zwischen Handy, Computer, Netzwerkindustrien und Plattformen sind alles andere als zu unterschätzen. Während Apple in der glücklichen Lage ist, dank extrem schmaler Gerätebandbreite und dem späten Einstieg ins Business rasant schnell neue Betriebssystemupdates rauszufeuern und damit den Kurs und die Funktionalitäten völlig unerwartet ändern zu können, setzen Symbian und Windows auf einer solchen Masse von Endgeräten auf (letzteres vermutlich auch einer der Hauptgründe für die Vereinheitlichung, die die Symbian Foundation erreichen will), dass endlos kostbare Ressourcen im Kampf des Betriebssystems mit dem jeweiligen Handy draufgehen. Aber auch das absehbare Zusammenschmelzen bis hin zur Ununterscheidbarkeit von Netbooks, UMPCs, Smartphones und was sonst noch so im Kleinstcomputer-Bereich herumstreunt, dürfte eine Auswirkung haben, denn auch in Kleinstgeräten werden die Prozessoren immer schneller und die Modellreihen immer vielseitiger, so dass ein System, dass nicht auf Skalierung nach oben hin ausgelegt ist, bzw. aus der jetzt noch notwendigen Reduktion keine Strategie entwickelt, wie man doch wieder ein ganzer Computer werden kann, schnell ausmanövriert ist.

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Elektronische Lebensaspekte.