Mit "Operation Pudel ZD 50" erscheint bereits die dritte Compilation aus dem Herzen des Hamburger Verweigerer-Clubs ohne Bier-Sponsor. Wir sprachen mit den Top-Entscheidern Gereon Klug, Ralf Köster und Schorsch Kamerun über das kleine Paradies am großen Hafen.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 108

Operation Pudel
Club, CD, Fuckfinger

“Damen, Schweine, Herren“ heißt das Etablissement. Vorne Friseursalon, hinten Kleinraumbüro und im Keller ein Atelier. Hier, auf Messers Schneide zwischen Hamburg-Altona und St. Pauli, wo die Häuser nur noch zwei Stockwerke haben, ziehen Gereon Klug, Nobistor Plattenchef, und Ralf Köster, Musik-Beauftragter des Golden Pudel Klubs, die Strippen.
Der aktuelle Anlass, die beiden unterschiedlichen Brüder im Geiste aufzusuchen, heißt “Operation Pudel ZD 50“, die nunmehr dritte Kompilation des musikalischen Umfelds des Pudels. Der Beipackzettel des auf Nobistor erscheinenden Samplers verheißt Tracks von Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Helge Schneider, Jacques Palminger, Heinz Strunk, Viktor Marek, Erobique, Felix Kubin, DJ Phono usw. Eine CD also, so grell und konsequent wie das Wochenprogramm im Pudel.
Dass es der ein oder andere Nicht-Hamburger wie Matthew “King of Feuilleton-Techno“ Herbert himself auf die Kompilation geschafft hat, geht auf das Konto von Hoodieträger Köster.
Ralf: Ich bin der Mann, der abends im Pudel-Klub die Leute betrunken macht und sie dann überredet, dass sie für lau einen Track ‘rausrücken. Das ist die Keimzelle dieses Produkts.
Gereon: Drei Siebtel seines Lebens verbringt dieser Mann damit, irgendwelche Japaner oder Finnen, Amerikaner, Engländer – diese ganze Laptopmafia, die auf der Welt total vernetzt ist – besoffen zu machen und denen irgendwelche Tracks aus den Rippen zu leiern, obwohl vielleicht dicke Majors dahinterstehen, die daran eigentlich die Rechte haben.
Ralf: Es gibt keinen Lizenzierungsvertrag. Es gibt ein Gentleman Agreement per E-Mail.
Gereon: Es ist schon unfassbar, welche Leute im Pudel spielen wollen, obwohl die Tanzfläche so groß ist wie ein Viertel der Bühne, die sie sonst haben. Die kommen aber trotzdem.

Der Golden Pudel Klub, 1988 als “Pudel Klub“ in der Hamburger Kampstraße von Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni und dem mittlerweile verstorbenen Norbert Karl gegründet, beherbergt seit 1994 unweit der Hafenstraße ein mafiös undurchschaubares Konglomerat aus umtriebigen Polit-Hasardeuren, Bierphilosophen, Kunstpunkern und anderen lichtscheuen Gestalten. Rekonstruierbar sind folgende Verstrickungen: Für den verstorbenen Norbert ist Dr. Pommes, Bruder von Daniel Richter, eingestiegen. Kunstfürst Richter wiederum ist heute Besitzer des Labels Buback.
Der freundlich gerissene Köster macht derweil das Sonntagabendmusikprogramm im Pudel (M.F.O.C.) und koordiniert das Booking für die Konzerte im Pudel. Gereon Klug betreibt das Label Nobistor, das eigentlich von und für Studio Braun (Schamoni, Strunk, Palminger) gegründet wurde. Die drei Herren sind heute nunmehr geistig dabei, während Klug das Tagesgeschäft abwickelt und die Musikpresse auf Linie bringt.
Gereon: Wenn wir schon in eurer schönen Segelzeitschrift erscheinen (Anm.: De:Bug wurde in norddeutschen Kiosken anfangs immer unter Segelzeitschriften einsortiert als “der bug“), dann schreibt bitte, dass der dritte Track der aktuellen Kompilation von Fraktus ist – der Band, die eigentlich Techno erfunden hat. Vergiss Kraftwerk, Fraktus waren es!

Die alte Punktradition des Pudel Klubs ist heute vorwiegend habituell verinnerlichte Fuckfinger-Haltung denn Pflege von Hamburgs Punkrock-Kulturerbe. Einen Zielkonflikt zwischen semi-professioneller Clubbeschallung und Anti-Kommerz-Standhaftigkeit kann Köster dabei nicht erkennen.

Ralf: Der Pudel hat einen Sprung gemacht zu einem multi-funktionalen Club, der versucht, die ganze Bandbreite der Clubmusik abzudecken. Da gehört dann auch die Dance-Schiene am Wochenende mit dazu. Das kann alles von Techno bis HipHop sein. Hauptsache, da wird Kasse gemacht, damit wir die Woche über die Bands bezahlen können. Das ist etwas, worauf sich die Leute verlassen können.

Gereon: Der Pudel ist ja nie gekauft worden und ist immer noch Brauerei-frei. Dass da am Tresen ein bayrisches Minderheitenbier verkauft wird, nur weil einer der Chefs darauf abfliegt, ist schon einmalig.

Ralf: Kaufangebote gab es natürlich. In der Woche rufen so Agenturen an, die wollen den Laden für eine PR-Party für Suzuki oder so mieten.

Eine Strategie von Rocko Schamoni war doch immer, diese ganze Manager-Phrasologie gegen ihre Protagonisten zu wenden. Wären solche PR-Angebote nicht gefundenes Propagandafutter, das es eiskalt auszunutzen gilt?

Gereon: Von Rocko gibt es sicher diese Dandy-Polit-Fassade, aber der ist ein richtiger Mensch …

Ralf: … mit Sorgen und Nöten.

Gereon: Das ist ja das Angenehme am Pudel: Dort sieht man auch Leute am Tresen mit ganz normalen verbitterten und verwitterten Gesichtern, alles total heruntergebrochen auf eine menschliche Ebene. Der Laden ist echt kneipig geworden. Ich finde das ja ganz toll. Meine Erkenntnis: Im Pudel sind eigentlich nur Menschen. Das meine ich durchaus im Ernst. Da sind Menschen mit humanem Antlitz.

Was sagt Ihr zu Schorsch Kameruns Resümee, dass das im Pudel gepflegte Dandy-Modell von Dissidenz heute nicht mehr so funktioniert, seitdem fast alle in Hamburg mit “Herr von Eden“-Klamotten rumlaufen.

Gereon: Der Schorsch kann das ja sagen, der hat ja auch einen gut laufenden Gebrauchtwagenhandel im Osten.

Aussage gegen Aussage

Szenenwechsel: Wir treffen Pudel-Mitgründer Schorsch Kamerun, “die junggebliebene Polit-Theaterschranze“, ein paar Tage zuvor in den Umkleidekatakomben der Berliner Volksbühne. Kameruns feuilletonistisch hinlänglich abgenickte Theater-Engagements von Berlin bis Zürich, Hamburg und München interessieren an diesem Abend allerdings weniger. It’s monk time: Es spielen die letzten Überlebenden der Monks, einer legendären Beat-Kapelle, deren unglaubliche Geschichte aktuell als unbedingt sehenswerte Doku (“Monks – The Transatlantic Feedback”) im Kino läuft.
Kamerun, hinreißend als Nonne verkleidet, gibt gleich zu verstehen, dass die Monks selbstredend auch als Inspirationsquelle für seine Punk-Combo “Die Goldenen Zitronen“ dienten. Quelle genug jedenfalls, um dem Monks-Konzert mit einem kurzen Gastauftritt Tribut zu zollen. Jene Monk-Recken legten zu einer Zeit, als die Beatles noch verschwiemelten Fummel-Pop à la “I wanna hold your hand“ sangen, die ersten entscheidenden Roots für Punk und – doch, doch – Techno. Während die Monks als vermutlich erste Konzept-Band der Welt nach genialem Erstalbum Mitte der 60er wie ein verglühter Komet vom Radar des Rockjournalismus verschwanden, feiert unser Gesprächsthema seinen 18. Geburtstag.
Unter dem Wappen des Vierbeiners steht die aktuelle musikalische Werkschau des Golden Pudel Klubs für eine lange Tradition.

Schorsch: Die erste Kompilation erschien schon lange vor dem jetzigen Pudel Klub. In den späten 80er Jahren im damals ruhigen Schanzenviertel, bevor es die so genannte “Schanze“ gab, hatten wir eine sporadische Eckprollkneipe. Die hieß schon Pudel Club.

Wie kam das “Golden“ in den Laden?

Schorsch: Wir dachten, wir müssten uns enorm upgraden, noch majestätischer, noch glänzender werden. Ist ja auch gelungen. Wir haben damals einen interessanten Kampf geführt mit “Heinz Kramers Tanzcafé“. Das war unsere Konkurrenz; da ging die ganze Indie-Szene damals hin. Die waren musikalisch eigentlich viel genauer als wir. Wir sind auch öfters hingegangen, weil wir den Laden gut fanden. Wir haben dann irgendwann behauptet, die vom Heinz Kramers Tanzcafé würden ihre Getränke panschen. Wir haben so versucht, einen kleinen Szene-Streit hinzukriegen, das war recht erfolgreich.

Die Sache mit der Politik

Bist du heute als Mitbesitzer selbst noch im aktuellen Clubgeschäft involviert?

Schorsch: Das Tagesgeschäft im Pudel haben Rocko und ich mittlerweile an andere weitergegeben. Viktor Marek hat da seine Stimme oder Charlotte. Eigentlich alle, die im Pudel Klub arbeiten. Wer den Anspruch auf Mitbestimmung erhebt, bekommt ihn auch. Genau wie die DJs. Ralf Köster kann jetzt autonom seinen Kram machen. Das ist der Grund, warum es funktioniert. Wenn wir immer genau auf die Linie achten würden, würde es total öde. Dass man selber seine Farbe mit reinbringen kann, hängt natürlich damit zusammen, dass der Laden – und das kann man schon politisch werten – anti-kommerziell ist.

Was heißt das genau?

Schorsch: Man könnte jetzt sicher definieren, was anti-kommerziell genau ist. Ich kann nur sagen, wir versuchen da kein Geld rauszuziehen. Andererseits arbeite ich auch mit einem Image, ohne es direkt zu verwerten. Man sollte schon genau schauen, wo man sein Geld verdient. Ich lebe zum Beispiel vom Theater, aber Die Goldenen Zitronen sind mir genauso wichtig. Und natürlich ist der Club auch ein großer Teil von mir. Der Pudel vertritt eine andere Haltung als das, was drumherum mittlerweile entsteht.

Du meinst die fortschreitende Gentrifizierung in und um die Hafenstraße?

Schorsch: Da gehören wir sicherlich auch dazu. Wir fanden es auch immer toll da unten am Hafen. Wem soll man das vorwerfen? Die Frage ist nur: Was will man davon? Wir haben von der ersten Sekunde an nicht den Anspruch erhoben, dass irgendwie Kohle reinkommen muss. Das ist natürlich schon die zentrale Haltung. Es muss selbstverständlich finanziell alles irgendwie hinhauen, damit du das Geld an die Leute wieder ausschütten kannst. Oder unsere Tür: Ich bin immer gegen Türsteher; nun gut, manchmal muss es eben sein. Und auch wichtig: Getränkepreise und wer da wie auflegt. Eine Zeit lang dachten wir – ganz ohne Quote – da müssen jetzt mal überwiegend Frauen auflegen. Um solche Sachen geht es doch! Worum denn sonst, wenn man von einer politischen Haltung von einem Laden spricht. Das haben wir uns bewahrt, ich kämpfe da um alles. Ich habe jetzt gerade durchgesetzt, dass wir als Pudel nicht bei Myspace sind, weil ich das einfach Scheiße finde. Da kann man sicher streiten – ganz viele Leute nutzen diese Plattform sicherlich sehr gut. Aber selbst wenn man da von Demokratisierung redet – wenn du dort ein so genannter “friend“ werden willst, dann musst du akzeptieren, dass auf deinem “friend account“ oben schon Werbung erscheint. Das akzeptiere ich nicht.

Wie stehst du heute zum Hype, den der Pudel vor einigen Jahren als “bester Club Deutschlands“ in einschlägigen Leser-Polls von Musikmagazinen erfahren hat?

Schorsch: Da kannst du nichts machen. Du musst es nicht bedienen, aber mich interessiert das eh nicht. Mich interessiert nun mal cool nicht. Ist eh alles cool heute.

Die Revolution muss nicht mehr sexy sein?

Schorsch: Nein, da glaube ich nicht mehr dran. Ich glaube nicht an das Sexy-Wort und auch nicht an den Pop-Begriff, wie ihn alle benutzen. Pop und Politik sollte man trennen. Wenn du das zusammenbringst, dann ist auch morgen deine Politik out, wie Pop morgen out sein kann. Da habe ich meine Meinung geändert. Beim Thema Underground muss man sich wirklich enthalten. Oder eben eine Ästhetik finden, die einfach nicht zu benutzen ist. Es wäre zwar anmaßend zu sagen, “da kommt jetzt nichts mehr Neues oder früher war alles besser“. Darum geht es mir nicht. Ich glaube aber, dass sich die Strukturen von Pop geändert haben. Pop ist einfach keine Gegenposition mehr. Das war er vielleicht einmal.

Das scheint auch ein biografisches Problem zu sein. Diese für uns vielleicht noch selbstverständliche Verbindung von Pop, Dissidenz und politischem Linksaktivismus gibt es heute bei den Anfang Zwanzigjährigen nicht mehr.

Schorsch: Da ist etwas dran. Das liegt aber auch daran, dass es ganz schwer ist, eine Form zu behaupten. Wenn du eine Gegenposition haben willst, dann willst du die ja nach außen hin zeigen. Das fällt einem natürlich mit der Zeit immer schwerer. Da hat man es leichter, wenn man durch die Uckermark mit weißen Schnürsenkeln läuft. Oder so Bushido-Alarm: Das funktioniert sicherlich, aber das ist doch auch nur Oberflächenshow. Natürlich gibt es noch interessante Künstler. Es gibt vielleicht sogar Positionen, bei denen man sagt, das wäre jetzt doch mal etwas Neues, etwas anderes als die Begleitmusik zu Autowerbungen. Aber manchmal gibt es vielleicht keine passende ästhetische Form. Wir wüssten wahrscheinlich selber nicht, wie man es gerade ganz frisch machen könnte.

Paradoxes Appendix: Gerade weil Schorsch mit diesem Statement mehr Recht hat, als ihm lieb sein kann, wird das alte Versprechen einer Liaison von Pop und Politik Nacht für Nacht je neu gegeben. Zumindest solange, wie es in dem Laden mit dem komischen Hund nach dem “schweren Duft von Anarchie“ riecht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.