Text: Sascha Kösch aus De:Bug 03

Prototype 8×8 Optical Matrix

Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Optical und Matrix sind Brüder. Was für eine Zusammenarbeit nicht unbedingt die beste Voraussetzung ist. Der Ältere hatte immer die coolere Freundin und der Jüngere schon im Sandkasten die Angewohnheit, genau dann Unsinn zu machen, wenn der Ältere in wichtige Experimente mit Kleintieren verwickelt war. Außerdem ist Bruder-Sein spätestens seit Ende der 60er so in ungefähr die unhippste Variante des Zusammenlebens, die man sich vorstellen kann. Clone ja, Brüder nein. Kurzum, man geht sich auf die Nerven, auch wenn man sich mag. Man ist sich einfach zu nah und wenn man nicht wirklich als die Unzertrennlichen dastehen möchte und z. B. in Fernsehsendungen psychologisch Sinnvolles sagen will, ist es schon seltsam genug wenn Brüder auf dem gleichen Gebiet arbeiten. Dann auch noch zusammen Tracks machen, das muß nicht sein, also tun sie es nicht.

Daß es auf anderen Feldern elektronischer Musik durchaus anders sein kann und mitunter sogar zu brillanten Ergebnissen führt, heißt eigentlich nur, daß man nicht generell sagen kann: Igitt, wir sind Brüder, aber laß uns trotzdem was zusammen machen. Matrix und Optical jedenfalls machen Drum & Bass. Wenn man das erst mal so sagen darf. Matrix bevorzugt auf New Identity, einem Formation Sublabel, und zuweilen auf Grooveriders Prototype, Optical bei Metalheadz und eben auch bei Prototype und auch bei Moving Shadow und so weiter. Er ist der Altere. “Ich bewundere meinen Bruder sehr, aber so etwas würde ich ihm nie direkt sagen. Ich denke, er macht die Musik für das Jahr 4000. Er hat seinen ganz eigenen unglaublichen Stil und das schon immer. Als wir Kinder waren, hatten wir einen der ersten Sampler für Computer den es gab und haben zusammen angefangen Musik zu machen. Es ist schon seltsam, daß wir im gleichen Feld arbeiten. Und wir können auch nicht mehr zusammenarbeiten, weil wir über alles eine andere Meinung haben. Neulich wollte jemand einen Remix von uns beiden und wir mußten es faken.” Wer immer es war, er hätte es wissen sollen. Aber auf eine Platte passen die beiden allemal, wie Matrix’s Ambient-Track auf Opticals Metalheadz zeigt und natürlich veröffentlicht Optical auf Matrix Label, Metro, dessen ersten beiden Releases in das tiefe dunkle Drum & Bass Sommerloch gefallen sind. Genug der Gemeinsamkeiten. Jetzt einzeln und der Größe nach.

Optical.

Über die Verbindungen von Drum & Bass und Techno ist viel spekuliert worden, mehr vermutlich noch über die Unterschiede, das Arbeiten auf ganz anderen “artfremden” Territorien, die Versuche eins gegen das andere auszuspielen, die Kleinkriege der Szenen und der Fluß von Remixgeldern. Stellenweise sicherlich aus Gründen, die irgendwie in ihrer Geschichte mal einen Sinn gemacht haben und sei es nur für die Wahrnehmung eines neuen Sounds. Aber die ganz normale Zusammenarbeit, die Ähnlichkeiten des Umgangs mit Klangmaterial wurden gerne, und immer wieder auch zum Nachteil der jeweiligen Stile, unter den Tisch fallen gelassen. Es gilt, in unserer komischen Welt von Miniabgrenzungen immer mal wieder: alles nur Ausnahmen.
(Photek macht Detroit Tracks? Ja, aber er ist die Ausnahme. Die Headline könnte auch lauten: Claude Young erwischt beim Produzieren von Drum & Bass. Stilübergänge werden tunlichst nur heimlich empfohlen und mit einer gewissen Scham bitte. 4 Hero hatten ein Houselabel? bzw. eine Veröffentlichung auf KMS? Lieber nicht erwähnen. Drum & Bass Helden brauchen eine weisse Weste.)
Die Welt ist eh schon kompliziert genug, um jetzt auch noch in unserer heilen Musikwelt die wenigstens einmal ins große Werbebewußtsein aufgenommenen Stile zu vermischen. Und für viele war Freestyle ja auch folgerichtig das Ende der Technokultur und für viele auch zu Recht und für einige auch bedauerlicher und ungerechtfertigter Weise. Wir sind ein Haufen von Separatisten und werden uns in einer Franchising-Enklave nach Snowcrash Art vermutlich pudelwohl fühlen.
Und da braucht man, um nicht im eigenen Ghetto zu versinken, immer wieder Leute wie Optical und Matrix, die mit ein paar Sounds, einem leichten Dreh innerhalb der Ästhetik und Regeln des Spiels, alles wieder in einen neuen offenen und immer noch zu definierenden Zusammenhang bringen. Während hierzulande einige schon jammern, daß immer mehr Drum & Bass Tracks eine 303-artige Bassline bekommen und man die Beats darüber vergißt, freut man sich in England über diesen total neuen Background Techno. Der ist nun wieder so neu nicht. Wer lange genug Tracks produziert hat und nicht ein ausgesprochener B-Boy war, der wird in ganz grauer Vorzeit auch schon mal House oder vielleicht Techno gemacht haben oder irgendeine Art Subgenre ganz am Anfang der 90er. So eben auch Optical. “Als DJ bin ich zu dieser Zeit mit Spiral Tribe durch die Gegend gezogen. Natürlich habe ich immer versucht Breakbeatsets zu spielen, aber letztendlich kamen die Technosachen in diesem Umfeld dann doch besser an. Als es eine Weile lang durch Frankreich ging, habe ich irgendwann die Entscheidung getroffen, daß ich das nicht will. Ich will in England bleiben. Ich habe Technotracks für ein kleines Label, das Blame Technology hieß, gemacht und ungefähr zur gleichen Zeit auch Tracks für Bearnecessities und, ja, die Sachen waren schon irgendwie ruff, aber das Label und die Company dahinter, Stage One, wollten alles in eine andere Richtung bringen. Also hörte ich erst mal für ein Jahr auf. Es gab da ja noch dieses andere Projekt. Ein Jahr lang habe ich mit ein paar Leuten versucht, Polygram eine Drum & Bass Band zu verkaufen, die etwas kommerzieller sein sollte und als es dann endlich fast geklappt hätte, wollte unser Sänger nicht mehr. Wenigstens hatte ich auf diese Weise eine Menge Leute kennengelernt, unter anderem eben auch Grooverider und als ich dann neu anfing Tracks zu machen, denn produziert habe ich ja die ganze Zeit über, da war alles ein wenig einfacher. ”
Swinging London. Wenn man so will. Opticals Tracks die nun entstanden, sorgten für Aufruhr. (Wirklich wahr). Mindestens drei DJs in London kennen eigentlich an wichtigen neuen Tracks fast nur noch die von ihm. Extrem komprimierte, zwingend seltsame Rhythmik, ein Release auf Metalheadz mit dem Titel, “To Shape The Future”, der wahrscheinlich in keinem anderen musikalischen Feld so ungebrochen ernst genommen werden könnte.Sounds die sehr nah am Datenterror liegen, der uns vielleicht noch erwartet, aber immer mit einer Energie die genau dort explodiert, wofür sie geplant wurde. Der Dancefloor. Dieses seltsame Ding, das immer wieder und gerne grundsätzlich mit einer Selbstzensur zum Stumpfsinn verwechselt wird, so daß es fast schon ein Schimpfwort wurde. Traurig. Warum generell das Gehirn die Neigung hat, vor so unschuldigen Problemen (wie eben dem Dancefloor) jammernd zu kollabieren und sich in grausige Selbstverstümmelung flüchtet, ist wohl immer noch nicht geklärt. Tanzbar, kickend, experimentell und gewagt sind Dinge die ohne einander irgendwie gar nicht denkbar wären. Woraus nie der Schluß zu ziehen ist, das tanzbarer gleichzeitig kickender wäre, experimenteller gleichzeitig gewagter, oder etwa gar gewagter gleich tanzbarer. Die Welt according to the Dancefloor ist denkbar launisch und vor allem schön kompliziert und denkbar einfach zugleich, wer immer das grade glattdenken will. Kybernetik halt. So wie alles.
“Ich denke die straighten Beats zur Zeit und in Darkness generell, sind irgendwie auch eine Reaktion auf ein paar Übertreibungen der letzten Jahre. Es ist soetwas wie “zurück zum Dancefloor” und ich selber arbeite auch so. Man kann dann schon denken, daß die Beats zur Zeit nicht so wichtig wären wie die Sounds, aber das stimmt nicht. Wenn ich zu einem Track nicht tanzen kann, dann mache ich ihn zwar straighter, aber die Beats bleiben das Wichtigste. 90% des Tracks sind die Beats, Drum and Bass dreht sich halt einfach um Beats. Ich würde zwar eine LP auch nicht mit nur Drum and Bass Tracks vollpacken und sicher hat man stellenweise die Sounds viel zu sehr vernachlässigt, aber was zählt sind und bleiben einfach die Beats. Auch wenn ich selber, nachdem ich die Beats habe, immer noch genauso viel Zeit damit verbringe verrückte Sounds zu finden, zu samplen, Samples zu bearbeiten, um Dinge finden die neu klingen. Obwohl ich erst seit drei Wochen mit einem Macintosh arbeite, hat es meinen Sound schon sehr verändert.” Und das sagt jemand, der seit Jahren eigentlich hauptberuflich Producer ist. Natürlich lernt so einer das dann auch schneller. Grooveriders Studio ist eh Macintosh. Das von Novamute, für die er laufend neue Remixe basteln muß, die er allerdings seltenst als seine eigenen Tracks ansieht und die einen, wie z.B. ein Laibach Remix, bezüglich des Klangmaterials vor so schwere Probleme stellt, daß man schon ziemlich ausgebuffte Sampleeditoren braucht um daraus noch etwas einigermaßen Sinnvolles zu zaubern, mehr noch, um die Einstellung zu behalten, der Industrie fröhlich ein paar (genaugenommen unterbezahlte) Marketingtools zur Verfügung zu stellen und einen letztendlich bei Aufgaben wie Bjork, Herbie Hancock und selbst Henry Rollins aufatmen läßt. Producer, die stillen Mächte im Hintergrund (so still, daß sich schon welche “The Invisible Man” genannt haben) haben es nicht leicht. Und für Optical kommen zur Zeit sowohl Fierce, Nico, Trace, Grooverider und ein paar andere DJs zusammen, die alle neue Platten gemacht haben wollen. “Ich mag es ein Producer zu sein und nicht so weit vorne stehen zu müssen. Ich denke das ist auch immer noch das, worum es geht. Auf gewisse Weise unsichtbar zu bleiben. Mit dem ganzen Presserummel um Goldie hatte man stellenweise vermutlich den Eindruck, daß es sich um Gesichter dreht, aber das ist es eben nicht. Es ist zwar ein logischer Schritt, daß sich Leute wie Pete Parsons und auch ich langsam mehr zu Namen entwickeln, aber wirklich wichtig ist das in Bezug auf die Musik nicht.”
Da ist es dann immer noch sinnvoller mit Grooverider direkt im Studio neben Goldie und Rob Playford zu sitzen, ab und an mal durch die Mauern zu lauschen was der andere macht und obwohl man an den vermutlich wichtigsten Drum & Bass LPs, die die große halbblinde Medienmaschinerie wohl gar nicht früh genug zu fressen bekommen kann, arbeitet, sich einfach nur fühlt wie ein paar Kids, die zusammen rumhängen und Spaß haben.

Matrix

Matrix ist ein Stadtkind, das auf dem Land großgeworden ist. Ein Land, das es nicht mehr gibt. Das England der großen Raves, die er mit seinem Bruder mitgemacht hat. Die Tunes die er als anfangender DJ zuerst gespielt hat, die Euphorie der frühen 90er, die immer noch in seinen Tracks mitschwingen. So wie es jetzt die Athmosphären der Stadt sind, die seine Tracks formen. Und die den Namen seines Labels brachten. Metro. Klaustrophobie, Enge, Konzentration, der Blick immer auf ein ständig berstendes Gewühl aus Zeichen gerichtet, die schon bei der leichtesten Verschiebung ein neues Gesicht haben. Er ist der typische faule englische Endteenager, wie man so sagt. Die Sorte Mensch, die wir alle gerne sind. Studiert Politik, weil es für ihn die einfachste Art war, nicht arbeiten zu gehen. Und arbeitet in seiner freien Zeit an Tracks. Akribisch und lästig ist genau diese Arbeit auch, aber wenn man einen Track fertig hat, dann ist man erleichtert. Wieder ein Stück Zukunft geschafft. Doch jetzt erst mal zur Vergangenheit.
Angefangen, wie jeder, als DJ. Nie einen großen Namen bekommen, warum auch. Das war auch wirklich nicht das Ethos der Zeit. Housemusik, illegale Partys, die ersten kleinen Raves und Clubs und schon hatte er sein Equipment zusammen, schickte ein paar Tapes los. Formation meldete sich bei ihm und er durfte ein paar ihrer frühen F Project Platten machen. Dann kamen die ersten Optical Releases, immer noch mitten in besten Ravezeiten, 93, und ein wenig Pause, weil seine Tracks immer unbequemer wurden. Irgendwann entschloß sich irgendwer bei Formation ihm ein ganzes Label zu überlassen und er veröffentlichte zwei 12inches auf New Identity. Ein Sound der so gar nicht mehr zu den üblichen Formation Fanfaren passen wollte und leider genau deshalb auch ein wenig mehr unauffällig blieb, als es hätte sein sollen. Vor ein paar Wochen gründete er sein Label, Metro. Das Studium ist so gut wie beendet, die offene Zeit wird in eine LP (vielleicht bei R&S, wer weiß, Drum and Bass in advanceter Form ist ja immer noch ein gut gehandeltes Minimajorphänomen und mit Prototype als Konnotation zum eigenen Namen kann eigentlich grade gar nichts schief gehen, falls man nicht, wie Optical, sein Handy gestohlen bekommt) und das Label investiert und schon sind wir wieder da.
In diesem verdammten (was nicht böse gemeint sein soll, liebes Jetzt, aber manchmal ist es nun einfach mal so, daß man doch ein paar entscheidende Dinge zu häufig sehen muß, die eigentlich nicht sein müßten) Jetzt, in dem alles einen Einfluß auf alles hat. In dem Techno deswegen versagen muß, weil er nach einer Entität sucht, nach einer absoluten, die kein Mensch mehr braucht. Wer will wirklich noch nach dem absoluten Track suchen? Nach der alles aussagenden Bassdrum, der ultimativen? Verfeinerung ja, aber warum sollte sie auf einen Punkt zielen? Dead End. Drum and Bass ist für Matrix das genaue Gegenteil.
Es gibt keine Namen mehr, mit denen man nichts verbinden kann. Metro klingt wie Metroplex, Optical ist wohl offensichtlich. Es gibt keine Netzwerke aus denen man raus könnte. Matrix eben und das überall. Es geht ihm darum, Dinge zu verbinden, neue Netzwerke zu schaffen. Dinge die immer mehr ihre eigenen Strukturen unkenntlich machen, um daraus eine neue Struktur zu ziehen. (Wir reden von Musik) Matrix lebt in der Generation, in der Computer nicht mehr Maschinen sind, die man überblicken könnte, gleichzeitig aber immer noch die seltsamerweise untilgbare Idee eines einfachen Fehlers im Computer in allen herumspukt. Das Unmenschliche. Man hat es eben einfach nicht gerne, wenn man plötzlich nicht mehr die einzige zählende Spezies ist. Wenn er sagt, daß es immer noch darum geht, irgendwie zu verbergen daß man Computermusik macht, dann nicht um dahinter etwas Menschliches zu finden, auch wenn er es “feeling”, “athmosphere” oder sogar “soul” nennt, sondern um mit einem Track ein Wesen zu schaffen, das einen aufsaugt, das einen an sich heranholt. Der Computer ruft. Durch den Track. Und am besten immer öfter. Er bindet den Menschen an das, was er gemacht hat und stellt sich ihm gleichzeitig gegenüber, als etwas das selber handeln kann. Technologie ist flüssig und das noch nicht lange. Auch er, seit ein paar Wochen mit Macintosh. (Dieses Betriebssystem soll hier nochmal kurz gelobt werden, aufgrund seiner glorreichen scheinheiligen Verbrüderung mit den Menschen). Wenn ein Track (anders als eine LP, die ja eher so ist wie ein Buch) alles beinhalten muß, jede musikalische Form, die man sich denken kann. Und die man sich nur denken kann, weil man Formen der Zeit jetzt verarbeiten muß, dann kann es schon mal ganz schön kniffelig werden. Man muß eben auf der Höhe der Zeit sein. Oder ihr weit voraus. Und das, wenn die Zeit ein sich öffnendes Feld immer weiterer Möglichkeiten ist. Musik für das Jahr 4000. Kann nur ein Mensch sagen. Aber irgendwie stimmt es.

Der dritte Bruder

Wer gedacht hätte Matrix und Optical wären ein Einzelfall, dem sollten wir noch sagen, daß es noch einen dritten Bruder in der Familie gibt. Wie zufällig macht er Cover für Prototype und Metro und ist eine grosse Inspiration für beide. Und seine Graphics entsprechen obendrein noch der philosophischen Lage von Matrix.

Tracks coming
To Shape the Future Remix (und Hip Hop Track auf der Metalheadz Box)
Prototype 12″ von Optical, Fierce, Ed Rush und Trace 12″es und Grooverider LP auf Prototype von Optical Produziert, Ed Rush & Optical auf 31 Records, Metro 001 von Matrix, Metro 002 von Optical, Bjork, Hancock, Rollins, NOHA usw. Remixe. Passiert also doch was.

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Elektronische Lebensaspekte.