Im ersten echten Nuller-Jahr des neuen Jahrtausends wird Science Fiction gleich um die Ecke liegen. Aber die goldenen Pfründe der Schattenwirtschaft werden immer unerreichbarer ...
Text: sascha kösch aus De:Bug 89

No Past, no future
Orakel 2005

Man sollte sich nie darauf einlassen zu sagen, was wird. Schon gar nicht, wenn sich alles gerade ändert. Andererseits hat es noch keinem Orakel geschadet, auf die Nase des eigenen Schattens zu fallen, Überraschungen sind schließlich immer gut. 2004 war das Jahr, in dem wir alle anfingen, einen Begriff wie “fortlaufende Rechnungsnummer” rückwärts buchstabieren zu können. Ohne die geht kein DJ mehr in irgendeinen Club. Die Slacker-Underground-Bohème-Partypossen-Existenz ist so bürgerlich durchprofessionalisiert worden und die Bürgerlichkeit so überreguliert-überwachungstaatsmäßig, dass es einem schon mal passieren kann, dass man sich auf der Tanzfläche dabei erwischt, sich selbst zu fragen, ob das jetzt eigentlich ein 1-Euro-Job ist und ob man beim nächsten ausgegebenen Bier nicht vielleicht mal nach einer Spendenquittung fragen sollte.

Nach den tiefen Tälern der GEMA-Nachzahlungen schreitet der tapfere Labelbesitzer jetzt auf die Höhen der Künstlersozialkassenbeiträge zu. Es ist – Kapitalismus ist ja nicht blöd – zwar schon lange so, dass Grauzonen irgendwelcher künstlerischer Randexistenzen mit großen Träumen ihr radikales Potential in eben dieser Weichzeichner-Umgebung des freundlichen Staates so weich kochen, dass man irgendwann selbst den knochigsten Bürokraten in sich selbst als freundlichen Stasi-Onkel von nebenan entdeckt. Irgendwann aber ist genug, eigentlich auch gar nicht mehr – nicht mal mehr im Alltäglichen – freundlich. Vielleicht genau dann, wenn die letzte Grauzone des deregulierten Überlebens im Schwarzmarkt der nicht multimedial durchformatierten Kulturindustrie von unten bestenfalls noch Drogen sind. Drogen und Filesharing. Und während Drogen die letzten Jahre eigentlich alle auch schon mehr hatten, als ihnen ihr Schönheitschirurg empfehlen würde, kann Filesharing eigentlich nie genug werden. Und nein, 2005 wird nicht das erste Jahr, in dem ich mir ein MP3 im Netz kaufe, eher schon schmelze ich mir aus meinen Vinylbergen ein Igloo zusammen und verziere das Ding mit Hartz-IV-Brandzeichen.

2005 wird das Jahr, in dem die Zeit mit dem Recyclen der Retros nicht mehr nachkommt, wo eigentlich nur noch die Zukunft bleibt, um wieder belebt zu werden. Ganz weit vorn hat das MIT die Zukunft, die immer noch nicht ist, was sie mal war und schon längst hätte sein sollen, schon jetzt ins Museum gestellt. Wir sind über die Schwelle zum neuen Jahrtausend hinaus, der Rest ist nur noch ein undifferenziertes Damals. Wir haben nichts mehr aufzuholen, zu erinnern, jedenfalls nicht in einem Traum von Linearität, denn wenn es nur noch vorwärts geht, dann gibt es nicht nur kein Zurück mehr, sondern auch kein “Wie sind wir eigentlich hier gelandet?”. Zeitgeist ade. Überall, alles, jetzt. Wenn das Medienparadigma erst mal Podcasting ist und damit immanent zeitversetzt, on demand, oder unter welchen Feeds man auch immer geschlafen hat, wie soll dann eine Zeitgeschichte entstehen? Und was wenn – Kapital ist ja längst verflüssigt – die Politik das eines Tages begreift? Aber damit ist nächstes Jahr erst mal nicht zu rechnen.

2005 wird das, was 2000 eigentlich immer sein wollte. Vergangenheitslos. Ein NEUES Jahrtausend, nur dass man nicht mehr die Hand ausstrecken muss, um dranzukommen, weil das Neue eigentlich überall ist. Vielleicht nicht ganz so, wie man es sich vorgestellt hatte, möglicherweise ohne neue Utopien. Aber wenn die Zeit selber schon Utopie ist, dann kann eine Utopie nicht mehr neu sein, und da sie nicht alt sein kann, ist alles, was anders ist, Utopie, alles, was einen stolpern lässt. Stolpern wird der Tanz 2005. Zwischen sozialer Eiszeit, finanziellen Tsunamis und der alltäglichen Normalität nur noch mit posthumanen Freaks zu tun zu haben.

Kurzum, 2005 wird ein Killerjahr für all die, die sich ihre Erleuchtung gerne dadurch holen, dass sie mit dem Kopf gegen jede Wand rennen. Brachial? “Rocker” war erst der Anfang. Techno oder Rock, Oldschool oder Minimalismus, was auch immer oder was sonst noch, ist keine Frage mehr. Wer in 2005 nicht in maximierten Energien denkt, wer nicht laut und komplex genug gegen alles anbrüllt (auch gegen das Brüllen, Punk ist sooo 2003), wer nicht so sehr gegen alles ist, dass er nächstes Jahr sagen kann, dieses Jahr hat sich alles geändert, aber eigentlich noch keine neuen Worte für die neue Welt hat, der kann sich schon jetzt zum “alten Eisen” zählen (nein, das 40er-Jahre-Retro machen wir nicht mit). Oder man benennt sich einfach ganz um. Im Zuge unserer “Von der Steuererklärung lernen heißt siegen lernen”-Philosophie dürfte 2005 auch das Jahr werden, in dem man endlich versteht, dass Software viele Dinge einfach nicht nur besser kann als man selber (und damit meinen wir nicht nur Glitches oder generative Musik, nein, so ganz Alltägliches, schließlich holt ja auch bei den Weihnachtsverlosungen von Ebay niemand mehr ein Geschenk vom Onlinehimmel, ohne mit einem Satz gefährlicher Skripte bewaffnet zu sein), sondern einfach langsam zu viele Dinge ohne Software gar nicht mehr machbar sind, die eigentlich aber zuviel Spaß machen, als dass man einfach so auf sie verzichten könnte. Durchkybernetisiert zu sein ist keine Frage mehr von Hipness, sondern endlich (danke 2005) so normal wie 50 offene W-Lans auf einer Kurzstrecke. Ihr glaubt es nicht? Versucht mal ohne doppelte Spamfilter durch dieses Entweder-oder-Jahr zu kommen. Nerdfreunde stehen 2005 höher im Kurs und auf der sozialen Leiter als je zuvor.

Vielleicht lässt sich da ja eine neue Schattenwirtschaft ankurbeln, die einem das verstaatlicht-konfektionierte Leben in der ungreifbaren Utopie des mächtig herumstolpernden Anderen etwas passender macht? Vielleicht wird die klassische 2005er-Urszene ganz ähnlich aussehen wie bei einem Mafia-Essen. Don Labelboss, seine Drogendealer und IT-Freunde sitzen über einer guten Portion Pasta zusammen am Tisch, Mobiles, Puderdosen, USB-Sticks (2/3 davon nehmen gleichzeitig auf und posten für den nicht real anwesenden Teil der Posse dieses legendäre Zusammentreffen aufs Podcastvideoblog) und iPods (streamt airportexpressmäßig die Textone 86 von Sven Väth) zwischen dem Geschirr, heben die P2P-Tassen auf die sozialen Netzwerke dieser Welt und die Tugenden, die wir alle daraus wieder zu ehren gelernt haben. Man kümmert sich wieder umeinander, egal was das heißt (mal eben bei Google nachsehen), die Pfründe sind neu verteilt worden, auch wenn sie jetzt niemandem mehr gehören. Vielleicht wird 2005 ja auch ein gutes Weinjahr. Definitiv aber ist es höchste Zeit für die ARD, doch noch die nächsten Staffeln von Sopranos zu zeigen, weil die einzige Nostalgie (und das Fernsehen wird ein Motor dieser grundlosen Nostalgie sein, die nicht mehr weiß, an welche Zeit sie sich zurückwenden soll) sein wird, das zu zeigen, was noch nicht lief. Am besten laufend, von mir aus stolpernd, auf die Nase fallen ist wie gesagt immer gut.

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Elektronische Lebensaspekte.