Die Rückkehr der sanften Elektronika
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 161

Frischer Wind auf Morr Music, direkt von der Pazifikküste. Den beiden alten Hasen hinter dem Projekt gelingt auf ihrem Debütalbum auch gleich das Unglaubliche: die über alle Zweifel erhabene Rückkehr der sanften Elektronika und noch sanfteren Vocals.

Die Grenze zwischen Pop und Ambient ist naturgemäß fließend, aber mit seinem gleichnamigen Debütalbum macht sich das US-amerikanische Duo Orcas an ihrer gänzlichen Verflüssigung zu schaffen. Anton Rafael Irisarri, seines Zeichens Post-Minimalist und zuletzt als The Sight Below auch in Sachen Techno aktiv, repräsentiert dabei den Ambient-Teil, während Thomas Beluche, besser bekannt unter dem Pseudonym Benoît Pioulard, mithilfe von Gesang und klassischer Songwriting-Erfahrung einiges an Pop-Appeal beisteuert. “Im Prinzip verfolgen wir aber nur zwei verschiedene Ansätze derselben Ästhetik”, meint Pioulard. Er selbst habe auch seine Erfahrungen mit Field Recordings gesammelt und seine Vorliebe für langsam aufblühende Instrumentalmusik schon vor geraumer Zeit entdeckt. Für Rafael sei die Arbeit mit Vocals spätestens seit seinem letzten Release als The Sight Below, auf der auch ein Joy-Division-Cover mit der Stimme von Tiny Vespers zu finden ist, nichts Neues. “Die klassischen ‘Okay, so und so sollten wir klingen’-Diskussionen gab es bei uns darum nie. Außerdem wäre es eine Verschwendung gewesen, Thomas’ tolle Stimme nicht zu benutzen!”, fügt er hinzu. Der Ursprung des Projekts liegt in Seattles Decibel Festival, als dessen Co-Kurator Rafael 2009 tätig war und Thomas als Benoît Pioulard buchte. Der gesteht rückblickend Nervosität: “Ich hatte schließlich erst eine kleine Tour hinter mir! Als wir Monate nach der Show aber immer noch in Kontakt standen, legte sich das. Ich wohnte damals in Portland, Oregon und Rafael lud mich schließlich ein, ihn übers Wochenende in seinem Heimstudio in Seattle besuchen zu kommen. Da spielte ich dann Gitarre oder das Glockenspiel, während Rafael die Sounds bis zur Unkenntlichkeit verzerrte. Dabei hatten wir so viel Spaß, dass ich ihn öfter besuchen fuhr und bald nach jedem Wochenende schon das Gerüst eines neuen Songs stand.”

Alles sehr organisch
In dieser Harmonie bewegt sich ihr erstes gemeinsames Album zwischen dumpfem Dröhnen und verträumten Melodien, Benoîts klarem Gesang und Rafaels abstrahierten Percussions. Seattle als Geburtsstätte des Grunge und seinem grauen Himmel habe das Album einen guten Teil seiner romantischen Melancholie zuzuschreiben, das finden beide: “Das Wetter hier im pazifischen Nordwesten ist wirklich eine tolle Ausrede für uns als Stubenhocker im Haus zu bleiben und produktiv zu sein. Die gedämpfte Energie der Stadt haben wir beide sehr genossen.” Dass ihr Gemeinschaftsprojekt den Namen “Orcas” trägt, hat jedoch wenig mit dem Zufall zu tun, dass “Free Willy” 1993 zu großen Teilen an der Küste Oregons gedreht wurde, sondern läge viel mehr an der majestätische Natur der sogenannten Killerwale: “Orcas sind sehr methodische Tiere, können zeitweise aber auch gewalttätig werden. Für uns sind sie das perfekte Logo des pazifischen Nordwestens. Sie repräsentieren die Weite und Ruhe des Ozeans genau wie seine Kraft”, erklärt Rafael. Als Band verfolgen sie eine Ästhetik von Schatten und Tiefe, kombinieren Ambient-Sounds und Pop-Hooks ohne eine Spur von Schwerfälligkeit. Ähnlich einem Chiaroscuro-Mosaik, wie Irisarri es beschreibt. Klar, dass sich die Ausgeglichenheit ihrer Arbeitsteilung auch in der Gelassenheit ihres Sounds manifestiert. Da können die Walgesänge eines Oceanside-Sound-Soothers einpacken.

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Elektronische Lebensaspekte.