Ob New Economy, ob Gendebatte: Biologietechnologie ist derzeit ein kontroverses, aber hippes Thema. Und es könnte noch hipper werden: Organic Information Design ist auf dem Vormarsch, allen voran wieder mal das MIT mit der Abteilung John Maeda in der Gestalt von Ben Fry. Mit merkwürdig mechanischen Interfaces wie Fenster, Buttons und Schieberegler werden wir uns wohl nur noch eine Weile herumplagen müssen.
Text: Anne Pascual & Marcus Hauer | server@schoenerwissen.com aus De:Bug 50

BIOLOGIE UND DESIGN
Die Zukunft der Interface Ästhetik

GANZ UNTEN
Nun sind wir also ganz unten angekommen: mit dem Eindringen in die kleinste Zellstruktur hat der Wissenschaftsbetrieb einen Maßstab etabliert, den Donna Harraway bereits vor einigen Jahren als Miniaturisierung der Macht betitelte. Nun regnen allerorts Bilder des Human Genom. Das Gen, als solches noch nicht lang auf unserer aller Themenliste – von Sojabohne bis DNA –, ist zum neuen Feuilletonparadigma avanciert. Aber nicht nur hier, auch an der Börse werden die Werte der Biotech Aktien höher gehandelt als jedes Start Up Baby mit neuer Wiederbelebungstaktik. Die Berichte darüber, was sich mit den Erkenntnissen über den menschlichen Code alles ändern wird, kommen jenen Heilsversprechen nah, die schon lange nicht mehr praktiziert werden. Das sieht jeder. Immer undurchschaubarer erscheinen allerdings die tatsächlichen Allianzen zwischen Genetik und Informatik. Während die einen vom Human Genetic Engineering erzählen, träumen die anderen immer wieder davon, dem Computer Leben einzuhauchen, statt einmal nach den Widersprüchen in den Vorstellungen und Modellen von Organismen zu fragen.

GANZ VORN
Die organischen Displays machen gerade den Anfang auf dem Hardware-Markt, Software Produkte – respektive Interfaces – lassen dagegen noch auf sich warten. Obwohl in der Informatik schon seit längerem biologische Termini verwendet werden – so spricht man z.B. bei objektorientiertem Programmieren von Klassen, Vererbung und Zellen -, schlagen sich solche darwinistischen Begriffe visuell oder gar strukturell in keiner Computeranwendung nieder. Sie werden im Code versteckt. Nur vereinzelt ist in der theoretischen Informatik die Rede von der “Kunst des Züchtens” von Computerprogrammen und Maschinen, davon, dass die Selbstmodifizierbarkeit des Codes zu den notwendigen Grundvoraussetzungen gehört. Wir hingegen müssen uns immer noch mit merkwürdig mechanischen Interfaces herumplagen: Fenster, Buttons und Schieberegler. Genau hier gab es in den letzten Jahren einige kleine Ansätze wie die von Thinkmap, SmartMoney oder Xerox PARC. Oder die Programmiersprache “StarLogo”, mit der man Ameisenkolonien, Gehirnströme und ähnliches simulieren kann.

Ben Fry
Ein ebenso bescheidener, wie aber auch ausgesprochen feiner Ansatz ist der von Ben Fry, Mitglied der “Aesthetics and Computation Group” (ACG) von John Maeda am MIT MediaLab. Seine Idee des “Organic Information Design” beschäftigt sich mit Visualisierung von Datenmengen mit Hilfe von Biologismen. Seine “Anemone”, ein Tool zur Visualisierung der Userbewegungen von Websiten, zeigt ein wachsendes und sich ständig veränderndes Knäuel aus Daten. Dabei hat jede einzelne Page einen Knoten, der je nach Volumen des Traffic wächst oder schrumpft. Das alles funktioniert auch live, das heißt, es ist möglich, sich selbst durch die ACG-Website zu klicken und zu sehen, was passiert. Klickt man einzelne Knoten an, kann man sehen, zu welchem Link sie gehören. Man kann einen Knoten dann aus dem Zentrum des “Organismus” herausziehen, um Verbindungen deutlicher zu betrachten.
Ein weiteres Projekt von Fry ist “Valence”, bei dem ein Text kontinuierlich eingelesen wird und dabei einzelne Worte in einem dreidimensionalen Gebilde verortet, je nachdem, wie oft sie vorkommen. Dabei werden die selten verwendeten Worte nach außen und die häufig auftauchenden Worte nach innen geschickt. Je nachdem, welche Verbindungen zwischen den Wörter entstehen und in welcher Konstellation die Begriffe auftauchen, lässt sich ihre inhaltliche Funktion einfach und klar ablesen.
All diese Programme sehen aus wie kleine Lebewesen, was daran liegt, dass Ben Fry Algorithmen entwickelte, die explizit organische Organisationsformen nachbilden.
Damit kommt es zu einer Strukturierung von Daten, die durchaus das Potential hat, unsere nächsten Betriebssysteme, zumindest auf Interfaceebene, mitzubestimmen. Besonders bei zunehmender Dynamisierung komplexer Datenmengen auf den Rechnern werden die Interfaces wichtig, die es dem User ermöglichen, schnell auf bestimmte Zustände zu reagieren.
Ein auf diesen Überlegungen basierendes Projekt zeigt seit Beginn dieses Jahres jeden Monat ein neues Beispiel, das sich im weitesten Sinne um Biologie dreht. Bei “singlecell” dürfen alle ran, die mal irgendwie in Berührung mit organischen Organisationsformen gekommen sind. Joshua Davis (PrayStation) lässt dort z.B. eine Bakterienkultur unkontrolliert wachsen (allerdings ist die Musik furchtbar esoterisch, uiui).

GANZ DRAN
Vereinfacht ausgedrückt, haben wir uns längst von den technischen Maschinen des mechanischen Zeitalters, die einem deterministischen Verhalten gehorchen, verabschiedet. Wir können uns auf weniger festgelegte, evolutionäre Funktionsweisen freuen. Andererseits scheint sich mit der Lust an den Bildern fürs Gen auch zu zeigen, wie wirksam gerade der objektive Wahrheitsanspruch durch die Genetik und andere exakte Wissenschaften in den Köpfen festgeschrieben bleibt. Um das Unwahrscheinliche erklären zu können, werden Simulationen entwickelt, die im naturwissenschaftlichen Kontext bald nur als Fiktion behandelt werden. In den funktionalen Ansätzen der Informatik dagegen können sie nach Möglichkeitsfeldern suchen und vielleicht irgendwann in konkreten Anwendungen nützlich sein. Bislang entstehen nur angenehme Nebeneffekte wie die Experimente von Ben Fry, der die Kreativität organischer Modelle so ernst nimmt, dass er sie vor allem als wissenschaftliches Spiel begreift. Denn nicht die Gewinnausschöpfung neuer Entdeckungen treibt soziale Wünsche an, sondern der zufällige Gewinn verborgener Einsichten.

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Elektronische Lebensaspekte.