1 1/2 Jahre alt, entwickelt sich Mac OSX in seiner neuesten Version endlich zu einem Betriebssystem, das mitsamt Unix Basis den Standards der GUI-Wizzards entspircht. David Weber rekapituliert die ersten Schritte und letzten Features.
Text: David Weber aus De:Bug 63

History’s Repeating? 2001 war 2001

The Revolution will not be advertised. New York, Frühjahr 2001, ein paar wenige Mac-Afficionados stehen an einem Samstagmittag betreten in den Räumen der Digital Society, einem kleinen Apple-Dealer in der zehnten Straße. ‘Oh, this is so slooow’, ‘ … is this prime-time?!’; dann kommt ein empörter Käufer vom Morgen, der meint, er könne nicht mal seine Mail checken, so etwas habe er noch nie erlebt. Währenddessen zeichnet ein iMac kryptische Textzeilen quer über seinen Schirm: Kernelpanik. Es ist der 24. März, erster Verkaufstag von Apples “revolutionärem” OS X 10.0, “the world’s most advanced operating system”.

In den Wochen zuvor hatten viele die große Werbekampagne erwartet, ähnlich spektakulär wie vor einem anderen 24., im Januar 1984, als Ridley Scotts orwellesker Macintosh Inaugurations-Spot während der SuperBowl XVIII zwischen den Los Angeles Raiders und den Washington Redskins ausgestrahlt wurde. Anschließend glühten die Telefonleitungen von CBS. Man sah im Film kein Produkt, aber man erlebte die Geburt des Eventmarketing. “And you’ll see why 1984 won’t be like ‘1984’”, suggerierte Richard Dreyfuss’ Off-Stimme. Heuer aber wusste Apple-Boss Steve Jobs (geboren am 24. des Februars 1955) sehr gut, dass 2001 2001 war und ein wenig pussyfooting der Katze Cheetah (so der Codename von 10.0) ganz gut zu Gesicht stünde. Also kein Advertising-Blitz, stattdessen eine low-profile Revolution: In der zehnten Straße waren paar Poster an die Fenster geklebt. Eine Revolution musste es aber schon sein, denn es sollte das Betriebssystem ‘for the rest of us’ wieder in jene Avantgarde-Position springen lassen, die es irgendwann Anfang der 90er verloren hatte (siehe Kasten ‘Flashback’) – und am besten direkt durch einige klirrende Windows hindurch.

Die Naturalisierung des Desktops

Seit dem Frühjahr 2001 hat sich nun einiges getan: letzten September kam 10.1 (“Puma”), das die Bezeichnung Release zum ersten Mal verdiente und eine auf dem Mac nie erlebte Stabilität brachte (Classic-Apologeten, read my lips: kein Absturz in zehn Monaten! – auf einem veralteten G3-Powerbook!). Danach erschienen kleinere Updates, insbesondere Anfang Juni 10.1.5, das sich gerade auf älteren Macs spürbar flotter anfühlte. Durchs schillernde Wasser seiner Oberfläche ließ X nach und nach den soliden Unix-Felsen erkennen.

Den Kern von OS X bildet der Unix-Kernel (Mach3.0) der Opensource-Distribution FreeBSD. X ist also technisch gesehen ein (freies) Unix-Derivat, von Apple “Darwin” genannt. Es bietet die begehrten Features wie Speicherschutz, preemptives Multitasking, d.h. mehrere Prozesse laufen wirklich gleichzeitig, nicht wie unter dem klassischen MacOS langsam “im Hintergund”, und Mehrprozessor-Unterstützung. Außer dem Kernel umfasst X alles, was man aus Unix-/Linux-Distributionen kennt: Server (Apache), Compiler (gcc3.1), Emacs, Terminal. Mit dem Tool Fink kann man unter X im Grunde jedwede Opensource-Software laufen lassen, die gut und frei ist (etwa die Photoshop-Alternative Gimp).
Der Clou an X liegt aber quasi erst in der “Verpackung” der robusten Unix-Maschine: Auf den Kernel setzen die chicsten Multimedia-Frameworks und Entwicklungs-Umgebungen (API’s) auf, die es gegenwärtig gibt. Der X-Entwickler schreibt in objektorientierten Sprachen wie Objective-C (Cocoa-API) oder Java; wer kompatibel bleiben will zu MacOS Classic, bedient sich der Carbon-Bibliotheken. Das NeXT-/OPENSTEP-Erbe der objektorientierten Programmierung verspricht prinzipiell eine sehr einfache und schnelle Entwicklung komplexer Programme; die Tools dazu sind auf den Apple-Seiten frei runterzuladen.

Je weiter man sich vom spröden Unix-Kernel entfernt, umso leckerer wird X: 2D-Inhalte und Sound übernimmt der Quicktime-Layer, jetzt in Version 6 MPEG4-kompatibel inklusive Broadcaster, so dass jeder Mac “out of the box” als Video-Streaming-Server dienen kann. Für 3D ist die nicht-proprietäre OpenGL-Library zuständig und 2D- wie 3D-Inhalte werden schließlich per Quartz, einem Grafikbeschleuniger, auf den Schirm gebracht. Die Software behandelt alle darzustellenden Objekte quasi wie eine Vektorgrafik (à la Illustrator, Flash): Sie sind skalierbar, zu rotieren usw.; ferner stellt Quartz stufenlose Transparenz, Layer und Schattenwurf bereit. Basierend auf Adobes PDF-Format rendert Quartz allem Text die scharfen Kanten weich – ein Anti-Aliasing wie man es aus dem Acrobat Reader kennt.
Schließlich, der Zuckerguss “ohne Kalorien”: Aqua – WYSIWYL (What You See Is What You wanna Lick), so ungefähr Steve Jobs bei der ersten Präsentation des neuen GUI. Anfänglich umstritten, nicht so konsistent wie im Classic MacOS, ist sie voller Quartz-bells & whistles; besonders fragwürdig vielleicht die vielen horizontalen Streifen, die “penal stripes”. (Die IT-News-Site TheRegUS.com vermutete, dass das was mit der hohen Einsperrquote in Kalifornien, doppelt so hoch wie in Russland!, zu tun hat.) Trotzdem geil.

Jumping Jag Flash

X war nie einfach langsam, es fühlte sich vor allem langsam an. Das lag und liegt an Quartz/Aqua und ihrer bis dato mangelnden Unterstützung der Grafikkarten. Genau das wird mit Jaguar anders: Quartz Extreme lagert jene 3D-Texturen, die unter anderen OS’en schnöde “Programm-Fenster“ und “Desktop” heißen, auf die Grafikkarte aus – leider tun das so richtig erst solche GPU’s, die mindestens AGP2x und 16Mb Speicher bieten, besser 32. Nicht so viele OSX-savvy Macs verfügen darüber. Dennoch, auch wenn Quartz Extreme im Zusammenspiel mit kleineren Grafikkarten geschwindigkeitsmässig nicht so viel bringt, sieht es doch krisper aus als unter 10.1.x. Und jetzt 10.2, Jaguar, oder, gemäß Jobs’ idiosynkratischer Aussprache: “Jagwyre”.

Außer Quartz Extreme drückt in 10.2 ein verbesserter (multithreaded) Finder aufs Tempo: Spalten- und Listen-Fenster bauen sich schneller auf. Die Startzeit (nach einem neuen Welcome-Screen, offenbar ohne ‘freundliches Mac-Icon 🙁 ist dramatisch verkürzt. Die Batterie in Power- und iBooks soll deutlich länger reichen. Der wenig beliebte Spinning Disk “Warte”-Cursor, bekannt als “Beachball of Death”, ist ersetzt durch einen 3D-Ball (leider immer noch regenbogenfarbig). Generell wurden Optik und Funktionalität mit viel Liebe einem Finetuning unterzogen: sanft animierte selbstöffnende Ordner (wie aus 9 bekannt), variable Finder-Fontgröße, Feedback-Sounds, verbesserter Dock, richtig funktionierendes Umbennen von Objekten, usw. Auf die Schrifterkennung Inkwell (ein Newton-Erbe) können Programme systemweit zugreifen. Ein Schmankerl ist die Quartz-getriebene Zoom-Funktion, etwa für Sehschwache (oder um Flöhe im Jaguarfell-Hintergrund zu suchen); wer’s eher still mag, freut sich über einen kurzen weißen Blitz anstelle des Signaltons.

Sherlock vs. Watson
Wirklich gelitten hatte in 10.1 die Usability unter der schnarchlangsamen Sherlock-Suchmaschine und dem seltsamen Verhalten der Öffnen-/Sichern-Dialoge. Während letztere einem immer noch zur Shareware Default Folder X Zuflucht nehmen lassen, ist zumindest das Durchsuchen der Festplatte grundsätzlich verbessert: Für die eigentliche File-Suche stellt X in jedem Fenster eine Eingabezeile bereit, die sich des sehr schnellen Unix-‘Find’-Befehls bedient. Allerdings, wer LaunchBar (die Killer-Utility unter X) kennt und liebt, lächelt milde über Apple’s Implementation. Sherlock 3, nunmehr reines Internet-Tool, plagiiert hingegen die Shareware Watson (eben noch von Apple prämiert, will Cupertino jetzt wohl bescheidene Lizenzgebühren sparen, pöh!). Er bringt Inhalte von Service-Webseiten für Flüge, Auktionen, Wörterbücher, Kinos usw. zur Darstellung, appetitlich und interaktiv. Während das unter Watson in den U.S. sehr gut funktioniert, ist der Nutzen in Europa mangels entsprechender Plugins fraglich.

Rendezvous

Ein weiterer Schwerpunkt in “Jagwyre” ist die Integration in Netzumgebungen: IPv.6 (Internet, LAN), Tools für Windows-Netzwerke (Personal File Service, SMB) und drahtloses Bluetooth (in Ergänzung zum schnelleren IEEE 802.11a, aka Airport; als Beta auf apple.com auch ab 10.1.4) für Handy’s und Drucker. Entsprechend angepasst und ergänzt werden die iApps: iTunes (Mp3), iCal (Organizer), iChat und iSync (Datenaustausch mit PDA und Handy) sind durchweg “net-aware” (iPhoto, iMovie werden wohl bald folgen).
Seine Zuspitzung findet OS X’ Netzkonzept in der Reduktion – auf Null: Rendezvous nennt Apple seine Implementation des von ihm mit angestoßenen IETF-Standards Zeroconf für IP-Netze ohne Konfigurationsbedarf. Praktisch heißt das, dass Rechner und Peripherie (Drucker usw.) sich via Kabel oder wireless automatisch aufspüren, sich außerdem Klarnamen (statt IP-Nummern) zuweisen und das ganz allein und ohne (DHCP-, DNS-)Server. Apple nutzt das zum ersten Mal bei iTunes3, bei dem man automatisch MP3s (etwa via Airport) von einem Mac zum andren streamen kann, ohne irgendetwas einzurichten. Und die Abmeldung geht, beim Raustragen des `bookies, auch von allein.

Von Hammer zu Hammer

Aller Ideologiekritik am Megahertz-Mythos zum Trotz: Tests von neutraler Seite zeigen, dass Apple’s (Desktop-)Hardware derzeit performance-mäßig nicht ganz auf dem Stand der x86-Welt (Intel, AMD) ist: 1,5 GHz Taktdifferenz kann kein noch so tapfer werkelnder G4-Prozessor wettmachen. Ließ in den 90ern die überlegene PowerPC-Hardware das konzeptionell Restaurative am MacOS oft vergessen, stellt sich die Situation nun umgekehrt dar: Apple OS-mäßig vorne, aber von der Produktion (Motorola’s Chipfabriken) im Stich gelassen. Warum also nicht mit anderen “Waffenhändlern” konspirieren? Und welche Waffe könnte Mac-liker sein als ein Hammer, wird doch in Scott’s “1984”-Spot Big Brother per Hammerwurf ausgeschaltet. Und so wird das Gerücht immer lauter, dass Apple den Umstieg von PowerPC auf AMD’s neue ‘Hammer’-Prozessoren plane – immerhin nicht Intel. Mit Apple und AMD täten sich zwei Underdogs zusammen: Chip-Avantgarde (“4 years lead” gegenüber Intel) reicht OS-Avantgarde die Hand. Der (hardware-abstrakte) Unix-Kern erleichtert solchen Umstieg. Und da Apple ohnehin der Migration nach X (bisher nur 20% der Mac-User) auf die Sprünge helfen will und ab nächsten Januar angeblich keinen neuen Mac mehr OS 9 booten lassen will, können die PowerPC-Fans auch keinen Kompatibilitäts-Trumpf mehr zücken (die alten Classic-Programme würden nämlich auf Hammer-Macs nicht mehr laufen). Jobs kommentierte jüngst: “We like [it] to have options.“

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Elektronische Lebensaspekte.