Dierk Rossiwall berichtet life und direkt aus Wien von Leid und Widerstand unter einer Regierung, die mit Techno und Bergfolklore die nächsten Fackelzüge plant.
Text: Dierk Rossiwall aus De:Bug 33

A wüda Hund, da Haider Die FPÖ, Bungyjumpen und die Kunst Haiders populistischer Durchmarsch fiel in einem Land, das gerade einmal 5% Akademiker (ca.) aufzuweisen hat, anscheinend nicht schwer. Rot-Schwarz hatten sich ihre “Besitzgründe” seit der Nachkriegszeit brav aufgeteilt und waren viel zu unbeweglich und überrascht, um mit Haiders permanenten Anschauungen und Rundumschlägen umgehen zu können. Haider sagt dies, übermorgen das, entschuldigt sich vorgestern über jenes und verneint dann überhaupt, irgendetwas mit irgendwas zu tun gehabt zu haben. Das ist freilich keine politische Linie. Aber Haider hat als erster hier erkannt, dass es dies auch gar nicht benötigt, sondern dass es für politischen Erfolg ausreicht, aktuelle Themen möglichst pr-tauglich mit einem “Rums-Bums” in die Medien zu dreschen, ohne Rücksicht auf Verluste (auch in seinen eigenen Reihen!). Wenn das Volk “genau! recht hat er!” ruft, hat er schon gewonnen, egal ob der Inhalt stimmt oder nicht, denn es geht um Stimmungen/Strömungen. War Bungyjumpen in, ging er bungyjumpen (“oida, der traut sich wos, leiwand!”), kaum war Techno in Europa Mainstream (und natürlich meine ich hier den Dodel-Rave), war die FPÖ als Sponsor oder auch als Veranstalter – v.a. im ländlichen Raum – mit dabei (“a wüda Hund, da Haider!”), um gleich am nächsten Tag in Landestracht beim Frühschoppen wieder irgendeinen rechten Mist abzugeben. Rot-Schwarz konnten diesem Tempo nichts widersetzen. Sie waren viel zu langsam und konnten auf Haider immer nur reagieren, nie aber wirklich selbst die Themen vorgeben. Auch die Grünen waren viel zu lange mit ihren eigenen internen Quereleien beschäftigt, als dass sie eine konsequente Opposition zu einem erstarrten Politsystem hätten werden können. Erst jetzt scheint hier etwas weiterzugehen. Dass “unser” Bereich unter einer schwarzblauen Regierung leiden wird, ist mir völlig klar, und (nicht nur) deswegen bin ich selbst auf der Strasse und im Netz. Zweiteres mehr als ersteres, da so freilich schneller gearbeitet werden kann. Ersteres sehe ich vor allem dann als wichtig an, wenn zu bestimmten Anlässen (z.b. Regierungsangelobung), grosses mediales Interesse da ist. Nenn’ das Mediengeilheit, … Ich sage allerdings, wenn 60 internationale TV-Stationen eine rechte Regierungsangelobung filmen, dann sollen und werden ihre Seher auch den grossen Widerstand sehen. DAS hat Sinn, nicht unter permanente Betroffenheit über die “Scheiss-Regierung” 10 Stunden täglich Kochtöpfe zu beklopfen. Da unterstütze ich lieber mit Sessel unterm Hintern effektive Konzepte wie http://www.undergroundresistance.com, maile mir die Finger wund und gehe “nur” gezielt auf die Strasse. Im künstlerischen Bereich hat die FPÖ schon mehr als genug ihre Muskeln spielen lassen. Gestern wollte IQ ein kurzes Statement von mir, ich habe ihnen dies gemailt: ’Im kulturellen Bereich attackiert die FPÖ ihr nicht genehme Künstler und Institutionen mit haltlosen, aber medial sehr gut transportierbar gemachten Unterstellungen. Dies konnte ich selbst als Veranstalter in puncto flex erleben, als Mitwirkender beim letztjährigen 6-Tages-Spiel gegenüber Hermann Nitsch und als User im fall t0/public netbase. Ich bezweifle, dass sich dieses Verhalten auf Bundesebene ändern wird.’ Wolfgang “so Gott mir helfe” Schüssel gibt bei der 1. gemeinsamen Pressekonferenz mit Jörg “ohne uns geht in Europa nichts” Haider tatsächlich zum Besten, “kein Künstler muss sich hierzulande fürchten”. Muss soetwas tatsächlich erst betont werden? Und wenn die FPÖ letztes Jahr Hermann Nitsch andauernd unter dem Motto “Freiheit für die Kunst – ja. Aber das ist keine Kunst” attackiert hat, wie wird dann dieses “kein Künstler muss sich fürchten” zu verstehen sein? Gestern posaunt der Bärentaler, den Ingeborg Bachmann Preis in Klgft. möchte er nicht mehr haben – was wird eine FPÖ in der Bundesregierung alles nicht mehr haben wollen? Amüsanterweise ist Franz Morak (ÖVP) der Kulturrat dieser Regierung geworden. Morak war Burgschauspieler, aber Anfang der ’80er auch ein gar nicht mal schlechter Sänger/Performer zwischen Rock, Punk und New Wave: Mehr als zweideutige Texte, für die ihm die FPÖ heute aufgrund von Pädophilie wohl am liebsten an die Eier wollte, extreme Bühnenshow (Sauschädel mit Kettensäge spalten). Was hat dieser Mann in so einer Regierung zu suchen? Radikal gewandelt, oder eine letzte Art bürgerliches Feigenblatt zuständig für die Beruhigung der “Wahnsinnigen” (=WIR), der im Endeffekt wohl schön reden, aber nix entscheiden wird dürfen. Angeblich kommt eine für Künstler positive Reform der Künstlersozialversicherung. Aber Karenzgeld wird ja nun auch jeder für 2+1 Jahre bekommen. Und der neue Verteidigungsminister Scheibner (FPÖ…) bekommt auch noch für angebliche 15 Milliarden ATS neues Spielzeug. Und 50 Milliarden will die neue Regierung dennoch einsparen. Mir schwant Übles. Aber als braver Bürger dieses Landes werde ich Wolfi, Jörgl und die anderen “nicht vorverurteilen, sondern an der geleisteten Regierungsarbeit” beurteilen. Na freilich, in einer mitte-rechts Regierung werden dieselben Akteure plötzlich ganz andere Grundsätze als bisher vertreten. Dann kann ja nichts schiefgehen. Aber sehen wir’s positiv im Negativen: Vielleicht ist der Spuk aufgrund von Handlungsunfähigkeit ohnehin bald vorbei. Bis dahin wird es aller Voraussicht nach allerdings hart werden. Bitte um Unterstützung (I resist – do you resist?), und denkt daran, dass Boykotte abseits von Regierungsboykotten auch über 50% Bevölkerung dieses Landes treffen, die diese Regierung nie wollten.

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Elektronische Lebensaspekte.