Ist das Netz und sein User doch kontrollierbar? Um sich der Bejahung dieser Frage nicht hilflos ausliefern zu müssen, baute Ian Clarke als Alternative zum WWW das Freenet auf. Bis jetzt noch mit Kinderkrankheiten, aber die Reifezeit ist schon absehbar.
Text: björn von thülen aus De:Bug 35

/Open Source/InternetII Das bessere Internet Dezentral organisiert: Freenet Liest man Erklärungen von Politikern und Industriellen, drängt sich einem der Eindruck auf, das Internet sei in erster Linie ein Tummelplatz von Pädophilen, Raubkopierern und Terroristen, die Baupläne für Atombomben austauschen. Die International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) tut beispielsweise so, als ob die Musikbranche in den nächsten zwei Jahren aufgrund von MP3 Kopien pleite gehen würde. Und der Bund Deutscher Kriminalbeamter erklärte Mitte März, die Polizei habe den Kampf im Internet längst verloren. Das Internet sei ein unkontrollierbarer Raum. Die Begehrlichkeiten von dieser Seite laufen auf eine totale Kontrolle des Mediums Internet hinaus: Mitlesen aller Emails, Zugang zu den Logfiles der Provider und – als neuester Schrei – das Right Protection System (RPS) der Hamburger Firma PhonoNet. Das System soll Netzadressen – beispielsweise mit illegalen MP3s – herausfiltern. Steuert man eine registrierte Adresse an, filtert ein Programm beim Provider sie heraus und leitet die Anfrage schlichtweg einfach nicht weiter. Der Beginn des nationalen Internets wird zur Zeit bei dem Berliner Provider TCP/IP getestet und stellt einen politisch hochbrisanten Eingriff in die Infrastruktur des Internets dar. (Näheres in c’t 2000 Heft 7 Seite 34.) Das Gegenmodell zu so einem kontrollierbaren Internet ist jedoch bereits entwickelt: Freenet, ein dezentrales verteiltes Informationssystem, das von Ian Clarke erstellt wurde und zwar als Reaktion auf australische Vorschläge für umfassende Internet-Zensur-Gesetze (New Scientist, 12 June 1999, p 22.) “In dem Moment, indem man irgendjemandem die Macht gewährt, Kontrolle über Informationen auszuüben, unabhängig von den jeweiligen Absichten, gibt man ihm die Macht, Meinungen zu manipulieren – und das ist unverträglich mit der Demokratie,” sagt Ian Clarke. Dezentrale Architektur Anders als das WWW basiert das Freenet-Protokoll nicht auf eindeutigen IP- und DNS-Adressen. Jedermann kann Informationen auf einem Freenet-Server ablegen. Diese werden mit einem Schlüssel wie “/text/philosophy/sun_tzu/the_art_of_war” versehen, mittels dem auf diese Information zugegriffen werden kann. Die Informationen existieren im Freenet-Netzwerk nicht nur auf einem Computer, sondern als Kopien auf einer unbestimmten Anzahl von Maschinen. Ihr Speicherort verändert sich, ebenso die Anzahl der Kopien in Abhängigkeit von der Nachfrage. Anders als im WWW, wo die Zugriffsmöglichkeiten auf begehrte Informationen wegen überlasteter Server proportional zu den Anfragen sinken, werden beim Freenet die begehrtesten Informationen immer leichter zugänglich. Dies führt nebenbei zu dem Effekt, dass der Versuch, den Server zu bestimmen, auf dem eine spezielle Information abgelegt ist, um diesen Zugang dann zu sperren, genau den gegenteiligen Effekt hervorruft: Die Information verbreitet sich wegen der hohen Nachfrage weiter über das Freenet. Kinderkrankheiten Das Freenet-Protokoll hat anders als das WWW keinerlei Art zentralisierter Kontrolle oder Administration. Es ist fast perfekte Anarchie. Niemand kann gezwungen werden, irgendetwas zu löschen. Weder der Autor einer Information noch der Betreiber des Freenet-Knoten (Node) wissen genau, wo sich gerade welche Information befindet. Alle Beteiligten bleiben relativ anonym – ja, nur relativ. Freenet bietet nicht die Art Anonymität, die Mixmaster oder Cyberpunk Remailer bieten. Dennoch dürfte es beinahe unmöglich sein, einem User nachzuweisen, welche Information er oder sie sich genau angesehen hat. Denn Freenet unterscheidet nicht zwischen der Informationsbeschaffung für den User selbst oder der Bereitstellung für andere Nodes. Der ganze Ansatz hat jedoch einen fundamentalen Nachteil. Solange es Usern nicht möglich ist, einen Freenet-Node als Server zu benutzen, sind sie auf andere Provider angewiesen. Damit fällt fürs Erste, zumindest in Deutschland, der gesamte Ansatz ins Wasser. Die Kommunikation zwischen dem Provider und dem Freenet-Node kann protokolliert werden, alle Daten können kopiert, analysiert und eindeutig einem Empfänger zugeordnet werden, ganz wie im WWW. Freenet hat aber angekündigt, dass es zukünftig möglich sein soll, einen Node als Provider zu wählen. Was Freenet trotz seiner Kinderkrankheiten interessant macht, ist der Versuch, ein weltweites Kommunikationsnetzwerk zu entwickeln, das von der Konzeption her die Privatsphäre schützt. Kein Netzwerk kann absolut sicher sein, auch Freenet nicht. Aber bei der Entwicklung des WWW stand der Schutz der Privatsphäre nie im Mittelpunkt. Es ist an der Zeit, sich Gedanken zu machen, ob die Konzeption des WWW den heutigen Anforderungen noch gerecht wird. Wir werden akzeptieren müssen, dass unter der Regie grosser Wirtschaftsverbände und Regierungen das Internet immer mehr zu einem weiteren Konsumtempel verkommt, überwacht und kontrolliert von staatlichen Behörden.

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Elektronische Lebensaspekte.