Seit zwei Jahren kann man auf www.mozilla.org die Entstehung eines Browsers von einem Milestone Release zum nächsten beobachten. Nun wurde Netscape 6 aus diesem ersten Open-Source-Browser.
Text: sascha kösch aus De:Bug 35

Jedem sein eigener Browser Das neue NETSCAPE 6 Sascha Kösch bleed@de-bug.de Open Source hatte Zeit seines kurzen Lebens ein User-Interface-Problem. Und so wundert es einen auch nicht, wenn der “neue Netscape Browser”, (Netscape 6, wie das Milestone-14-Mozilla-Release in seiner AOL gebrandeten Version erst mal heisst), potthässlich ist. Und langsam ist er auch. Aber schaltet man ein paar der Einstellungen aus, die hässlichen eigenen Scrollbars und so, dann wird er plötzlich richtig Kompatibel. Doch ist er überhaupt noch Open Source? Zwei der Gründer der Free Sortware Foundation haben an der Lizenz, die der Browser benutzt, zumindest mitgearbeitet und dafür gesorgt, dass in dieser Richtung nie Fragen aufkamen. Ganz ähnlich wie Eric S. Raymond bei der Open Source Entwicklung von Darwin, dem neuen Apple Betriebssystem, bei dem er seine Finger als Berater im Spiel hatte. Soweit erstmal. Die Idee, als Netscape kurz vor der AOL-Übernahme vor über 2 Jahren “Open Source” ging, war so klar, wie naiv. Sie lautete: Mit Hilfe williger Unterstützung aus dem Netz machen wir einen der besten Browser. Und wir können ihn obendrein auch noch überall in unsere (mittlerweile um Broadband-AOL-Träume angewachsen) Systemen integrieren. Als ob das nebenher der Hierarchielosigkeit von Open Source Software (OSS) und der Corporate Struktur wirklich lange hätte funktionieren können. Das “viele Augen sehen besser”-Argument von OSS verschloss in gewisser Weise die Augen für ein paar der klarsten Dinge. Als die ersten “freien” Entwickler (mit viel TamTam) absprangen und auf Mozilla.org (der Entwickersite von Netscape) eigentlich nur noch corporate @netscape.com Nasen übrigblieben, war diese Euphorie der “Corporates go Open Source” erst mal ein wenig dahin. Drohte die Open Source Gemeinde zu einer Art leerer Kirche zu werden, wenn die Projekte, an denen gemeinsam genagt wird, mit starkem finanziellem Backing einer Firma in eine Richtung getrieben werden? Oder droht Open Source sich aufzusplitten, in diverseste mehr oder weniger offene Lizenzen, Zusammenarbeiten usw.? Wird es so was wie “Semi Open Source” oder “Corporate Open Source” wirklich geben? Eine Frage, die vielleicht interessant sein mag, aber ein paar Dinge am Projekt Mozilla übersieht, um die sich alles zur Zeit zu konzentrieren scheint. Es lag nie mehr Source Code für einen Browser offen als jetzt. Falls jemand einen komplett Netscape aus der Hand genommenen Browser auf der Basis von Mozilla entwickeln wollte, dann gab es nie eine bessere Möglichkeit. Es gab bislang auch noch keinen Browser, der sich gegenüber den Empfehlungen des W3 Consortiums, die die Standards für die Weiterentwicklung festlegen, kompatibler verhalten hätte. Und selbst wenn das nur heissen sollte, dass W3C Kompatibilität wieder ein Core-Feature in der kommenden Browserentwicklung werden sollte, dann ist das schon ein grosser Schritt von den Gräben, die zur Zeit zwischen Internet Explorer von Microsoft und Netscape von AOL klaffen. Vielleicht gibt es ja mal wieder Tage, in denen nicht jeder Webprogrammierer/Designer mindestens zwei Versionen von jeder halbwegs ausgefeilten Seite bauen muss, weil sie so verschieden sind. Jedenfalls: Man konnte die langsame Entwicklung eines Browsers nie genauer verfolgen, und, in Anwandlungen von kompletter Selbstüberschätzung der eigenen Kompetenzen, in sie eingreifen. Das Open Source Kind Was aber will nun eigentlich Netscape, oder AOL mit ihrem neuen ungeliebten ersten Open Source Kind? Sie haben eine Rendering Engine, also den Teil des Programms, der für Bildschirmdarstellung zuständig ist. Sie ist schön klein, und lässt sich sehr gut modifizieren und in sämtliche Entwicklungen einbauen, die im gesamten Time Warner AOL Netscape usw. Imperium auftauchen werden. Ins Fernsehen z.B. als Kitt zwischen herkömmlichen TV Streaming und Internet. Vor allem aber könnte man sie an sämtliche Kleinstfirmen in perfekt zugeschnittenen Lösungen quasi sofort liefern. Der Markt soll noch dazu mit einem weiteren kleinen Trick geentert werden. Mit einem zusätzlichen Toolkit kann man aus einem Netscape Browser einen eigenen Browser innerhalb weniger Minuten branden, komplett mit verändertem Design, animiertem Logo, eigenen Tooltips, und fester Startuppage. Wer sollte da bei dem nächsten Release seiner CD zum Heft noch wiederstehen können und nicht einen eigenen (nein, nicht Netscape, sondern über es hergestellten) Browser mitliefern? Wir glauben, das Ding wird wuchern. Obendrein ist die Implementierung von Skins (eigenen Benutzeroberflächen) über den relativ cleveren Weg, das gesamte Interface des Programms auf DHTML und XUL Beine zu stellen, der Garant dafür, dass es Milliarden Modifikationen, endlose Skins, und nicht wiederzuerkennende Funktionalitäten gibt. Jedem sein eigener Browser. Die Zeit ist nah, auch wenn Netscape 6 einen denkbar schlechten Start hatte. Denn tatsächlich ist es ein furchtbar schlechtes Consumerprodukt. Gross, langsam, buggy und unübersichtlich.

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Elektronische Lebensaspekte.