Text: michaela aus De:Bug 26

“Out of photo” erscheint seit Ende 1997 alle 2-3 Monate in Japan. Das Konzept, das vielleicht nur in Japan und sonst nirgendwo in der Welt funktifunktioniert: In “Out of photo” geht es geht um die Abbildungen von Alltagsphotos. Eine ganze Zeitung für Alltagsschnappschüsse? Das liegt vielleicht daran, dass in sonst keinem anderen Land der Normalbürger so viel Spass am Fotografieren hat wie der Japaner. Unternimmt der Japaner etwas, macht er ein Bild zur Erinnerung. Die Reise, der Aufenthalt findet oft nur seine Berechtigung im Foto, das davon erzählt. Unter Teenagern ist die Angewohnheit weit verbreitet, ganze Nachmittage mit der Kamera zu verbringen oder mit den Freunden in Print Clubs zu gehen, wo für gerade mal 300 Yen (ca.5 DM) bunte Fotos auf Abziehbildchen gedruckt werden. Viele Nachmittagsstunden dienen nur dem Auffangen von lustiger Zeit. Streiche werden ausgeheckt, damit die Kamera etwas zum Aufnehmen hat. Oft werden die Bilder danach bemalt, Teile ausgeschnitten, woanders montiert. Viel wichtiger als eine gute Zeit ist die Freude, seine Bilder mit ganz vielen Menschen zu teilen, von seiner lustigen Zeit zu erzählen. Und hier beginnt Yoneharas Konzept. Jeden Monat erhält er mehrere Säcke voll Post aus ganz Japan, mittlerweile auch aus Hongkong und England. Die sind gefüllt mit Briefen und Fotos von Leuten, die ihr Bild gerne mit anderen teilen wollen. Yoneharas Philosophie, die sich auf jeder Seite der Zeitschrift manifestiert, ist es, Leute, die gute Laune haben, der guten Laune wegen abzubilden. Er verschmäht dabei Kunst-Bilder mit photogenen Posen genauso, wie er Bilder, die nicht echt wirken. – Ein wildes Durcheinander auf den ersten Blick, auf den zweiten offenbart sich Struktur. Da gibt es zum Beispiel die Seite der “sleeping beauty”. Alles Bilder von mehr oder minder schönen Schlafenden. Ein hübsches Mädchen im Dornröschenschlaf, die gerade trielt, ein Junge, der im Schlaf den Mund weit aufgerissen hat, einem anderen wurde das Gesicht im Schlaf angemalt, und so fort. Dann ein paar Seiten das japanische “must” – Mädchen in Schuluniformen. Ein anderes Mal eine Photoserie mit dem Titel “My sweet story” von einer jungen Japanerin, die nach Hawai geht und dort mit einigen dubiosen Männern im Hotel sitzt. Eine Serie von einem Jungen, der nachts im Schnee nackt mit seiner Katze spielt.”Out of photo” ist mehr wert als jeder Sozialreport über Japan. Nicht jeder, der ein Bild schickt, wird auch abgebildet. Wer aber öfter als 4 Mal in “Out of photo” erscheint, wird von Yonehara auf eine Reise in Japan eingeladen. Ein Jahr lang wanderte Yonehara mit seinem Konzept von Verlag zu Verlag, bis er einen fand. Mittlerweile kann man die Zeitschrift aus Japan gar nicht mehr wegdenken. Das Auffälligste an Yonehara san ist vielleicht, dass er trotz seiner 40 Jahre jünger wirkt als der normale japanische Student. Auf die Frage, was für ihn denn Luxus sei, antwortete er: ” I think, therefore I am.” Das muss im japanischen Kontext verstanden werden. “Denn”, und so erklärt Yonehara immer wieder, “die meisten Japaner denken nicht für sich selbst.” Eine harte Kritik, die in seinen Geschichten immer deutlich zu hören ist. “Japan steckt in einer schweren Krise, es gibt keinen Underground, alles ist ein Einheitsbrei, dessen Gott und oberste Moral der Konsum ist. Leute tun, als seien sie Punks, ziehen sich verrückt an, junge Mädchen schlafen mit älteren Herren, und doch sind sie alle vom selben Wunsch erfüllt- zu kaufen, zu haben. Aber das ist ganz gut, dass es so ist, denn, irgendwann wird das Ganze so extrem werden, das sich das System von selbst reinigen wird. Den jungen Leuten zwangsweise was anderes zu zeigen hat keinen Sinn, irgendwann wird alles so voll mit sich selbst sein, dass nichts mehr reinpasst, dann ist Platz für Veränderung.” Yonehara selbst lebt sein eigenes Leben. War nie in einer Firma angestellt, arbeitete immer auf Auftrag. Ungewöhnlich für einen Japaner. Er fing damit an, Photobände zusammenzustellen. Nicht seine eigenen Bilder, sondern Bilder von anderen. Dann Bilder für japanische Bands und Idole. Irgendwann einmal half er mit, einen Clubevent zu organisieren. Jeder, der ein Bild von sich mitbrachte, durfte kostenlos rein. Alle Bilder wurden am Eingang aufgehängt. Die Idee für eine Zeitschrift war geboren – “Out of photo”. Für seine Zeitschrift und seine weiteren Ideen unterhält sich Yonehara san zwei Büros. Ein Standardbüro, in das die offiziellen Gäste eingeladen werden, und ein Spielbüro für abends, für die Freunde und Parties. Auch ich wurde zuerst ins offizielle Büro eingeladen. Das ist – wie fast alles in Tokyo – sehr klein, gerade mal genug Platz für ihn, seine Sekreatärin und die Computer. Überall sonst liegen Bücher, Cds und hier und da eine kleine Figur wie der Cowboy aus der Toystory oder Starwars Figuren. Hier werden die ernsten Gepräche, das Business abgehandelt. Ins Spielbüro wird danach geladen. Eine Couch lädt zum Lümmeln ein, Kissen sind auf dem Boden verteilt, es darf geraucht werden, was geraucht werden will. Die Wände sind auch hier voll mit Büchern. Viele Bilderbücher sind dabei, dazwischen Fotos, CDs und ganz viel Spielzeug. Hauptsächlich amerikanische Comichelden, GI Joes und Spielwaffen. Yonehara san sammelt gerne. Gerade hat Yonehara ein Buch herausgebracht mit dem Titel “Das reine Herz der Fotografie”, in dem er über seine zwei Lieblingsthemen plaudert. Frauen und Fotos. Darin Fotos, einfach nur so geschossen, weil eine Kamera parat war. Eine Frau kotzt auf dem Klo, eine andere sitzt Yonehara auf dem Schoss, er offensichtlich stark benebelt, aber da hat er keine Scheu, sich so unfotogen ablichten zu lassen. Es geht ihm immer wieder um die Wahrheit, eine japanische Wahrheit wohlgemerkt. Nebenher spielt er den japanischen Dr.Sommer in der Mädchenzeitschrift “Nicola”. Pubertierende Mädchen schreiben von ihren Problemen, und Onkelchen Yonehara gibt seinen besten Rat. Für die Zukunft plant er eine weitere Zeitschrift. Wieder etwas ganz Neues. “Viele von meinen Freundinnen haben endlich den Mut, ihren Hass auf Machos auszusprechen. Schon oft wurde mir die bitte nahegelegt, eine Zeitschrift für Machohasser zu machen. Ich denke, das wird meine nächste Herausforderung. Ich trau mir das zu.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.