Im Grunde die uncoolste Musik, die es gibt
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 114


Erinnert ihr euch an die Avalanches? Offensiver Samplepop aus Australien, der so unprätentiös sonnig war, dass es ihnen niemand mit Nachhaltigkeit danken wollte? Die drei Franzosen von “Outlines” könnten 2007 ihre Erben werden.

“Just A Lil Lovin”. Mit diesem Lied fing alles an. 2005 auf Sonar Kollektiv released, dem deutschen Label für innovative Jazz-Elektronik-Hybride mit softem House-Einschlag. Von dort entwickelte es sich (allerdings mit einigen Problemen – der Track konnte zuerst nur als Bootleg erscheinen) zum veritablen weltweiten Clubhit. Das geht, so muss man es wohl sagen, auch noch ohne MySpace. Trotzdem wurde der butterweiche, von einem Funkbass und der flockigen Stimme Irfanes getragene Dancetrack um die ganze Welt gespielt. Von DJs wie Laurent Garnier, King Britt oder Mr Scruff.

2004 hatten Outlines schon ein Release auf einer “Gilles Peterson Worldwide”-Compilation, zusammen mit Jazzanova. Das vielleicht schönste Lied auf ihrem nun erscheinenden Album ist wohl “Listen to the Drums” und wurde ebenfalls schon 2006 gepresst.

Dass viele Tracks bereits auf 12″s herauskamen, sollte nicht weiter stören. Sie sind die Ausgangspunkte, um diese Tracks herum haben die drei Franzosen nun so verschiedene wie einprägsame Stücke gebaut, auf die eine so vorbelastete Bezeichnung wie NuJazz gar nicht passen mag.

“Ich sehe unsere Musik irgendwo zwischen Pete Rock und Burt Bacharach. Sie geht klar von HipHop aus. Wir lieben Loops und Samples. Aber was wirklich bleibt in einem Song ist die Melodie und die Message”, sagt Irfane, Produzent und Sänger des französischen Trios. Ein Trio mit einer ungewöhnlichen Aufgabenteilung, die wohl jeden Ökonomen eines Majorlabels in eine persönliche Krise stürzen würde. Denn im Normalfall des musikalischen Business würde die Rechnung genau nach Irfane und Jerome Hadey, die ja die ganze Musik machen, aufhören. Bei Outlines aber geht es weiter. Graffiti-Künstler Jay One ist für das Artwork zuständig. Er betreut die visuelle Seite von Outlines. Was das außer dem Albumcover sein soll, bleibt allerdings unklar. Und mit Jerome unterhält sich Irfane über die konzeptuellen Schwerpunkte, wo es generell so hingehen soll. Irfane nennt ihn Manager.

Im Grunde rührt die Konstellation wohl aus einem HipHop-Mythos, in dem man seine Crew eben immer dabei hat. Und HipHop ist auch heute noch das prägende Moment von Outlines. Wie ernst es damit ist, zeigt – wie immer – die Liste der Gast-Künstler, der der Chef des WU Tang Clans, RZA, voransteht. Von dort geht es in alle möglichen Richtungen.
Und Jay One ist dann wohl auch mehr ein spiritueller Motor, der alte weise Mann und spirituelle Zeuge Jehovas – die Streetart-Sprayer-Ikone, den Irfane schon früher, als er noch mit Jerome in Straßbourg Festivals organisierte, dorthin einlud. Jetzt wohnen sie alle in Paris, nördlicher Teil, 18. ,19. Arrondissement. Vom schnuckeligen Montmartre hoch. Noch höher. Keine gute Gegend. Aber eine Hood.

“Wir reflektieren unsere Sozialisierung und Erfahrungen. Wir sind in viele Projekte in unserer Nachbarschaft involviert. HipHop ist ein sozialer Glue. Interaktiver Klebstoff. Ich hatte nie Hunger, aber ich war immer mit den Leuten aus dem Ghetto zusammen. Gäbe es kein HipHop, hätte ich nie diese Leute kennen gelernt.”

Ob die Ghettojugend ihnen die flockige Caipilounge-Musik als realen Sound abkauft, weiß ich nicht. Denn das Beste an Outlines: Im Grunde ist es die uncoolste Musik, die es gibt. Die Geisteshaltung, mit der die drei an Musik herangehen, versteht heute kaum noch jemand. Dieser respektvolle und devote Ton, aus dem sich die seichten Popperlen, breakigen Microjazz-Stücke und House-HipHop-Tracks ergeben. So herrlich unprätentiös, dass man sie in ihre Tradition zurückklingen hört.

Und das im musikalischen Frankreich, in der die kapriziöse Geste einfach zum guten Ton gehört. Entweder artifiziell und schlau, oder man macht es wie die Hau-Drauf-Crew um Ed Banger, die ohne Rücksicht auf Verluste anarchische Aneignungstaktiken zu dem puren Zweck des Hedonismus bemüht und aus Disco, HipHop und Funk herauspresst.

Bei den jungen Franzosen werden dieselben Verweise zu etwas wie Weltmusik. Musikalischere Musik. Ihr Ansatz ist der der Würde und des Respekts. Das klingt: erwachsen. Aber nicht von gestern.

“Es war doch eher unser Anliegen, Musik zu machen, die man zu Hause hören kann. Musik, die dich und dein Mind öffnet. Es geht um Inspiration. Wir sind gut befreundet mit Pedro Winter, dem Chef von Ed Banger. Und doch machen wir etwas ganz anderes. We trying to keep it soulfull. Ich denke, wir sind auch spiritueller, reifer. Uns geht es um mehr als nur Tanzen und Spaß haben. Es soll dich berühren.”
http://www.sonarkollektiv.com/artists/Outlines

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Elektronische Lebensaspekte.