Bei den Electroclash-Überlebenden hat sich längst die Spreu vom Weizen getrennt. Trevor Jackson sticht mit seinem Output-Label als eine der höchssten Ähren heraus. Denn er pflegt nicht seine Trend-Nase, sondern seinen guten Musikgeschmack.
Text: Felix Denk aus De:Bug 86

Auf Hipster komm’ raus

Trevor Jackson hat bislang auf keiner Modenschau aufgelegt. Er kann auch nicht vorhersagen, ob man nächste Saison noch Pullis mit Streifen trägt. Aber zu den Platten, die er kommendes Jahr auf seinem Label Output veröffentlicht, wird auf jeden Fall getanzt. Denn Jackson ist eine Autorität in Geschmacksfragen und sein Label Output in einer Position, Trends durchzudrücken. Das Kunststück daran ist, dass Jackson das hinbekommt, ohne sich einem distinktiven Stil zu verschreiben oder ein bestimmtes Marktsegment zu bedienen. Jackson, der Hipster, pickt sich die Rosinen aus vielen Kuchen. Output ist somit das Gegenmodell zu Basic Channel: Hier wird nicht eine musikalische Idee in all ihren Facetten untersucht, sondern mit jeder Platte eine neue Idee verfolgt. Zwischen dem No-Wave-Bandformat The Rapture und dem Acid-Gewitter von DK7 passt noch Elektronika von Circlesquare, idiosynkratischer House von Maurice Fultons Mu Projekt oder die bleepige Synthie-Disko von Black Strobe. Die jüngsten Output-Lizenzierungen, “Base for Alec”, eine 1984er B-Seite von Yello, und Lopazz charmanter Minihit “I Need Ya” von ND Baumeckers Minilabel Freundinnen, zeigen, was alles passieren kann. Hier guckt jemand über den Tellerrand.

Debug:
Output fühlt sich keinem Musikgenre verpflichtet. Ist vielmehr das Weglassen einer musikalischen Definition der Leitgedanke bei Output?
Jackson:
Genau darum geht es. Ich wollte nie in eine spezielle Szene oder Bewegung passen, sondern mein eigenes Ding machen und jede Art von Musik herausbringen. Schon der Name Output ist nicht spezifisch für einen Musikstil.

Debug:
Geht es bei Output also eher um den Artist als um das Label?
Jackson:
Die Marke ist mir nicht wichtig. Sie ist nur insofern wichtig, dass sie das Ganze zusammenhält. Die Leute sollen sich doch für die Artists interessieren, nicht für das Label. Vielleicht kommt das daher, dass ich auch selbst Musik produziere und von den Fehlern anderer Labels gelernt habe. James Lavelle und MoWax waren doch berühmter als ihre Künstler. Das kann ein Fehler sein.

Debug:
Wolltest du dich damit auch von der Repräsentations- und Veröffentlichungspolitik von Houselabels absetzen, wo immer das Label über den Künstler dominiert?
Jackson:
Ich habe das Label gestartet, um Musik zu veröffentlichen, die eine Persönlichkeit hat. Es war doch charakteristisch für Dance Music, dass sie bis vor kurzem nicht von Künstlern, sondern gesichtslosen Produzenten beherrscht wurde. Da wollte ich nicht mitmachen. Mir sind Menschen aus Fleisch und Blut lieber, die auch noch gut aussehen.

Debug:
Das klingt ziemlich nach einer Post-Techno-Haltung?
Jackson:
Das stimmt, ja.

Debug:
Gibt es irgendetwas, das nicht auf Output erscheinen könnte?
Jackson:
Nein.

Einschub: Wenn irgendwie alles möglich ist, gibt es dann wenigstens so etwas wie ein Koordinatensystem, in dem sich das immer wieder neu konfigurierende Geschmackssubjekt Trevor Jackson bewegt? Fangen wir mit der Negation an: Trevor Jackson war nie ein Raver, auch wenn er sich auf zahlreichen Warehouse Parties südlich der Themse rumtrieb. Zu den Balearic Beats tanzte er ohne Extasy. Er konnte sich zwar für den frühen House begeistern, nicht aber für Techno – ausgenommen der Detroit-Frühphase, als die Grenzen zu House noch fließend waren. Als sich House und Techno in verschiedene Spielarten aufsplitteten, verlor Jackson das Interesse. Zum nerdigen Spartenexperten war er nicht geboren. Ihn fasziniert die embroyonale Phase der Clubkultur, die Mischung von verschiedenen Sachen, nicht ein spezielles Genre: “Kraftwerk, The Clash und dann die Rolling Stones.” Klingt nach Dorfdisko? Lief aber auch in London. Jackson muss das wissen, schließlich war er dabei.

In den 1990er Jahren verfolgte er das Musikgeschehen jenseits der 100 BPM erst gar nicht, sondern betrieb das HipHop-Label “Bite it!” und war Teil der “Brotherhood”-Crew, mit der er 1996 das Album “Elementalz” bei Virgin unterbringen konnte. Nebenbei remixte er unter dem Pseudonym Underdog Stücke von Massive Attack und U2.

Von U2 zu Sascha Funke
Eine Sascha-Funke-EP küsste Jackson wieder für die grade Bassline wach. ”Kompakt- oder Playhouse-Sachen hatten innovative Texturen und funktionierten auf der Tanzfläche. Ich fand die Idee spannend, dass ernsthafte Musiker Clubmusik machen.” Die Tanzmusik, die er so kannte, klang dagegen recht schematisch: “909, Synthie und eine doofe Diva singt darüber.” Plötzlich sollte Musik wieder schneller sein. Hierfür gründete er Output und begann mit seinem Projekt Playgroup musikalischen Jugendlieben nachzuforschen.

Debug:
Auf deinem Label sind gar keine englischen Künstler, oder?
Jackson:
(lacht) Du hast Recht. Na ja, Tall Blond kommt aus England. Allerdings bemühe ich mich sehr darum Künstler aus aller Welt zu bekommen. Ich wollte nie so eine “Lads”-Mentalität haben. Dieses “Wir sind aus dieser Stadt und jenem Viertel, darauf sind wir mächtig stolz und bei uns und unseren Kumpels geht es genau um dieses Ding“.

Debug:
In England steckt insbesondere die Tanzmusik in einer Krise. Ist deine vielseitige Veröffentlichungspolitik auch eine Reaktion auf diese Umstände?
Jackson:
Das Problem ist, dass die Clubszene wirklich mies ist, obwohl es eine gute Musikszene gibt. Die Clubs sind langweilig und unkreativ. Die Musik ist nur blasse Hintergrundbeschallung für die Leute zum Drogennehmen. Die Leute hier werden einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen. Das fängt schon beim Radio an, wo die Charts von der Radio-1-Mafia diktiert werden, die dann auch darüber bestimmt, was die Kids hören und kaufen. Kreativität ist in diesem Land also eine Reaktion auf Apathie. Ironischerweise will ein Teil von mir jetzt, wo das Label wächst, Musik herausbringen, die viele Leute vielleicht nicht mögen. Ich möchte nicht den Mainstream bedienen. Das war auch immer ein Ziel des Labels.

Debug:
Wie findest du Künstler?
Jackson:
Ich bekomme eine Menge Demos. Colder hat mir z. B. ein Demo geschickt. Oder über Freunde. Auf The Rapture und LCD Soundsystem bin ich über Tim Goldsworthy gestoßen, als wir mit MoWax gearbeitet haben. Es ist aber nicht so, dass ich um die Häuser ziehe und neue Bands suche. Und wenn sich auch andere Labels für eine Band interessieren, dann lasse ich die Finger davon. Ich konkurriere da nicht. Wenn jemand auf Output herauskommen möchte, fein, wenn jemand bei vielen Labels unterkommen will, nein. Ich will Bands, die zu mir kommen, weil sie wollen, dass ich ihre Platte veröffentliche.

Debug:
Wie viele Demos bekommst du?
Jackson:
Ungefähr zehn pro Woche.

Debug:
Hörst du dir alle an?
Jackson:
Immer das erste Stück.

Debug:
Wann weißt du, ob das Stück für Output geeignet ist?
Jackson:
Nach 20 Sekunden.

Meinungsfreudig und geschmackssicher – wie das Label, so der Macher. Modisch, möchte man sagen, in einem positiven Sinne: Modebewusstsein als Ausdruck von Risikofreude und Flexibilität und nicht von Wendehalsigkeit und Opportunismus, wie das in Jugendkulturen gerne ausgelegt wird. Output jedenfalls lässt das Bekenntnis zu einem Stil unnötig halsstarrig und dogmatisch erscheinen. Jacksons Gemischtwarenladen führt auf jeden Fall ein funkiges Sortiment. Uns setzt er ständig neue Bands und Formate vor, sich selbst immer neuen Geschmacksentscheidungen aus. Er kümmert sich nicht um die kleine Verschiebung, sondern um den ganzen Entwurf. Klar, Jackson ist ja auch Absolvent einer Kunsthochschule und stieg mit der Gestaltung von Plattencovern ins Musikgeschäft ein.
Wenn bei Output nicht das Label im Vordergrund stehen soll, dann gerät nicht nur der Artist, sondern auch der A&R ins Blickfeld. Aber was tun, wenn man sich als Labelmacher plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit befindet – ist man dann am Ziel, oder am Ende?

Debug:
Was bedeuten Trends für dich und dein Label?
Jackson:
Als ich “House of Jealous Lovers“ zum ersten Mal hörte, dachte ich sicher nicht, dass irgendwem die Platte gefallen könnte. Zu dieser Zeit war ich mit meinem Playgroup-Album beschäftigt, das sich stilistisch an niemanden anlehnte. Mit “Make it happen” habe ich definitiv nicht versucht, einen Trend zu treffen. Mir ging es eher darum, gewisse Punkte in meinem Leben aufzunehmen. Mir hat etwas gefehlt. Niemand machte Platten mit einem Live-Bass darin, so wie das früher im Dub war, was aber auch ziemlich rockig klingt. Ich habe also versucht, eine Rockplatte zum Tanzen zu machen. Ich dachte aber nicht, dass das trendy wäre oder cool. Ich habe auch nicht im Traum angenommen, dass die Platte so erfolgreich werden könnte. Natürlich war ich dann begeistert. Aber ich versuche nicht, so etwas bewusst zu steuern. Eher im Gegenteil: Mein größtes Problem im Moment ist, dass viele Leute denken, dass es bei Output um einen Punk-Funk-Disko-Sound geht.

Debug:
Versuchst du, dieses Image zu unterwandern?
Jackson:
Das Circlesquare-Album klingt gar nicht so, das Dead-Combo-Album auch nicht. Meine nächste Platte wird auch ganz anders sein. Außerdem bin ich loyal zu meinen Künstlern und arbeite langfristig mit ihnen. Ich lasse sie doch nicht fallen, weil sie in ein spezielles Genre passen. Außerdem plane ich voraus. Nächstes Jahr werde ich Platten veröffentlichen, die anders klingen. Als kleines Label muss man sich weiterentwickeln.

Debug:
Hast du jemals auf einer Modenschau aufgelegt?
Jackson:
(irritiert) Nein, aber ich finde Mode schon wichtig. Ein kreativer Kanal, wie Film oder Literatur. Ich möchte zwischen vielen Bereichen wechseln können, also auch zwischen der Modenschau und kleinen Underground-Parties. Ich möchte alle möglichen Leute mit ganz verschiedenen Musikrichtungen zusammenführen.

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Elektronische Lebensaspekte.